WM 2018: Berti Vogts kommentiert Deutschlands Niederlage gegen Mexiko

WM-Kolumne von Berti Vogts : „Es darf keine Schuldzuweisungen geben“

WM-Kolumnist Berti Vogts ist überrascht, dass sich Favoriten wie Deutschland bei der WM in den Zweikämpfen den Schneid abkaufen lassen. Um das Vorrundenaus abzuwenden bedarf es echter Teamleistungen und keiner Versuche, als Einzelne zu glänzen.

Das war ein böses Erwachen für den deutschen Fußball im ersten Spiele der Weltmeisterschaft. 0:1 gegen Mexiko im Auftaktspiel – das haben sich alle anders vorgestellt. Ich kenne die Mexikaner aus meiner Zeit als Berater des US-Verbandes genau, dass sie einen guten Ball spielen, weiß jeder. Inzwischen können sie aber auch über die gesamte Distanz Tempo gehen, da viele von ihnen in starken Ligen spielen. Das deutsche Team hat ihnen das Feld zu sehr überlassen und den Gegner damit stark gemacht.

Es wurde in dem Spiel auch etwas deutlich, das für mich die WM bisher prägt: Es geht viel über Körperlichkeit, es wird fast wie in der englischen Premier League gespielt. Das überrascht mich ein wenig – und offenbar auch den einen oder anderen Favoriten. Brasilien erging es genauso gegen die Schweizer. Die Eidgenossen hatten erst zu viel Respekt, dann haben sie ihre Chance gewittert und voll dagegengehalten. Brasilien war im Verwaltungsmodus und konnte nicht mehr umschalten. Dass Standards in Russland eine wichtige Rolle spielen, ist ebenfalls erkennbar. Da gibt es keinen Unterschied zwischen Top-Teams und anderen, Standards kann jeder einstudieren und damit erfolgreich sein. In engen Spielen müssen sie sitzen.

Aber zurück zum deutschen Team. Es gab zu viele Spieler, die mit dem Ball glänzen wollten, aber gegen den Ball nicht genug gearbeitet haben. So kamen die Mexikaner immer wieder in Überzahl auf unser Tor zu, das ist immer ein großes Problem für die Innenverteidiger. Natürlich hat Mats Hummels beim Tor nicht gut ausgesehen, aber er und Jerome Boateng wurden auch allein gelassen. Die Sechser müssen defensiver Denken, wenn der Gegner den Ball hat – und auch ganz vorn muss durchvereidigt werden, sonst funktioniert das nicht.

Was mir auffällt: Wir hatten genau die Probleme wie in den Testspielen gegen Österreich und Saudi-Arabien – und es hat sich nichts getan. Sicherlich, wir hatten in den letzten 30 Minuten noch Chancen zum Ausgleich und dabei auch etwas Pech. Aber ich muss ehrlich sagen: Vielleicht ist die Niederlage besser für uns als ein Unentschieden. Da muss ein Wachmacher sein. Wir sind seit acht Länderspielen ohne Sieg. Aber jetzt ist es ernst. Die WM hat begonnen! Das muss jeder begreifen!

Gegen die Schweden am Samstag geht es nun schon um fast alles. Mindestens vier Punkte müssen noch her, und gerade gegen die Schweden ist es eine harte Nuss, wenn man unter Druck ist. Wer in den Play-offs Italien rausgeschmissen hat, der ist nicht zu unterschätzen. Schweden steht immer extrem kompakt – und wenn die Schweden in Führung gehen, ist es ein Problem.

Dass die deutsche Mannschaft Probleme fußballerisch lösen kann, ist keine Frage. Aber es geht um die Einstellung. Und die hat gegen Mexiko gefehlt. Ich erinnere mich an die Weltmeisterschaften 1978 und 1994. Das hieß es: „Wir sind Weltmeister, was soll uns schon passieren?“ Aber genau das ist es doch: Der Weltmeister wird gejagt, jeder will gegen ihn glänzen. Darauf muss man sich einstellen.

Jetzt wird sich zeigen, aus welchem Holz die Spieler wirklich geschnitzt sind. Jetzt müssen sie zeigen, dass sie die deutsche Nationalmannschaft sind und auch so auftreten. Die erfahrenen Spieler haben gegen Mexiko zu wenig eingegriffen, das muss jetzt anders werden. Es darf keine Schuldzuweisungen geben, man muss zusammenrücken. Das ist nicht als Plattitüde gemeint, sondern elementar. Wir werden jetzt das wahre Gesicht dieser Mannschaft kennenlernen, ich bin gespannt darauf. Noch ist nichts verloren bei der WM. Aber wir stehen mit dem Rücken zur Wand. Es war immer eine Stärke der Deutschen gewesen, bei großen Turnieren aus Rückschlägen stärker hervorzugehen. Das muss jetzt auch so sein. Wichtig ist, dass sich die Einstellung ändert und alle Spieler die Situation annehmen. Sonst wird es am Ende der Vorrunde ein noch böseres Erwachen geben.

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