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Favela-Bewohner sind die Verlierer der WM in Brasilien

Situationsbericht aus Brasilien : Favela-Bewohner sind die Verlierer der Weltmeisterschaft

Die Armen klagen, dass sie nichts vom großen Fußballturnier in Brasilien haben. Im Gegenteil: Sie gelten als Störfaktoren.

Noch 50 Tage sind es bis zur Weltmeisterschaft in Brasilien. Unerbittlich zählt die offizielle Countdown-Uhr am weltberühmten Copacabana-Strand die Zeit rückwärts. Doch je näher der Tag X rückt, wenn Brasilien und Kroatien in der zurzeit immer noch nicht fertigen Arena Corinthians in Sao Paulo die WM eröffnen sollen, je unkalkulierbarer scheinen die Probleme und die Stimmung.

"Wir wollen mit dem Gouverneur reden", fordert Rodrigo Moreira. Zusammen mit anderen vertriebenen Bewohnern der illegal auf einem Gelände eines Telefon-Unternehmens errichteten Favela haben sie sich auf dem Vorplatz von Rios moderner Kathedrale San Sebastian niedergelassen. Am Gitter haben sie die Parole "Telerj Widerstand" aufgehängt, benannt nach dem Viertel, aus dem sie verjagt wurden. Die Osterfeierlichkeiten hat das Erzbistum in der Kathedrale abgesagt oder an andere Schauplätze verlegt. Stattdessen gab es für die unerwarteten Besucher eine warme Mahlzeit und etwas zu trinken.

Er sei arbeitsloser Fotograf, für ihn und seine Familie sei das eine sehr schwierige Situation, weil er nicht wisse wohin. "Wir wollen dass sich der Gouverneur mit uns zusammensetzt und über die Situation spricht. Damit er sich unsere Sorgen und Nöte anhört. Die brasilianische Verfassung sichert uns das zu", sagt Moreira.

Im Kern trifft er die Problematik damit auf den Kopf. Wohin mit den Armen, die mit ihren Blechhütten strategisch interessante Plätze besetzen? Das Gelände, von dem Moreira vertrieben wurde, liegt zwar nicht unmittelbar neben dem weltberühmten Maracana-Stadion, dafür in der Nähe. Dort sind Grund und Boden seit der Renovierung der Finalarena ebenso spürbar teurer geworden wie die Mieten. Alle, die etwas besitzen, wollen irgendwie mitverdienen an dieser WM. Für die, die nichts haben, wird alles noch unerschwinglicher, und sie ein ein unbequemer Störfaktor. Bevor die Weltpresse in Brasilien einfällt, sollen Polizei und Sicherheitskräfte noch schnell ein paar Problembezirke säubern. In Niteroi, einem beliebten Vorort von Rio, ging das am Osterwochenende schief. Zwei Menschen starben bei einer Schießerei mit der Polizei, die Hintergründe sind noch unklar. Zuvor war es bei der Räumung der Favela der Kirchenbesetzer in Rio zu schweren Ausschreitungen gekommen. Hier waren auch zahlreiche Polizisten unter den verletzten Opfern.

Die sind ohnehin die Prügelknaben und müssen ausbaden, was Politik und Wirtschaft versäumt haben. In Salvador, einem Spielort der deutschen Nationalmannschaft (gegen Portugal), gingen die Polizisten vor ein paar Tagen in einen Ausstand: Prompt stieg die Mordrate spürbar an, es kam zu Plünderungen.

Favelabewohner, die ihre angestammte Heimat verlassen müssen, weil sie für WM- oder Olympiaprojekte im Weg sind, wird in der Regel eine Alternative angeboten. Meist sind aber die neuen Wohnorte weit draußen und weit weg von dem Platz, wo sie jetzt überleben konnten. Das führe zu einer Ghettoisierung, befürchtet Antonio da Costa von der Bürgerrechtsorganisation "Rio de Paz". Die Armen würden regelrecht entsorgt, damit Platz geschaffen wurde für die neuen millionenschweren Bauten. "Die Menschen werden sich das nicht länger gefallen lassen", glaubt da Costa.

Eine kurzfristige Lösung ist nicht in Sicht, stattdessen setzt Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff auf starke Militärpräsenz und das Prinzip Hoffnung: Die Begeisterung der Brasilianer für den Fußball wird auch in den Armenvierteln über die Wut siegen, lautet ihr Kalkül. So sicher ist das nicht. "Die Weltmeisterschaft hat uns nichts gebracht, keine Arbeitsplätze und keine Perspektive", sagt Favelabewohner Rodrigo. So ist die Stimmungslage in Rios Favelas 50 Tage vor der WM.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Ein Toter bei Unruhen in Rio de Janeiro

(RP)