WM 2018: 11 wichtige Fragen vor dem Spiel Deutschland gegen Mexiko

Deutschlands WM-Start gegen Mexiko: Die Löw-Elf muss elf Antworten geben

Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft will bei der Weltmeisterschaft den Titel verteidigen. Trainer und Team müssen auf dem Weg dahin noch einige offene Fragen beantworten.

Im Sprachbuch für Fußball-Nationalmannschaften und deren Betreuer steht unter "Ende der Vorbereitung auf ein großes Turnier" vermutlich nur ein Satz. Er lautet: "Erst im ersten Pflichtspiel wissen wir, wo wir stehen." Diesen Satz sagen sie gerade alle, der Bundestrainer Joachim Löw, seine Assistenten, wahrscheinlich auch die Mitglieder des medizinischen Stabs und bestimmt auch der Bundes-Busfahrer. Seit Dienstag ist Löw mit seinen 23 Spielern in Russland Moskau, im Teamquartier Watutinki wird in den nächsten Tagen der WM-Ernstfall geprobt. Und sollen Antworten auf die wesentlichen Fragen vor dem ersten Spiel gegen Mexiko (Sonntag, 17 Uhr) gefunden werden. Hier sind die elf wirklich wichtigen Fragen:


1. Was ist die wesentliche Erkenntnis aus der WM-Vorbereitung?


Wenige Trainer haben eine derart vielversprechende Sammlung von Hochbegabten zusammen. Das Potenzial, von dem in diesen Tagen besonders Weltmeister Sami Khedira gern spricht, wird jedoch zuverlässig nur dann geweckt, wenn das Team geschlossen und konzentriert auftritt. In der WM-Qualifikation gegen weitgehend völlig überforderte Gegner war das nicht notwendig. Erstklassige Testspielgegner wie Frankreich, Spanien, Brasilien und England aber haben bewiesen, dass 80 Prozent nicht reichen. Wenn Löws Mannschaft die Balance zwischen schöngeistigem Kombinationsfußball und der vielzitierten "guten Ordnung" hinbekommt, gehört sie zu den Besten.


2. Wie wichtig ist die Defensive?


Die alte Weisheit, nach der der Angriff Spiele gewinnt, die Abwehr jedoch Titel, ist selbst in den Zeiten von Laptoptrainern und wissenschaftlicher Durchleuchtung der Trainingszyklen nicht überholt. Weil der moderne Fußball vor allem schnell ist, muss sich die ganze Mannschaft an der Abwehrarbeit beteiligen. Gelangweilte Angriffsspieler, die an der Mittellinie parken und anschließend die Verteidiger für die Lücken in der eigenen Hälfte beschimpfen, kann sich keine Mannschaft mehr leisten – mit Ausnahme vielleicht von Argentinien. Das hat schließlich Messi. In Löws Team muss jeder mitmachen. Das Zauberwort lautet "Kompaktheit". Da gibt es vor dem Turnier noch Abstimmungsbedarf.


3. Wie fit ist Manuel Neuer?


Das wird sich erst richtig zeigen, wenn der Torwart des FC Bayern München unter Vollbelastung im Turnier steht. Die ersten Zeichen sahen immerhin so vielversprechend aus, dass man nicht erahnen konnte, dass er fast ein Jahr ohne Wettkampfpraxis war. Und selbst wenn er eine Auszeit braucht – Marc-André ter Stegen vom
FC Barcelona steht als Ersatz mit Weltklasseformat zur Verfügung.


4. Wo sind die Problempositionen?


Vor allem auf den defensiven Flügeln. Bis heute schwebt der Geist von Philipp Lahm über der Mannschaft. Lahm hat zehn Jahre alle deutschen Probleme überspielt, zunächst links, später rechts. Besonders im Abwehrverhalten hat der WM-Kapitän von 2014 nur alle paar Jahre mal Fehler gemacht. Joshua Kimmich (rechts) und Jonas Hector (links) offenbaren in Verteidigungssituationen immer noch Nachholbedarf. Kimmich gleicht es durch weit überdurchschnittliche Offensivleistungen aus. Hinter beiden gibt es keine Spezialisten als Ersatzleute, alle denkbaren Optionen bestehen aus gelernten Innenverteidigern. Das muss allerdings auf Dauer gar nicht schrecklich sein. Beim Titelgewinn in Brasilien verteidigte ein gewisser Benedikt Höwedes links, der in keiner Beziehung an Lahms fußballerische Klasse heranreichte, aber alles sehr solide machte.


