WM 2018: Was DFB-Präsident Reinhard Grindel zur Affäre um Özil und Gündogan sagt

Grindel über den „Fall Erdogan“: „Der DFB hat sich richtig verhalten“

DFB-Präsident Reinhard Grindel sieht in der Affäre um Mesut Özil und Ilkay Gündogan keine Fehler beim Verband.

Der Präsident hat sich fein gemacht. Im dunklen Anzug betritt Reinhard Grindel die Bühne im Medienzentrum des Deutschen Fußball-Bundes, was allerdings weniger mit dem hohen Anlass der traditionellen WM-Eröffnungskonferenz für die Medien zu tun hat, sondern eher mit der Tagung, von der er gerade kommt.

Grindel hat beim Kongress des Weltverbands Fifa in Moskau für die Vergabe der WM 2026 an die Verbände der USA, Kanadas und Mexikos gestimmt. Er steigt deshalb im Moskauer Vorort Watutinki von der Weltpolitik zu den Befindlichkeiten der deutschen Mannschaft hinab, die zwar immerhin Weltmeister ist, die sich aber eher mit irdischen Dingen zu beschäftigen hat.

DFB hat„vom ersten Tag an richtig verhalten hat“

Zum Beispiel immer noch mit der Aufarbeitung der Foto-Affäre um die türkischstämmigen Spieler Ilkay Gündogan und Mesut Özil und den türkischen Präsidenten Recep Erdogan. Grindel findet, dass sich der DFB, und damit meint er vor allem sich selbst, „vom ersten Tag an richtig verhalten hat“. Er habe das Thema „hinreichend, aber auch klar abgehandelt“, beteuert der Präsident. Und bislang habe niemand, der dem Verband schlechtes Krisenmanagement unterstellt hat, Vorschläge für ein besseres Krisenmanagement unterbreitet. Er blickt ein bisschen kritisch.

Aber nicht nur sich selbst sieht er jenseits möglicher Vorwürfe. Auch in Gündogans Umgang mit der Affäre bleiben für Grindel wenige Wünsche offen. „Er hat doch alles gemacht“, sagt der Funktionär. Trotzdem wurde der Spieler bei den zurückliegenden Testländerspielen ausgepfiffen. Deshalb steht für Grindel fest: „Da muss es etwas geben, das wesentlich tiefer geht.“

„Die Menschen erwarten Klarheit“

Und er weiß auch was. Er sieht die Pfiffe als Ausdruck der gesellschaftlichen Probleme, für die die Zuwanderung gesorgt habe. „Die Menschen“, erklärt Grindel, „erwarten Klarheit.“ Eben auch von Fußballern oder Vertretern des größten Sportverbands der Welt. „Sie erwarten, dass wir Werte einhalten und dafür eintreten, für Toleranz, Integration“, sagt der Präsident. Er ist sicher, dass dies geschieht. Aber er glaubt, „dass Integration nicht Assimilation bedeutet, sondern auch eine Achtung der Herkunft, der Familie“. Gündogan hatte sein Foto mit Erdogan ausdrücklich mit familiären Bindungen in die Türkei erklärt – vermutlich in Absprache mit dem DFB.

Der Spieler hat ebenfalls – zumindest in einer öffentlichen Erklärung – sein Bekenntnis „zu den Werten, für die dieses Land steht“, abgelegt. Ganz nach Grindels Forderung, die er auf dem Podium in Watutinki wiederholt. Dass er damit die Pfiffe von den Rängen, Proteste in Leserbriefen oder Internetforen nicht hat verstummen lassen, begründet Grindel in der Geschichte. Seit 2014, als die Integration im Weltmeisterteam durch Spieler wie Özil, Boateng oder Khedira als gelungen gefeiert werden konnte, habe sich der Blick der Gesellschaft geändert. Und das habe auch mit den Flüchtlingsströmen zu tun.

Grindel ist weniger lautstark als sein Sportdirektor Oliver Bierhoff, der vor dem Leverkusener Testspiel gegen Saudi-Arabien das Thema mit einer barschen Basta-Ansprache beenden wollte. In der Sache will der ehemalige Berufspolitiker dasselbe. „Jetzt“, fordert der DFB-Präsident, „müssen wir zusammenhalten. Ich erwarte, dass sich jeder für Deutschland einsetzt.“ Und da spricht er auch das erste Mal über Mesut Özil, der sich im Gegensatz zu Gündogan bislang einem öffentlichen Wort verweigert hat. „Wenn jemand in Interviews schon keine Antwort gibt, dann eben auf dem Platz.“

Özil: „Auf dem Fußballplatz habe ich immer Spaß“

Es ist zumindest nicht ausgeschlossen, dass Bundestrainer Joachim Löw seinem Mittelfeldspieler dazu schon im Auftaktspiel gegen Mexiko am Sonntag Gelegenheit gibt. Von der Knieblessur, die seinen Einsatz in Leverkusen verhindert habe, wie der Trainer versichert („er hätte schon auch wahnsinnig gern gespielt“), ist Özil inzwischen genesen. Das erste Training in Watutinki absolvierte er ohne erkennbare Beschwerden. Und dass der Kopf mal wieder zwischen die hochgezogenen Schultern wanderte, ist wohl kein Ausdruck tiefer psychischer Leiden, sondern Özils ganz eigene Körpersprache.

Mit diesem Problem haben sich bereits ganze Seminare von Sportpsychologen ausführlich befasst. Als er noch sprach, hat Özil immer tapfer versichert, dass seine melancholische Haltung nichts mit dem grundsätzlichen Befinden zu tun habe. Zu seinen wichtigsten Wortbeiträgen gehörte stets die Feststellung: „Auf dem Fußballplatz habe ich immer Spaß.“ Man sieht es ihm nur nicht immer an – auch vor den Diskussionen um sein Foto mit dem türkischen Präsidenten nicht. Ob ihm die Sprachlosigkeit in dieser Affäre gut tut, ist eine sehr offene Frage. Grindels Aufforderung, wenigstens auf dem Rasen jetzt Taten sprechen zu lassen, wird Özil mit großer Sicherheit zugetragen. Denn intern wird auf jeden Fall gesprochen. So heißt es jedenfalls.

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