WM 2018: Joachim Löw - was nun?

WM-Blamage in Russland: Was nun, Herr Löw?

Nach dem kläglichen Aus stellt sich auch die Trainerfrage. Der DFB wird wohl zu Joachim Löw stehen. Womöglich tritt der Nationalcoach aber aus freien Stücken zurück.

Das leise Flehen war nicht mehr zu überhören. „Wir können doch unsere Idee nicht nach einem Spiel in Frage stellen, nicht nach einem Spiel, wir dürfen keine Zweifel haben“, sagte Joachim Löw vor dem WM-Gruppenspiel gegen die Schweden. Er schaute sehr ernst, die Spannung stand in scharfen Falten in seinem Gesicht. Das Spiel schien die Wende im Turnier zu bringen. Ein Sieg in der Nachspielzeit, Emotionen, die es lange nicht gab im Zusammenhang mit der Nationalmannschaft. Der Sprung ins Achtelfinale schien nur noch Formsache. Schien.

Aber nun ist der Fall eingetreten, den niemand, auch Löw nicht, vorhersehen wollte. Die deutsche Mannschaft, der Weltmeister, ist ausgeschieden aus dem Turnier in Russland – noch bevor die Idee vom Spiel so richtig wieder gefunden worden ist. Es ist ein Tiefpunkt in der deutschen Länderspielgeschichte. Schlimmer noch als die Auftaktniederlage 1938 in Frankreich gegen die Schweiz, die im K.o.-System das Ausscheiden bedeutete – damals nur eine Randnotiz. Schlimmer auch als die Vorrunden-Blamagen bei den Europameisterschaften 2000 und 2004. Das waren die passenden Resultate zur Ära des deutschen Rumpelfußballs. 2018 aber fliegt der Weltmeister aus dem Turnier, der den Fußball der vergangenen Jahre geprägt hat, „eine Mannschaft mit außerordentlichen Fähigkeiten“, wie Stürmer Mario Gomez sagt.

Das Projekt Titelverteidigung, das der DFB unter Mobilisierung seiner gesamten Marketingmaschine und das Löw seit dem Finalsieg in Rio gegen Argentinien betrieb, ist gescheitert, krachend gescheitert. Teammanager Oliver Bierhoff, unterdessen als Direktor im DFB für alle Nationalmannschaften und die fußballerische Entwicklung zuständig, muss sich Fragen stellen lassen. Eine beantwortete er bereits in Sotschi. „Ist man beim Ausscheiden 2014 kein Weltmeister geworden?“, fragte er zurück, „was wir 14 Jahre lang geleistet haben, kann uns keiner nehmen.“ Immerhin räumte er ein, „dass ein Ausscheiden ein Misserfolg ist, das muss man klar benennen und natürlich analysieren. Stillstand ist nicht mein Ding.“

Zur Bewegung in diesen Tagen nach einem schweren Rückschlag gehören Diskussionen über das Personal. Auch über das Personal der Mannschaft, deren wesentliche Figuren übersättigt sind und offenkundig nicht in der Lage, sich noch einmal ernsthaft zu Höchstleistungen herauszufordern. Ein Generationswechsel ist nicht zu umgehen.

Die wichtigste Personaldebatte aber wird über Joachim Löw geführt. Der Weltmeister-Trainer ist als verantwortlicher Mann des Projekts Titelverteidigung gescheitert. Als es sehr ernst wurde, hatte er keinen zweiten Weg. Seine beharrliche Lässigkeit hat aus dem Bewusstsein der Stärke Überheblichkeit gemacht, er hat die Fähigkeiten der Mannschaft nicht mehr wecken können. Auch nicht, als er vor dem Schweden-Spiel von lässig auf sehr angespannt umschaltete.

„Der Jogi schwebt über allem“, hat sein Assistent Marcus Sorg mal gesagt. Es war als Kompliment gemeint für einen, der die Dinge von oben locker im Blick hat. Diese Abgehobenheit, vor allem in den vergangenen vier Jahren nach dem Titelgewinn in Brasilien ein Wesensmerkmal Löws, haben ihn wie einen großen Fußball-Souverän erscheinen lassen. Nun ist sie ein Beleg für Weltferne. Und ihm ist es nicht gelungen, seinen plötzlich aufscheinenden Kampfgeist, widergespiegelt durch ein viel stärkeres Engagement an der Seitenlinie, wirkungsvoll auf die Mannschaft zu übertragen. Löw hat die Entwicklungen nicht mehr kommen sehen. Als er sich der Gefahren bewusst wurde, war es zu spät. Und eingegriffen hat er nicht, als die Ordnung seiner Mannschaft in den Testspielen unmittelbar vor der WM und zum Auftakt gegen Mexiko auseinanderfiel.