5. 4er-Kette oder 5er-Kette?


Löw gilt nicht als größter Freund von Experimenten. Deshalb ist davon auszugehen, dass er fest auf eine Viererkette setzen wird und diese Formation sich auch frühzeitig einspielen kann. Das Personal ist allemal für beide Varianten vorhanden.

6. Strafraumstürmer oder spielender Angreifer?


Löws Lieblingssystem ist das mit einer Spitze und einem offensiven Dreier-Mittelfeld, deren Mitglieder er zur Betonung des angriffslustigen Stils "drei weitere Stürmer" nennt. Die vier Offensiven sollen die Gegner durch beständige Positionswechsel ausreichend verunsichern. Der Trainer bevorzugt in der Rolle des ersten Stürmers die Geschwindigkeit von Timo Werner. Er wird nur in seltenen Fällen auf die robuste Strafraumqualität von Mario Gomez zurückgreifen. Immerhin hat sich Gomez als Vertreter der seltenen Spezies des echten Mittelstürmers schon seit dem EM-Turnier vor zwei Jahren wieder einen Platz in Löws Fußball-Kosmos erkämpft.

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7. Welche Rolle spielen Özil und Gündogan?


Einstweilen sind die beiden türkischstämmigen Spieler wegen ihrer Fotosession mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan und vor allem wegen der anschließenden Bearbeitung der Affäre die Problembären im WM-Kader. Gündogans Leistungen litten unter den Pfiffen bei den Tests in Klagenfurt und Leverkusen. Gündogan hat sich aber zumindest mit dem Versuch einer Erklärung zu Wort gemeldet. Özil hat sich in sich selbst zurückgezogen, er schweigt, sein Blick meidet jeden Kontakt. Und er geht mit einer Knieverletzung in die Vorbereitung aufs erste WM-Spiel. Auf seiner angestammten Position im Zentrum des offensiven Mittelfelds spielte in Leverkusen Julian Draxler. Zur weiteren Behandlung des Problems zwischen Gündogan, Özil und vielen Fans fiel selbst Löw nichts mehr ein. Die Affäre stört die Atmosphäre im Team. Auch der Versuch von Manager Oliver Bierhoff, das Ganze mit einem Machtwort zu beenden, hatte (natürlich) keinen Erfolg.


8. Wo liegen die großen Stärken?


Wenn alle Spieler fit sind, gibt es eine Achse, um die Deutschlands Auswahl zu Recht beneidet wird. Sie reicht von Torwart Manuel Neuer über die beiden Innenverteidiger Jerome Boateng und Mats Hummels und den Mittelfeldstrategen Toni Kroos bis zu Thomas Müller, der zu WM-Turnieren regelmäßig zu einer regelrechten Tormaschine wird. Auf diesen Positionen ist fußballerische Klasse, Erfahrung und Führungsqualität versammelt. Und es ist kein Zufall, dass die fünf Spieler schon in Brasilien den Titel gewonnen haben. Die Generation Confed-Cup und U-21-Europameister ist noch lange nicht so weit.


9. Wie ist die Stimmung im Team?


Sie könnte jedenfalls besser sein. Ohne Frohnatur Lukas Podolski und seinen Spielfreund Bastian Schweinsteiger sucht man noch etwas nach der Unbeschwertheit im Aufgebot. Alleinunterhalter Thomas Müller ist mit dieser Rolle mitunter überfordert. Und natürlich hat auch die Erdogan-Affäre rund um Mesut Özil und Ilkay Gündogan Spuren hinterlassen. Umso wichtiger, mit positiven Ergebnissen alsbald die Freude am Spiel zurückzugewinnen.


10. Was hat Joachim Löw aus der EM gelernt?


Bei der EM hat er sich als nicht besonders flexibel in der Begegnung mit anderen Titelkandidaten erwiesen. Und die deutsche Mannschaft war gefangen in einem künstlerisch wertvollen, aber uneffektiven Ballbesitzfußball. Bei diesem Turnier, so zumindest der fromme Wunsch, sollen die Akteure deutlich effektiver zu Werke gehen.


11. Welche Baustellen gibt es noch beim Verband?


Der DFB hat sich ein strammes Programm für Russland vorgenommen. DFB-Präsident Reinhard Grindel ist auch in Sachen Völkerverständigung im WM-Gastgeberland unterwegs. Es wird sich zeigen, ob er ähnlich offensiv wie beim türkischen Despoten Recep Tayyip Erdogan auch die Demokratie-Defizite des russischen Staatspräsidenten Wladimir Putin ansprechen wird.