Fußball-WM 2022 in Katar: Wie das Kafala-System Ausbeutung ermöglicht

Fußball-WM 2022 : Wie Katar seine Arbeiter ausbeutet

Dreieinhalb Jahre sind es noch, bevor im November 2022 die WM in Katar eröffnet wird. Kein Turnier stand zuvor so in der Kritik. Die Arbeitsbedingungen im Land bleiben neun Jahre nach der Vergabe an das Emirat desolat.

Das Emirat Katar ist seit der überraschenden Vergabe der Fußball-WM 2022 massiv in den Fokus der Weltöffentlichkeit gerückt. Die desolaten Arbeitsbedingungen, unwürdige Unterkünfte und riskante Tätigkeiten zur Errichtung von Stadien in dem Wüstenstaat der Arbeiter sind seitdem immer wieder Thema der Berichterstattung. Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International und Human Rights Watch sprachen sogar von einer modernen Form von Sklaverei. Doch warum ist die Situation für Arbeiter in Katar überhaupt so? Wir erklären das sogenannte Kafala-System.

Was sind die Grundlagen?

Einkünfte aus Öl und Gas bescheren Katar das höchste Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukt der Welt. Der Wüstenstaat gehört zu den reichsten Ländern der Erde. Investitionen in die Infrastruktur nahmen in erheblichem Maße zu und der Produktionsfaktor Arbeit steigt kontinuierlich. Bei der Vergabe der Fußball-WM 2010 hatte Katar 1,6 Millionen Einwohner, im vergangenen Jahr waren es circa 2,7 Millionen Einwohner, davon waren nur rund 300.000 Einheimische. Fast 88 Prozent der Menschen in Katar sind Migranten. Die meisten von ihnen sind Gastarbeiter, die hauptsächlich aus Indien, Pakistan, Bangladesch, Nepal und den Philippinen stammen. Sie machen etwa 95 Prozent der Erwerbsbevölkerung aus. Das ist der höchste Anteil im Vergleich zu Staatsangehörigen weltweit.

Wie kann es dazu kommen, dass die Arbeitsbedingungen so schlecht sind?

Im Zentrum steht das Kafala-Gesetz. Kafala ist ein besonderes System der Bürgschaft und unter anderem in den arabischen Golfstaaten weit verbreitet. Arbeiter dürfen nur ins Land, wenn sie einen „Sponsor“ haben, der für sie bürgt. Im Fall der katarischen Gastarbeiter ist der Sponsor meist der Arbeitgeber, wodurch sich der Arbeitnehmer in eine extreme Abhängigkeit begibt. Denn ohne das Einverständnis des Sponsors darf der Arbeiter seinen Arbeitsplatz nicht wechseln oder gar das Land verlassen. Ferner hat der Arbeitgeber immer die Möglichkeit die Beschäftigung aufzulösen und damit die Aufenthaltserlaubnis zu entziehen. Verlässt der Arbeitnehmer Katar, darf er, selbst mit einem neuen Sponsor, für zwei Jahre nicht zurückkehren. Das macht die Arbeitnehmer extrem anfällig für Zwangsarbeit. Das asymmetrische Machtverhältnis ermöglicht den Arbeitgebern zudem, den Arbeitnehmer zu niedrig, verspätet oder gar nicht zu entlohnen.

Wie erfuhr die Welt davon?

Erstmals machte die britische Tageszeitung The Guardian im November 2013 auf die erheblichen Missstände beim WM-Gastgeber aufmerksam. Der Bericht enthüllte, dass in einem Zeitraum von zwei Monaten 44 nepalesische Gastarbeiter ums Leben gekommen waren, durch plötzlichen Herzstillstand oder schwerwiegende Unfälle auf den Baustellen. Offiziellen Zahlen der nepalesischen Regierung zufolge sind binnen der vergangenen zehn Jahre 1426 Arbeiter aus der asiatischen Republik in Katar gestorben. Diese Zahlen addieren aber die Todesfälle von Migranten aller Baustellen in Katar und nicht nur direkter WM-Baustellen. Jedoch steht ein Großteil der Bauprojekte – Hotels, Straßen, U-Bahnen – mittelbar in Zusammenhang mit dem Turnier.

Was hat sich seitdem getan?

Im Dezember 2016 – auf den Druck der Weltöffentlichkeit hin – führte die katarische Regierung ein neues Arbeitsrecht ein, das „konkrete Verbesserungen“ für die Arbeiter bringen und das Kafala-System abschaffen sollte. Zudem wurde ein elektronisches Bezahlsystem eingeführt. Die neuen Regularien sollten es den Gastarbeitern erleichtern, ihre Jobs zu wechseln und das Land zu verlassen. Amnesty nannte die Reformen jedoch inadäquat. „Das neue Gesetz mag zwar den Namen ‚Sponsor‘ gestrichen haben, das gleiche System bleibt aber intakt“, hieß es damals vom Deputy Director für Globale Themen von Amnesty, James Lynch.

Katar unterzeichnete im November 2017 eine Vereinbarung mit der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) der Vereinten Nationen und versicherte, seine Gesetzgebung den internationalen Arbeitsnormen anzupassen. Seither haben katarische Behörden mehrere kleine Gesetze zugunsten der Gastarbeiter erlassen, zum Beispiel wurde die Notwendigkeit einer Ausreiseerlaubnis abgeschafft. Dafür hatten die Arbeitnehmer bislang die Einwilligung des Arbeitgebers gebraucht. Zudem wurde ein temporärer Mindestlohn eingeführt, der liegt aber gerade einmal bei etwa 200 US-Dollar.

Welche Rolle spielt die Fifa?

Recherchen des WDR-Magazins Sport inside hatten zur Folge, dass der Fußball-Weltverband Anfang Juni erstmals einräumen musste, dass es beim Bau eines Stadions für die WM zu „Verstößen gegen die Standards für die Arbeiter“ gekommen sei. 23 Arbeitern des Stadions Al Bayt in Al Khor waren Löhne erst mit mehrmonatiger Verspätung von einem Subunternehmer ausbezahlt worden. Die FIFA nannte diese Äußerungen "schwerwiegende Vorwürfe" und versprach Aufklärung.

Nach den ersten Berichten im Jahr 2013 hatte der damalige Fifa-Präsident Sepp Blatter noch gesagt, dass man zwar „die Augen nicht verschließen“ werde, aber „die Verantwortung bei den Unternehmen läge“. „In jedem Land der Welt, kann es zu tödlichen Zwischenfällen auf Baustellen kommen, insbesondere auf WM-Baustellen.“ Nachdem viele einen WM-Entzug gefordert hatten, hieß es von Blatter: „Wir wollten Katar, und wir ziehen das durch.“