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Mittelfeldspieler gegen Schweden auf der Bank

Löws Schachzug ohne Özil geht auf

Das hatte es bislang nicht oft gegeben: Bundestrainer Joachim Löw setzte Mesut Özil (Mitte) gegen Schweden auf die Bank. Foto: Ina Fassbender

Sotschi Mesut Özil war seit der WM 2010 eine schier unumstößliche Konstante im Team der DFB-Elf und immer gesetzt, wenn er gesund war. Ausgerechnet im wichtigen Spiel gegen Schweden (2:1) sitzt der Mittelfeldspieler auf der Bank. Doch der Schachzug von Bundestrainer Joachim Löw geht auf.

In der Nacht von Sotschi trägt der Missmut einen Namen: Mesut Özil. Zum ersten Mal in einem großen Turnier seit der WM in Südafrika steht Joachim Löws Lieblingsspieler nicht in der Startelf, im 27. Spiel endet diese Weltrekord-Serie. Und Özil demonstriert beim Aufwärmprogramm vor der Begegnung mit Schweden, was er von dieser Maßnahme des Bundestrainers hält. Wenn seine Sporthose Taschen hätte, wären seine Arme bis zum Ellenbogen darin versunken. Lustlos kickt er sich mit den älteren Kollegen Sami Khedira, Ilkay Gündogan und Mario Gomez den Ball zu.

Er sieht zu, dass diese Gruppe Abstand hält zu den jüngeren Auswechselspielern Marvin Plattenhardt, Matthias Ginter, Julian Brandt, Leon Goretzka und Niklas Süle, die mit augenscheinlich viel mehr Spaß den Ball zirkulieren lassen. Ein Assistenztrainer nötigt das Özil-Quartett kurz zu einer gemeinsamen Laufübung, bei der Özil sich über den Platz schleppt, als habe ihm jemand die legendären Deuser-Bänder aus Gummi um die Beine gebunden. Als die Startmannschaft im Tunnel steht und aufs Einlaufen wartet, klatscht Khedira hier und da ab und wünscht Glück. Özil geht gruß- und blicklos vorbei.

Özil erstmals seit 2010 auf der Bank Foto: REUTERS/MICHAEL DALDER

Der Spielmacher ist das prominenteste Opfer einer großräumigen Umbauaktion, mit der Löw selbst jene überrascht, die glauben, ihn in zwölf Jahren als Cheftrainer kennengelernt zu haben. Khedira auf die Bank zu setzen, ist bei dessen Machtbewusstsein durchaus ein Wagnis im Blick aufs Binnenklima. Auf Özil völlig zu verzichten, er bleibt die gesamte Partie draußen, ist in Löws Fußballkosmos eine Sensation. Und natürlich wird er gefragt, ob sich da endgültig ein paar Zuständigkeiten geändert haben. Er antwortet: "Den Konkurrenzkampf haben wir auf jeden Fall fürs weitere Turnier." Und als ob er Özils frustriertes Stehgeiger-Aufwärmprogramm vor Augen habe, erklärt Löw: "Mesut Özil werden wir noch brauchen mit seiner Kreativität."

Trotzdem hat er sich gegen die Schweden für eine Mannschaft entschieden, die mehr über Dynamik und mehr über die Körpersprache kommt als der fußballerische Feingeist vom FC Arsenal. Das hat seinen Grund. Löw will gegen die Schweden den Sieg erzwingen, nicht unbedingt nur erspielen.

Er braucht diesen Sieg, denn er weiß, dass ein Punkt wahrscheinlich nicht reicht fürs Achtelfinale, weil der Schweden und Mexikanern für deren abschließendes Gruppenspiel in die Karten spielt. Mit einer Niederlage, das weiß er auch, ist das Turnier für den Weltmeister vorbei. Löw müsste mit dem Makel leben, der erste Coach seit 1938 zu sein, der mit dem deutschen Team in der ersten WM-Runde scheitert. Dass sein Vorgänger in dieser unrühmlichen Rolle Sepp Herberger war, wäre sicher kein Trost. Auf dem Spiel in Sotschi stehen deshalb das Projekt Titelverteidigung und die Zukunft Löws als Bundestrainer.

Das sieht man ihm an. Dem sonst so tiefenentspannten Mann furchen Kerben der Sorge das Gesicht. Er verbringt das gesamte Spiel am äußersten Rand seiner Coachingzone, er gibt Anweisungen, er treibt an, er ist der erste Balljunge, und er lebt so angespannt mit, dass es den Körper in skurrile Figuren zwingt. Mal scheint er vornüber zu kippen, dann verharrt als halb kniendes und halb stehendes Standbild seiner selbst, die Hände arbeiten oft im Gesicht herum. Das ist ein neuer Löw, viel kämpferischer, mittendrin statt irgendwo oben drüber. Er bietet eine Energieleistung, die der besondere Moment verlangt.

Löw tut es gerade noch rechzeitig, ehe sich der Verdacht erhärten kann, seine lässige und eher zurückhaltende Führungskultur hätten die Mannschaft in ein sportliches Nirwana der Gleichgültigkeit geschickt.

Mit seinem Engagement auch an der Linie hat er das Team aufgeweckt, daran besteht kein Zweifel. Und dass er nach Monaten, in denen nahezu alle Plätze in der Stammformation besetzt schienen, den Konkurrenzkampf ausruft, ist keine billige Floskel. Mit seiner Aufstellung hat er Tatsachen geschaffen. Ob Özil begreift, dass er diese Herausforderung annehmen muss, ist eine offene Frage. Nur Özil selbst kann sie beantworten.