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WM-Skandal: Alleingang von DFB-Chef Wolfgang Niersbach

WM-Skandal : Alleingang des Präsidenten

Wolfgang Niersbach hat schon im Sommer von Vorwürfen gegen den DFB erfahren - er behielt es aber lange für sich.

Am vergangenen Freitag ist das Präsidium des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) zu einer Telefonkonferenz zusammengeschaltet worden. Wolfgang Niersbach hat den Mitgliedern des Gremiums dabei offenbart, dass es wohl Ungereimtheiten rund um das Sommermärchen 2006 gibt. Teilnehmer der Runde erzählen davon, dass Niersbach nach eigenem Bekunden schon im vergangenen Sommer erfahren hat, dass unklar ist, wo 6,7 Millionen Euro geblieben sind, die der DFB im April 2005 an den Weltfußballverband Fifa überwiesen hat. Das Geld war angeblich für ein Kulturprogramm bestimmt. Das hat aber nie stattgefunden.

Niersbach hat daraufhin eine interne Ermittlung eingeleitet - davon aber seinen Kollegen im Präsidium nichts erzählt. "Ich habe über diesen Umstand natürlich mit ihm gesprochen", sagt DFB-Schatzmeister Reinhard Grindel im Gespräch mit dieser Redaktion. Grindel, der für die CDU im Bundestag sitzt, und einige andere Funktionäre sind sehr verschnupft darüber gewesen, erst mit derart großem zeitlichem Verzug eingebunden worden zu sein.

Vermutlich würden sie noch immer nichts davon wissen, wenn der DFB-Präsident sich nicht im Rahmen einer angekündigten Berichterstattung des "Spiegel" zum Handeln gezwungen gesehen hätte. Das Nachrichtenmagazin mutmaßt, das Bewerbungskomitee habe eine "schwarze Kasse" geführt - und eben jene 6,7 Millionen Euro (damals rund 13 Millionen Mark) seien mutmaßlich zum Stimmenkauf verwendet worden. Die Kandidatur des DFB setzte sich bei der Abstimmung im Fifa-Exekutivkomitee mit 12:11 Stimmen hauchdünn gegen Südafrika durch.

Der DFB in Person von Niersbach hat dies entschieden zurückgewiesen, kann derzeit aber offenbar auch nicht belegen, für was das Geld denn schlussendlich bei der Fifa eingesetzt wurde. Völlig unklar ist, ob nicht zum Beispiel eine interne Revision des DFB viel früher auf den Betrag hätte kommen müssen. Der "Spiegel" sagt, er besitze ein Dokument aus dem Jahr 2004, auf dem ein handschriftlicher Vermerk von Niersbach zu finden sein soll. Niersbach sagt: "Ich kann mich daran absolut nicht erinnern, zumal ich in meiner Eigenschaft als OK-Vizepräsident Marketing und Medien nur sehr bedingt in wirtschaftliche Transaktionen eingebunden war."

Hinter den Kulissen ist von Teilnehmern der Präsidiumssitzung die Rede von einem mindestens unglücklichen Verhalten Niersbachs. Es sollen auch deutlich schärfere Töne gegen den 64-Jährigen in persönlichen Gesprächen gefallen sein. Doch die Loyalität gegenüber dem "geschätzten Wolfgang" will es auch, dass niemand bislang öffentlich gegen ihn wettert.

In der offiziellen Sprachregelung des DFB hatte es zunächst so geklungen, als ob der Verband in seiner Gesamtheit Nachforschungen betrieben hätte. Wortwörtlich hieß es in der Erklärung: "Aus Anlass der Untersuchungen im Zusammenhang mit dem Weltverband Fifa und aufgrund der immer wieder auftretenden Mutmaßungen in den Medien hat sich der DFB in den vergangenen Monaten intern mit der Vergabe der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 befasst." Dass es tatsächlich nur Niersbach war, sagt viel über die Intransparenz im größten Sportfachverband der Welt aus. Viele seiner Kollegen fragen sich auch, warum er diesen Alleingang gemacht hatte.

Bis heute hat es seit Bekanntwerden der Vorwürfe noch kein persönliches Treffen der Entscheidungsträger gegeben. Man hätte annehmen können, es werde eine außerordentliche Sitzung einberufen. Fehlanzeige. Heute Abend treffen sich 21 Landespräsidenten und die fünf Regionalpräsidenten zu einer turnusmäßigen Sitzung. Erst am Freitag kommt dann das oberste Gremium des DFB diesmal in Dortmund zusammen. Normalerweise tagt der 16-köpfige Rat in der Otto-Fleck-Schneise in Frankfurt am Main. Doch an diesem Abend wird das Deutsche Fußball-Museum offiziell eröffnet - und da will natürlich niemand fehlen. Wie ungezwungen man dann in die Kameras lächelt, wird die Entwicklung in den kommenden Tagen zeigen.

Die unmittelbar Handlungsbeteiligten des Bewerbungskomitees sind sich jedenfalls keiner Schuld bewusst. Franz Beckenbauer, der das Organisationskomitee als Präsident angeführt hatte, ließ am Wochenende über sein Management verlauten: "Ich habe niemandem Geld zukommen lassen, um Stimmen für die Vergabe der Fussball-Weltmeisterschaft 2006 nach Deutschland zu akquirieren. Und ich bin sicher, dass dies auch kein anderes Mitglied des Bewerbungskomitees getan hat."

Beim DFB glauben viele, den Informanten des "Spiegel" enttarnt zu haben - was allerdings anhand der vorliegenden Berichte auch naheliegend wäre. Ex-DFB-Präsident Theo Zwanziger führt seit geraumer Zeit eine persönliche Abrechnung mit seinem Nachfolger Niersbach. Aber ob er nun auch hinter diesem "Racheakt" steckt, wie es gerne die bezeichnen wollen, die von der Unschuld des DFB überzeugt sind, ist ebenso nicht bewiesen. Als Schatzmeister war Zwanziger jedenfalls zur damaligen Zeit für die Finanzen verantwortlich. Informationen über nicht korrekte Zahlungen hätten nur sehr schwer an ihm vorbei lanciert werden können.

Hier geht es zur Infostrecke: War die WM 2006 in Deutschland gekauft?

(gic)