Julian Draxlers Karriereknick Vom Wunderknaben zum Durchschnittsspieler

Düsseldorf · Julian Draxler galt mal als Wunderknabe des deutschen Fußballs. Heute ist er ein Spieler ohne großen Wiedererkennungswert. Wie konnte es soweit kommen? Rekonstruktion einer Karriere, die anders laufen sollte.

Julian Draxler im Oktober 2020 im DFB-Trikot

Julian Draxler im Oktober 2020 im DFB-Trikot

Foto: dpa/Federico Gambarini

Am 10. November hat Fußball-Bundestrainer Hansi Flick sein Aufgebot für die Advents-Weltmeisterschaft in Katar vorgestellt – mit weit weniger Getöse, als es bei seinem Vorgänger Joachim Löw üblich war. Julian Draxler (29) gehört nicht zur Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes. Und das ist nicht verwunderlich.

Zum einen zeigt die Formkurve eines der vielen ehemaligen Wunderknaben des deutschen Fußballs seit Jahren zumindest nicht nach oben. Zum anderen hat sich Draxler bei einem seiner ersten Einsätze für den neuen Verein Benfica Lissabon ordentlich verletzt. Eine Muskelblessur am linken Oberschenkel trug ihn Ende Oktober aus der Bahn, sein Klub sprach von einer „wochenlangen Pause“. Weil das Turnier in Katar bereits am 20. November beginnt (für Deutschland gegen Japan drei Tage darauf), können sich sogar mathematisch eher bescheiden entwickelte Geister an den Fingern ihrer wahlweise rechten oder linken Hand abzählen, dass es recht eng würde mit der Fitness.

Wenn Draxler zum Beispiel Manuel Neuer wäre, hätte die gesamte Fußballnation das bange Grübeln begonnen, wie es doch noch klappen könnte mit einem Startplatz für Katar. Aber Draxler? Im nicht mehr sehr zarten Alter von 29 Jahren ist aus dem Mittelfeldspieler, der neben Mario Götze mal als die schillerndste Hoffnung des deutschen Lieblingssports galt, ein Spieler ohne großen Wiedererkennungswert geworden.

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Das war mal ganz anders. Julian Draxler sollte einst bei Schalke 04 zur wesentlichen Figur einer großen Mannschaft aufgebaut werden. Weder aber ist Schalke eine große Mannschaft geworden oder geblieben, noch ließ sich der Hochbegabte von blau-weißen Emotionen leiten.

2014, da standen alle Zeichen auf Weltkarriere, stimmte Draxler einer vorzeitigen Vertragsverlängerung zu. Schalkes Führung war derart begeistert, dass sie acht Kleinlaster durchs Revier kurven ließ (sogar nach Dortmund), darauf überlebensgroße Fotos von Draxler und der frohe Spruch: „Mit Stolz und Leidenschaft bis 2018.“

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Ganz so lang hat es dann nicht gedauert mit Stolz und Leidenschaft. Schon ein Jahr nach der Verlängerung des Kontrakts wechselte der junge Weltmeister zum VW-Klub Wolfsburg. Eine Ablösesumme von 37 Millionen Euro ebnete den Weg vom vermeintlich ewigen Schalker Werbeträger zum kühlen Fußball-Geschäftsmann.

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Foto: dpa/Sven Hoppe

Der Transfer sorgte auch in der Werbeabteilung des VfL für Bewegung. Sie plakatierte wesentliche Teile der städtischen Umgebung mit großen Fotos des neuen Stars und dem Schriftzug „Wolfsburger. Mit jeder Faser.“ Sie hätte sich vielleicht vorher besser bei den Schalker Kollegen erkundigen sollen. Denn auch in Niedersachsen kam der Zukunftsplanung einiges dazwischen, hauptsächlich eine Menge Geld. Den Sommer 2016 hatte Draxler hauptsächlich mit dem großen Nölen um die Gesamtsituation verbracht, und er ließ das von seinen Beratern durch öffentliche Gerüchte um Angebote von den ganz großen europäischen Klubs flankieren. Als er seine Wechselwünsche noch mit dem Lieblingsblatt „Bild“ besprach, gab ihm sogar die Wolfsburger Konzernleitung eine kleine Nachhilfestunde in Fragen Vertragslehre.

Alles ohne Erfolg. Im Januar 2017 wechselte der Spieler zu Paris St. Germain. Das Emirat Katar, höchst vermögender Eigentümer des neureichen Klubs, blätterte 45 Millionen Euro hin. Damit gehörte der ehemalige Schalker natürlich nicht zur Einkommens-Elite in Paris, aber er fühlte sich dennoch angemessen honoriert. Der Schritt in die Weltelite schien getan. Logisch für einen, der mit 19 schon 100 Bundesligaspiele für Schalke bestritten hatte und mit 20 Weltmeister wurde.

Tatsächlich schien Draxler nun endlich im erwachsenen Fußball angekommen zu sein. Als Kapitän der Confed-Cup-Mannschaft führte er eine deutsche Perspektiv-Auswahl bereits im Sommer zum Sieg, die Fifa wählte ihn zum besten Spieler des Turniers. Irgendwann in den nächsten Jahren jedoch geriet er vom strahlenden Weg ab. In Paris war er nur noch selten in der Startelf, die Auftritte im DFB-Team hinterließen keinen bleibenden Eindruck. Draxler wurde so auswechselbar wie seine glattgebügelten öffentlichen Auftritte neben dem Rasenviereck.

Zuletzt spielte er im Frühjahr bei Tests gegen Israel (2:0) und in den Niederlanden (1:1) eher unbemerkt mit. Die Nations-League-Spiele gegen Ungarn (0:1) und in England (3:3) verpasste er.

Benfica sollte den Rückweg zu sportlicher Unverwechselbarkeit markieren. Er habe „Komfortzonen verlassen“, sagte Draxler, „ich freue mich auf alles, was noch kommt.“ Die WM, das steht nun fest, ist es nicht. Vielleicht gibt ihm das Aufgebot von Hansi Flick trotzdem Hoffnung. Nach einigen Jahren wurde nämlich Mario Götze wieder berufen. Der ist schon 30. Draxlers DFB-Karriere muss also noch nicht zu Ende sein. Auch wenn es stark danach aussieht.

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