WM 2018: Ex-Nationalspieler Uli Borowka rechnet mit dem DFB ab

Ex-Nationalspieler Uli Borowka im Interview: „Alles, was mit dem DFB zu tun hat, möchte ich nicht mehr haben“

388-mal lief der ehemalige Gladbach-Profi Uli Borowka in der Bundesliga auf, sechsmal trug er das Trikot der deutschen Nationalmannschaft. Im Interview mit unserer Redaktion rechnet Borowka überraschend deutlich mit dem DFB ab.

Uli Borowka, wie bewerten Sie die Leistung der deutschen Nationalmannschaft gegen Mexiko?

Uli Borowka Das war mit Abstand das schlechteste Spiel in der Ära Löw. Da hat einfach alles gefehlt. Da stimmt etwas ganz gewaltig nicht. Ich habe das Gefühl, dass ein Riss durch die Truppe geht.

Was meinen Sie damit?

Borowka Ich denke, die Erdogan-Affäre um Mesut Özil und Ilkay Gündogan hat das Team gespalten. Der DFB hat diese Situation einfach unterschätzt. Man kann die deutsche Bevölkerung relativ lange für dumm verkaufen, aber irgendwann ist Schluss. Wissen Sie, woran man das besonders merkt?

Verraten Sie es uns.

Borowka Wo ist denn die Euphorie? Es gibt keine. Ich bin momentan auf Usedom und habe im Laufe des Tages genau einen einzigen Menschen im Deutschland-Trikot gesehen. Da ist einiges im Argen. Der DFB hat mit seinem Krisenmanagement komplett versagt.

Also kann sich die deutsche Bevölkerung nicht mehr mit der Nationalmannschaft identifizieren?

Borowka Man hätte klare Kante zeigen sollen. Der DFB hat sich mit äußerst unglücklichen Aussagen ein Eigentor geschossen. Es gibt keine zwei Meinungen: Özil und Gündogan hätten rausgeworfen werden müssen!

Kann der angesprochene Bruch noch gekittet werden?

Borowka Dafür muss man sich erst einmal auf die Grundtugenden konzentrieren. Einsatz, Leidenschaft, der Stolz, für sein Heimatland auflaufen zu dürfen – das war alles nicht zu erkennen. Die kommenden Tage müssen dafür genutzt werden, die richtigen Schlüsse zu ziehen.

Also ist doch noch nicht alles hoffnungslos?

Borowka Die Mannschaft muss nun zusehen, dass sie Schweden und Südkorea schlägt. Ich denke, das kann reichen. Das muss reichen! Und dann bin ich gespannt, wie es sich entwickelt. Alle Favoriten sind schwerfällig in das Turnier gestartet. Nur die Engländer haben mir mit ihrem wunderbaren System, mit der Mischung aus jungen und alten Spielern sehr gut gefallen. Aber nach so einer armseligen Leistung wie gegen Mexiko sollte die DFB-Elf kleinere Brötchen backen.

Mats Hummels und Jerome Boateng haben die eigenen Mitspieler nach dem Spiel gegen Mexiko ungewohnt offen kritisiert. Hätten die beiden ihre Kritik nicht lieber intern vortragen sollen?

Borowka Ganz und gar nicht. Einige Spieler waren einfach vogelwild. Das müssen die beiden einfach ansprechen dürfen. Mexiko hat permanent nach Schema F gespielt und gefühlt zehnmal dasselbe getan. Ich habe keine Ahnung, was ein Sami Khedira in dieser Partie überhaupt gemacht hat. Er hat jegliche taktische Ausrichtung komplett vernachlässigt. Der spielt links außen, der spielt rechts außen, aber der spielt nicht dort, wo er hingehört. Deshalb ist es vollkommen unverständlich, wieso nicht rechtzeitig von außen eingegriffen wurde.

Hätte Bundestrainer Joachim Löw also früher reagieren müssen?

Borowka Definitiv! Wir haben doch alle gesehen, welche riesigen Lücken geklafft haben und dass von der Bank keine Reaktion kam. Da hätte der Bundestrainer eingreifen müssen. Mittlerweile haben die doch sogar ein Headset, um mit der Tribüne zu kommunizieren. Diese Unzulänglichkeiten waren nicht zu übersehen. Noch schlimmer finde ich allerdings eine andere Sache.

Welche?

Borowka Die Aussage von Marco Reus, die impliziert, dass wohl schon seit Wochen klar ist, dass Özil einen Stammplatz innehat. Warum ist so ein Spieler in dieser Mannschaft gesetzt? Klar ist es normal, dass man altbewährten Spielern vertraut. Aber wenn ich einen Spieler wie Özil habe, der seit Wochen angeblich nicht fit ist – wieso bekommt der im Vorfeld eine Stammplatzgarantie?

Würden Sie einen fitten Özil aufstellen?

Borowka Nein. Der wird doch schon seit Jahren kritisiert. Er hat den Anspruch, ein Führungsspieler zu sein. Aber das ist er einfach nicht. Er ist seit Jahren ein purer Mitläufer. Bei der WM 2014 wurde er von allen anderen durchgeschleift. Özil hat in den vergangenen Jahren in keinem einzigen wichtigen Spiel überzeugt. Er ist nur am Labern, aber zeigt keine Leistung.

Diese Meinung vertreten auch Mario Basler und Lothar Matthäus, die Özil scharf kritisiert haben. Finden Sie es in Ordnung, dass man einen deutschen Nationalspieler so hart angeht?

Borowka Ich würde einen Spieler nie beschimpfen. Das muss ich auch gar nicht. Ich habe andere Schlüsse gezogen. Vor allem aus der Erdogan-Affäre.

Nämlich?

Borowka Ich werde alle meine Sachen, die ich vom DFB aufbewahrt habe, ob Trikots, Medaillen oder Urkunden, für unseren gemeinnützigen Verein (Uli Borowka Suchtprävention und Suchthilfe e.V., Anm. d. Red.) verkaufen. So reagiere ich darauf.

Weil Sie sich nicht mehr mit der Nationalmannschaft identifizieren können?

Borowka Ganz genau. Ich war mal stolz, Nationalspieler zu sein. Ich war mal stolz, den Adler auf der Brust tragen zu dürfen. Aber nach der Affäre habe ich damit abgeschlossen. Alles, was mit dem DFB zu tun hat, möchte ich nicht mehr haben.

Macht Özil es durch sein Schweigen für Sie nur noch schlimmer?

Borowka Dieses Verhalten ist ein Unding. Er äußert sich nicht. Er simuliert eine Verletzung, um Pfiffen aus dem Weg zu gehen. Und es hat einfach keine Konsequenzen.

Wie kann der DFB Sie wieder ins Boot holen?

Borowka Für mich ist die Sache durch. Ich habe eine klare Meinung. Ich habe einen klaren Weg. Ich bin keiner, der hin und her schwänzelt. Keiner, der heute Hü und morgen Hott sagt. Der DFB zeigt ein erbärmliches Krisenmanagement. Es ist keine klare Linie zu erkennen. Ich habe klare Werte und deshalb kann ich mich mit der Nationalmannschaft nicht mehr identifizieren.

Pascal Biedenweg führte das Gespräch.

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