WM 2018: Joachim Löw kritisiert Sandro Wagner nach DFB-Rücktritt scharf

"Als wären die anderen Vollidioten": Löw kontert Wagner-Kritik ungewohnt scharf

Bundestrainer Joachim Löw hat die Kritik des zurückgetretenen Nationalspielers Sandro Wagner von Bayern München knallhart gekontert. Rückendeckung bekam der Angreifer dagegen von Stefan Effenberg und Mats Hummels.

"Er stellt manche dar, die bei uns schon ewig spielen, die zu den Führungsspielern gehören, als wären sie ausgemachte Vollidioten", sagte Löw am Freitag am Rande einer Veranstaltung der „Bild“ in Berlin. Die Diskussion nach Wagners Nicht-Nominierung in den WM-Kader droht zur Schlammschlacht zu werden.

Geradezu tief getroffen schien der Bundestrainer von Wagners indirektem Vorwurf zu sein, er akzeptiere um sich herum ausschließlich Ja-Sager: "Als ob sie nur deswegen bei uns sind, weil sie nicht ihre Meinung sagen", sagte Löw. "Er sagt, dass andere ihren Mund nicht aufmachen. Was sollen Jerome Boateng, Mats Hummels denken? Das ist ja völlig hanebüchen."

Wagner war unmittelbar nach seiner ausgebliebenen Nominierung in Löws 27-köpfigen Kader mit einem Knall zurückgetreten - und er hatte den Bundestrainer ins Visier genommen. "Für mich ist klar, dass ich mit meiner Art, immer offen, ehrlich und direkt Dinge anzusprechen, anscheinend nicht mit dem Trainerteam zusammenpasse." Löws Entscheidung, ätzte der Stürmer vom FC Bayern, könne er "natürlich nicht ernst nehmen".

Dies ging dem Bundestrainer zu weit: Selten hat man Joachim Löw derart scharf reden hören. "Ich kann ein Stück weit nachvollziehen, dass er enttäuscht ist, das ist ja klar", betonte Löw. "Ich finde seine Reaktion ein bisschen überzogen", fügte er hinzu, denn: "Jeder, der uns kennt, weiß, wie wir die Spieler immer anhalten, ihre Meinung zu sagen, offen und ehrlich zu sein, uns kritisch gegenüberzutreten. Diese Dinge werden bei uns groß geschrieben."

Bayern-Trainer Jupp Heynckes sieht den Rücktritt seines Spielers als Fehler. "Ich denke, er hat zu voreilig emotional reagiert. Ich hätte es lieber anders gesehen, aber es ist seine persönliche Entscheidung, die muss man respektieren", sagte Heynckes am Freitag am Vorabend des DFB-Pokalfinales gegen Eintracht Frankfurt in Berlin. Auch Vereinspräsident Uli Hoeneß hatte mit Art und Weise der Wagner-Reaktion nicht gerechnet. Das habe ihn „schon ein bisschen überrascht, so böse hätte er jetzt nicht unbedingt reagieren müssen“, sagte Hoeneß vor dem DFB-Pokalfinale des FC Bayern in Berlin gegen Eintracht Frankfurt im TV-Sender Sky über den Stürmer. „Er soll jetzt schön in den Urlaub fahren, soll sich gut vorbereiten und seine Zukunft beim FC Bayern sehen.“

Rückendeckung von Effenberg und Hummels

Rückendeckung bekam Wagner dagegen von Stefan Effenberg. Der frühere Nationalspieler Stefan Effenberg kann den Ärger über die Nicht-Berücksichtigung für die WM "nachvollziehen". An Wagners Situation werde sich "ja nichts ändern. Er ist schon 30 Jahre alt und das Trainerteam wird das gleiche bleiben. Seinen Charakter wird er nicht ändern können", schrieb Effenberg in seiner Kolumne bei t-online.de.

Effenberg war bei der WM 1994 nach der "Stinkefinger-Affäre" aus der Nationalmannschaft geflogen. Nach einem Kurz-Comeback 1998 trat er zurück, weil sich aus seiner Sicht beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) in der Zwischenzeit nichts zum Besseren verändert hatte.

Er möge Charaktere wie Wagner "mit ihrer Offenheit, Ehrlichkeit und Direktheit", sagte Effenberg (49), er hätte deshalb "anders entschieden" als Bundestrainer Joachim Löw: "Er hat mich in dieser Saison in seiner Rolle überzeugt und ist ein Spielertyp, bei dem ich sage: Den kann jede Mannschaft gebrauchen. Dazu ist er selbstbewusst." Auch Mitspieler Mats Hummels zeigte Verständnis für Wagners Frust. "Wenn die Enttäuschung für einen kurzen Zeitraum überhand nimmt, ist das sehr menschlich", sagte er: "Wir haben ihn getröstet, weil wir ihn als Typen mögen. Er spielt eine vorbildliche Rolle und gibt immer Gas."

(old/sid)
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