WM 2018: Wen Joachim Löw aus dem WM-Kader streichen sollte

Wenn wir Bundestrainer wären... : Wen Löw aus dem WM-Kader streichen sollte

Die DFB-Auswahl bereitet sich in Südtirol auf die WM vor. Joachim Löw muss entscheiden, welche vier Akteure er noch aus dem Kader streicht. Wir haben dem Bundestrainer Vorschläge gemacht, wer rausfliegen sollte.

Das Fünf-Sterne-Hotel Weinegg rollte den Roten Teppich für den Weltmeister aus, der Rasen in der Sportzone Rungg wurde akribisch auf die richtige Länge gestutzt: Die Bedingungen zum Start in die heiße Phase der historischen Mission Titelverteidigung waren für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft perfekt. Als Bundestrainer Joachim Löw und seine Spieler um 13.01 Uhr mit dem schwarzen Mannschaftsbus in der noblen Unterkunft ankamen, jubelten ihnen 150 Fans bei Temperaturen von 24 Grad begeistert zu.

"Ich bin froh, dass es losgeht und man die Spieler greifbar hat", sagte Nationalmannschaftsdirektor Oliver Bierhoff nach der Ankunft und nahm die Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) gleichzeitig in die Pflicht: "Wir müssen jetzt den Teamgeist heraufbeschwören und konzentriert arbeiten." Denn trotz der traumhaften Lage an der malerischen Südtiroler Weinstraße soll in Eppan keine Urlaubsstimmung aufkommen. "Wir werden die Spieler nach und nach härter rannehmen", betonte Bierhoff.

Am ersten Tag stand aber zunächst ein leichter Aufgalopp an. Löw bat seine 19 anwesenden Spieler zu einer lockeren Trainingseinheit. Auf acht Profis musste der Bundestrainer noch verzichten. Sieben seiner strapazierten Stars um Thomas Müller, Mats Hummels und Marc-Andre ter Stegen reisen erst am Freitag an, Toni Kroos stößt nach dem Champions-League-Finale mit Real Madrid gegen den FC Liverpool am Samstag in Kiew erst in der kommenden Woche dazu.

Dann muss Löw knifflige Entscheidungen treffen. Vier Spieler muss er aus seinem 27er-Kader streichen, bevor er am 4. Juni beim Weltverband Fifa sein endgültiges Aufgebot benennt. Für seinen Kapitän Manuel Neuer wird es ein Wettlauf mit der Zeit. Der Torhüter des deutschen Rekordmeisters Bayern München hat nach seinem Mittelfußbruch seit September kein Spiel mehr bestritten. Löw und Neuer sind sich einig: Ohne Spielpraxis macht eine Teilnahme an der WM in Russland (14. Juni bis 15. Juli) keinen Sinn. Vor der Nominierung stehen nur noch das Länderspiel in Klagenfurt gegen Österreich (2. Juni) und voraussichtlich zwei Tests gegen die U20-Auswahl des DFB an. "Ich bin optimistisch und positiv, dass er es schafft", sagte Bierhoff, eine Einsatzgarantie konnte aber auch er nicht geben: "Wir werden nur einen hundert Prozent fitten Manuel Neuer mitnehmen."

Foto: dpa/Markus Gilliar

Neuer fehlt die Praxis

Es ist unbestritten, dass Manuel Neuer einer der besten Torhüter der Welt ist – wenn er hundertprozentig fit ist. Der 32-Jährige fehlte acht Monate wegen eines Fußbruchs. Acht Monate ohne Spielpraxis. Löw sollte sich nicht gegen Neuer, sondern ganz klar für Marc-André ter Stegen aussprechen, der schon mehrfach unter Beweis gestellt hat, dass er von gesteigertem internationalen Format ist.

