WM-Kolumne von Martina Voss-Tecklenburg: Ganz bewusst für einen Neustart entschieden

WM-Kolumne von Martina Voss-Tecklenburg: Ganz bewusst für einen Neustart entschieden

Unsere Autorin vermisst bei der WM vor allem Kreativität. Als neue Bundestrainerin des Frauen-Nationalteams hat sie sich viel vorgenommen.

Das war irgendwie bisher eine ganz besondere Weltmeisterschaft. Ich hatte nicht die ganz großen Erwartungen. Und dennoch bin ich manchen Bereichen total überrascht worden, in anderen hat sich meine Skepsis bestätigt. Wenn du dir in meiner Funktion ein Spiel ansiehst, dann liegt ein Stift und ein Zettel immer in Griffweite. Ehrlich gesagt habe ich bis auf eine Partie alles angesehen. Du versuchst immer etwas für dich raus zuziehen. Eine besondere Standardvariante oder etwas im taktischen Bereich.

Bei den Top-Teams hat man die komplette Bandbreite gesehen. Am Ende sind viele daran gescheitert, dass ihnen schlichtweg die Mittel gefehlt haben. Von Kreativität war bei einigen wenig bis gar nichts zu sehen. So etwas rächt sich natürlich besonders in der K.o.-Phase. Wenn du nur auf Sicherheit spielst, kann das auch ins Auge gehen. Man muss auch etwas wagen, um zu gewinnen.

Für mich persönlich ist das gerade eine richtig spannende Zeit. Aktuell bin ich ja noch beim Schweizer Verband angestellt, aber natürlich gehen mir auch jetzt schon ein paar Gedanken für meine neue Tätigkeit durch den Kopf. Irgendwann Ende des Jahres werde ich Bundestrainerin der Frauen beim Deutschen-Fußball-Bund (DFB). Warum ich meinen ersten Arbeitstag noch nicht ganz genau weiß? Der Sport schreibt manchmal seine ganz eigenen Geschichten.

Ich stehe mit der Schweiz noch mitten in der Qualifikation für die Weltmeisterschaft. Wir haben zwei extrem wichtige Partien. Wenn es ganz schlecht läuft, könnte es uns passieren, dass wir noch in die Play-offs müssen. Genau dieses Szenario könnte auch Horst Hrubesch mit dem DFB-Team passieren. In diesem Fall haben wir vereinbart, dass der jeweilige Trainer auf jeden Fall die Qualifikation bis zum Ende betreut. Alles andere macht ja auch überhaupt keinen Sinn. Wenn alles gut läuft, bin ich ab dem 15. September beim DFB engagiert, andernfalls dauert es noch bis Ende November. Wenn es richtig ungünstig läuft, dann trifft die Schweiz in einem Entscheidungsspiel ausgerechnet auf Deutschland. Aber so etwas will ich mir gar nicht weiter ausmalen.

Es klingt total abgedroschen, aber ich bin bis zum letzten Tag voll auf meine Arbeit in der Schweiz konzentriert – und dennoch kann ich schon jetzt auch nach vorne blicken. Es ist eine große Ehre für mich, Trainerin dieser deutschen Mannschaft sein zu dürfen. Es warten auf uns große Herausforderungen. Der DFB hat sich bei den Frauen ganz bewusst für einen Neustart entschieden. Und es ist jetzt auch an mir, die Erwartungen zu erfüllen. Wir haben ein tolles Team, um es zu schaffen.

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