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Löw ist zu Recht für seine Aufbauarbeit und den WM-Titel gefeiert worden. Das kann und wird ihm niemand nehmen – ganz so, wie Bierhoff das ausgedrückt. Löw ist aber auch für diesen völlig unerwarteten Absturz verantwortlich. Deshalb muss er sich fragen, ob er noch der richtige Mann als Cheftrainer des DFB ist.

Der Verband wird ihn kaum vor die Tür setzen, schließlich hat er den Vertrag gerade erst bis 2022 verlängert. Löw soll nach zuverlässigen Schätzungen im Jahr 3,8 Millionen Euro verdienen. Es wäre ein teurer Rauswurf. Vielleicht wird der DFB ihm den Rücktritt nahelegen, wenn Löw nicht selbst bereits auf diesen naheliegenden Gedanken verfallen ist. Seine Ära endet gegen Südkorea im Stadion von Kasan.

Löw war das Gehirn der Erneuerung

Dass er eine Ära begründet hat, kann niemand bestreiten – nicht mal seine Kritiker, die es jetzt wieder genau gewusst haben wollen. Dabei deutete in den fußballerisch trüben Tagen des Jahres 2004 nach dem Ausscheiden bei der EM in Portugal wenig auf eine glänzende Zukunft hin. Nicht bei der DFB-Auswahl, die sich im Fernsehen anschauen musste, wie Außenseiter Griechenland mit dem deutschen Trainer Otto Rehhagel die Europameisterschaft gewann. Und auch nicht bei Löw. Die Trainerlaufbahn plätscherte bei weniger berühmten Adressen dahin, die Wiener Austria hatte ihn entlassen, als sich Jürgen Klinsmann an den gemeinsamen Trainerlehrgang in der Sportschule Hennef erinnerte. Der neue Bundestrainer Klinsmann holte Löw als Assistenten an seine Seite.

Es war für beide ein Glücksfall. Klinsmann brach mit dem Eifer des Revolutionärs und mit seiner außerordentlichen Begabung als Öffentlichkeitsarbeiter verkrustete Strukturen auf, Löw war das fußballtaktische Gehirn einer sportlichen Erneuerung. Gemeinsam machten sie das dicke Schiff in verblüffend kurzer Zeit flott. Die WM 2006 wurde zu einer glücklichen Verbindung von frischem Fußball, sportlichem Erfolg und einem fröhlichen Nationalstolz, den Deutschland bislang nicht gekannt hatte. 2006 war einer der schönsten deutschen Sommer, es war ein deutsches Sommermärchen. So wurde es ja auch genannt. Löw hatte es mitgestaltet.

Und er entwickelte den deutschen Fußball als Cheftrainer weiter. In fünf großen Turnieren seit 2008 brachte er seine Mannschaft immer mindestens bis ins Halbfinale. Und es wäre unfair, seinen Anteil daran zu schmälern, wenn man darauf verweist, dass er eine wirklich goldene Generation von Spielern betreuen durfte. Mit seiner zurückhaltenden Führung brachte er sie auf den Höhepunkt ihrer mannschaftlichen Leistungsfähigkeit.

Diese Zurückhaltung ist ihm nun zum Verhängnis geworden. Er hat die Dinge laufen lassen, das Projekt ist ihm entglitten wie diese Mannschaft, von der sich niemand hat vorstellen können, dass sie so wenig von ihren Fähigkeiten auf den Rasen bringen würde.

Löws Nachfolger muss das außerordentliche Potenzial wieder zur Wirkung bringen. Und es ist natürlich noch nicht heraus, wer dieser Nachfolger sein wird. Es ist nicht einmal gesagt, ob der DFB einen Plan B in der Tasche hat.

Vor 14 Jahren nach dem Abschied von Teamchef Rudi Völler rief der Verband eine unsägliche „Trainerfindungskommission“ ins Leben, die einen Monat benötigte, ehe feststand, dass Klinsmann Völler beerben würde. Zwischenzeitlich waren Ottmar Hitzfeld, Otto Rehhagel, Lothar Matthäus, Guus Hiddink, Morten Olsen und Winfried Schäfer Kandidaten – teils ernsthaft, teils selbsternannt.

Und jetzt? Das DFB-Allheilmittel Horst Hrubesch, das gerade die Brände bei der Frauen-Nationalmannschaft löscht? Stefan Effenberg, der sich über Talkshows ins Gespräch bringt? Arsène Wenger, der beim FC Arsenal aufgehört hat? Jupp Heynckes, der seinen Ruhestand im Schwalmtal genießt? Matthias Sammer, der als TV-Experte und Fußball-Flüsterer von BVB-Chef Hans-Joachim Watzke arbeitet? Wer weiß.