In der Abwehr spricht vieles gegen Niklas Süle, der zwar robust ist, aber in Sachen Schnelligkeit und Wendigkeit deutliche Defizite im Vergleich zu den Konkurrenten hat. Im Mittelfeld ist Sebastian Rudy vor allem ein wertvoller Trainingspartner, es wird aber weder spielerisch noch von der Bedeutung im Team her reichen, sich für einen Platz im endgültigen Kader zu empfehlen.

In der Offensive ist Timo Werner verzichtbar. Es gibt viele spielstarke Alternativen im Team, die seinen Verlust kompensieren können.

Gianni Costa

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Petersen hat keine internationale Klasse

Manuel Neuer ist fit, ihm fehlt nur die Spielpraxis. Die fehlt Kevin Trapp in Paris auch, und wenn er die Wahl hat, sollte der Bundestrainer den Bayern-Keeper mitnehmen, der auch Teamspieler genug wäre, wenn Marc-André ter Stegen am Ende die Nummer eins im Turnier wäre.

Bei der Fülle der Innenverteidiger fällt Leverkusens Jonathan Tah hinten rüber. Sein Nachteil gegenüber Kontrahenten wie Matthias Ginter oder Antonio Rüdiger ist deren Flexibilität, auch jenseits des Deckungszentrums spielen zu können.

Marvin Plattenhardt kann nur das Argument ins Feld führen, ein weiterer Linksfuß zu sein. Doch sollte Jonas Hector ausfallen, reicht auch eine "Benedikt-Höwedes"-Lösung mit einem Rechtsfuß hinten links wie 2014 in Brasilien.

Nils Petersen darf im Trainingslager mitmischen, aber am Ende spricht dann doch die fehlende internationale Klasse gegen ihn.

Stefan Klüttermann

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Besser ohne Özil und Gündogan

Sicher ist es ein Risiko, Manuel Neuer mit nach Russland zu nehmen. Dass er seit Monaten ohne Spielpraxis ist, lässt sich nicht wegdiskutieren. Aber freiwillig auf den besten Torhüter der Welt verzichten? Nein, da wäre es doch besser, den überschätzten Bernd Leno zu Hause zu lassen. Bundestrainer Joachim Löw hält zwar seit langem eisern am Leverkusener fest, der jedoch immer dann, wenn es darauf ankam, den Nachweis besonderer Klasse schuldig blieb.

Matthias Ginter kann auf eine gute Saison zurückblicken, doch fällt er im Vergleich mit Antonio Rüdiger und Niklas Süle ab, für Jonathan Tah spricht die bessere Perspektive. In Mittelfeld und Angriff hätte Löw seine Entscheidung schon vor Tagen treffen, sprich, Ilkay Gündogan und Mesut Özil nach dem Erdogan-Skandal streichen sollen. Die Qualität in diesen Mannschaftsteilen ist so hoch, dass die Ausfälle zu kompensieren wären.

Bernd Jolitz

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Süle ist zu unbeweglich

Eigentlich hatte Kevin Trapp nicht mal die Nominierung in den vorläufigen WM-Kader verdient. Ralf Fährmann wäre die bessere Wahl gewesen. Zur WM sollte Trapp daher erst recht nicht mitfahren. Auch, wenn Manuel Neuer nicht fit werden sollte. Den Bayern-Keeper in der Hinterhand zu haben, kann nicht verkehrt sein.

Niklas Süle hat sicher seine Klasse in einigen Spielen unter Beweis gestellt. Man hat aber auch erkennen können, dass er immer noch nicht beweglich genug für die absolute Weltklasse ist.

Auf Sebastian Rudy ist zwar generell Verlass, aber gegen die starke Konkurrenz im zentralen Mittelfeld hat er keine Chance. Zudem: Als es für die Bayern um die Wurst ging, verzichtete auch Jupp Heynckes auf den Allrounder.

Auch Mario Gomez sollte die WM vom Fernseher aus verfolgen. Für Nils Petersen spricht der Überraschungseffekt.

Patrick Scherer

(sid)