Fans, Fifa, Vorwürfe Hier richtet das deutsche WM-Debakel die größten Schäden an

Analyse | Düsseldorf · Mehr noch als die sportliche Enttäuschung werden die nachhaltigen Folgen des WM-Auftritts zu schaffen machen. Es geht um den Wirtschaftsfaktor Nationalmannschaft, um den Einflussverlust des deutschen Profisports auf der Weltbühne und um eine Olympia-Bewerbung. Wir skizzieren die Ausmaße eines Scherbenhaufens.

„Deutschland erreicht beispiellosen Tiefpunkt“
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„Deutschland erreicht beispiellosen Tiefpunkt“

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Foto: dpa/Federico Gambarini

Am Ende flog die deutsche Fußball-Nationalmannschaft mit kiloweise Übergepäck zurück nach Hause. Enttäuschung, Vorwürfe, Schuldzuweisungen – die Reisegruppe Katar bezahlte einen hohen Preis für ihre Gesamtdarbietung am Golf. Nur Häme und Schadenfreude aus Teilen der Welt, die gab es gratis. Vor allem für den Weltfußballverband Fifa und seine umstrittene Führungscrew um Präsident Gianni Infantino dürfte das frühe Ausscheiden der Deutschen eine innere Genugtuung darstellen. Niemand hatte ihnen schließlich die Wüsten-WM in Katar derartig madig zu machen versucht, wie diese Deutschen. Wo weite Teile der Welt WM-Euphorie lebten, ging es den teutonischen Besserwissern nur um Menschenrechte, Klima und faire Löhne.

WM 2022 im Fernsehen: TV-Einschaltquoten der Spiele in Katar
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Die Einschaltquoten der bisherigen WM-Spiele in Katar am TV

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Foto: dpa/Mike Egerton

Nun muss sich niemand hierzulande dafür entschuldigen oder gar rechtfertigen, die offensichtlichen Missstände beim WM-Gastgeber angesprochen und kritisiert zu haben. Nicht der Deutsche Fußball-Bund und nicht Lieschen Meier. Doch der DFB wird eben viel länger mit den Konsequenzen seines fragwürdigen Agierens leben müssen als der Ottonormalbürger mit einem kritischen Post bei Instagram. Und die Folgen für den deutschen Fußball reichen bei näherer Betrachtung viel weiter als nur zu der Frage, ob Hansi Flick noch der richtige Bundestrainer ist.

Das Premium-Produkt wird zum Ladenhüter 17,4 Millionen Zuschauer schalteten am Donnerstagabend ein, als Flicks Team gegen Costa Rica aus dem Turnier ausschied. Das sind weniger als bei der Finalniederlage der deutschen Frauen im Sommer bei der EM in England. Das von DFB-Manager Oliver Bierhoff über Jahre bis zum Exzess gepushte Premium-Produkt Nationalmannschaft hat in Katar massiv an Glanz verloren.

Nationalmannschaft: Die Bilanzen der Bundestrainer beim DFB
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Die Bilanzen der Bundestrainer beim DFB

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Foto: dpa, nic

Die Zuschauer haben mit der Fernbedienung mitgeteilt, was sie von dieser WM und dem Kunstprodukt DFB-Team halten. Einschaltquoten sind die härteste Währung, insofern trifft ihr Rückgang den DFB massiv und nachhaltig.

Gut anderthalb Jahre vor der Heim-EM in eben dieser Heimat neue Lust auf die Nationalmannschaft zu entfachen, wird nun plötzlich zur Herkulesaufgabe, wenn selbst in Zeiten größter Energiekrisen die Menschen immer weniger Drang verspüren, sich an der Nationalmannschaft als letztem Lagerfeuer der Nation zu erwärmen.

DFB: Das sind die Tiefpunkte der deutschen WM-Geschichte
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Foto: dpa/Christian Charisius

Der WM-Auftritt isoliert Deutschland weiter im Fifa-Orbit Mehr noch als das sportliche Desaster könnte der DFB indes die Konsequenzen eines planlos und strategisch einfältigen Konfrontationskurses gegenüber Katar und der Fifa zu spüren bekommen.

Störrisch-blind auf der One-Love-Binde zu beharren, als längst keine europäische Nation sich für dieses Stück Stoff die Finger verbrennen wollte, war platt gesagt idiotisch. Die Mund-zu-Geste der Spieler vor dem Japan-Spiel wirkte jungenhaft-plump die folgende Niederlage nicht nur Belgiens Eden Hazard viel mehr, als dass ihr Sinn durchgedrungen wäre.

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Die Netzreaktionen zum DFB-Aus bei der WM

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Foto: AFP/KARIM JAAFAR

Auch die fragwürdige Idee, als einziges Team 100 Kilometer weit außerhalb Dohas zu logieren, wirkte wie die Flucht von Besserbetuchten vor dem Pöbel der anderen 31 Teams. Dann indes noch auf einen Spieler bei einer Pressekonferenz zu verzichten, weil die Anreise nach Doha unzumutbar sei, brüskierte schnell noch die Weltpresse. Der DFB stand am Ende seines kurzen WM-Besuchs häufiger im Fettnäpfchen als im Abseits.

Hinzukommt: Infantino selbst kann sich sicherer sein als je zuvor, dass ihm aus dem Europäischen Verband Uefa keine Gefahr droht. Denn wenn es der DFB als mitgliederstärkster nationaler Sportfachverband der Welt nicht schafft, Allianzen gegen den umstrittenen Fifa-Präsidenten zu schmieden, sagt das viel aus. Vor allem über den DFB. Einen DFB, der über Jahre viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt war, als dass er gemeinsam mit anderen europäischen Verbänden der Maßlosigkeit der Fifa Gehaltvolles hätte entgegensetzen können.

WM und Olympia werden einen weiten Bogen um Deutschland machen Für den DFB gilt in Bezug auf die Fifa im Prinzip dasselbe wie für den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB): Beide sollten bei ehrlicher Selbstbetrachtung aufhören zu glauben, dass in absehbarer Zukunft eine Fußball-WM oder Olympische Spiele in Deutschland stattfinden werden. Fifa und Internationales Olympische Komitee (IOC) wären ja mit dem Klammerbeutel gepudert, sich mit den mäkeligen, aufs Geld schauenden Deutschen als Gastgeber zu beschäftigen, wo doch überall auf der Welt Nationen als Interessenten bereit stehen, die weniger öffentliche Kritik zulassen und bereit sind, deutlich mehr Geld in eine Ausrichtung zu stecken.

Nicht falsch verstehen: In diesen Zeiten als WM- oder Olympiabewerber keine Aussicht zu haben, geht angesichts der Korruptionsvorwürfe gegen Fifa und IOC durchaus als erstrebenswert durch. Es geht halt nur mit einem Bedeutungsverlust einher, der all dem, was der deutsche Sport, der deutsche Fußball an Veränderungen durchbringen wollten, international jede Unterstützung entzieht.

Für den DOSB, der in Baden Baden eine „Strategie für eine mögliche Bewerbung um Olympische und Paralympische Spiele“ einstimmig beschloss, wird also die ohnehin nicht einfache Mission, Bürger dieses Landes und Vorwürfen ausgesetzte IOC-Mitglieder davon zu überzeugen, wie schön es doch wäre, Olympia demnächst mal wieder nach Deutschland zu vergeben, noch schwerer.

Wenn also der DFB beginnt, die Scherben seines WM-Auftritts zusammenzukehren, sollte er besser den großen Besen aus dem Schrank holen. Denn zu Bruch gegangen ist mehr als das erste grobe Durchfegen nahelegt.

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