WM 2018: 10 Dinge, die das Deutschland jetzt braucht

Zehn Dinge müssen sich ändern : Was das DFB-Team jetzt braucht

Das 0:1 gegen Mexiko hat die Fußballnation schockiert. Gegen Schweden muss sich vieles ändern. Personelle Wechsel sind das eine, die richtige Arbeitseinstellung das andere.

Am Tag nach dem verpatzten WM-Start zog sich der deutsche Tross ins Lager in Watutinki zurück. Aufarbeitung war angesagt. Denn am Samstag gegen Schweden (20 Uhr) geht es nach der Niederlage gegen Mexiko schon um alles. Hier sind zehn Dinge, die für einen Sieg nötig sind:

Demut Es ist ein schmaler Grat zwischen Selbstbewusstsein und Arroganz. Besonders in den ersten 45 Minuten beschritten die deutschen Akteure phasenweise die falsche Seite. Mit dem Habitus eines amtierenden Weltmeisters stolzierten besonders die arrivierten Akteure über den Platz. Das Motto: „Wer ist denn bitteschön Mexiko? Die hauen wir doch locker weg.“ Das Resultat sollte den Profis eine Lehre sein, den Schweden mit mehr Demut gegenüberzutreten. Hier darf sich besonders Toni Kroos angesprochen fühlen, der spielerisch natürlich über jeden Zweifel erhaben ist. Seine Körpersprache ließ allerdings stark zu wünschen übrig. Bestimmt ist es nicht einfach, sich nach dem WM-Triumph und zuletzt drei Champions-League-Titeln mit Real Madrid in Folge immer wieder mit dem Boden der Tatsachen zu befassen. Soll aber am Ende des Turniers der fünfte Stern über das DFB-Logo geflockt werden, muss von nun an jede Aufgabe mit mehr Respekt angegangen werden.

Kampfgeist Dass die Zweikampfquote am Ende der Partie „nur“ mit 56:44 Prozent für Mexiko ausschlug, lag an einer leicht verbesserten Einstellung der Deutschen zum Duell Mann gegen Mann nach der Halbzeit. Insgesamt war das aber zu wenig. Andere Nationen beneideten das DFB-Team in der Vergangenheit stets um seine außergewöhnliche Mentalität. „Deutschland hat nicht immer die beste Mannschaft, aber es hat immer den größten Siegeswillen“, sagte die brasilianische Fußballlegende Zico einmal. Es gilt, an diese Worte anzuknüpfen. Denn wer den Ballverlust und das anschließende Lamentieren von Sami Khedira vor dem 0:1 gesehen hat, wird Zico vehement widersprechen müssen.

Konzentration Neben dem schwachen Zweikampfverhalten war auch die Vielzahl von einfachen Fehlpässen oder sorglosen Ballverlusten erschreckend. Während Mexiko aus den vorhandenen Mitteln das Maximale herausholte, verschenkte die DFB-Elf ihr Potential über 90 Minuten, auch weil sie nicht fokussiert genug war.

Führungsstärke Mats Hummels hat mit seiner deutlichen, öffentlich vorgetragenen Kritik aufgerüttelt. Das ist das Recht eines Führungsspielers. Es bleibt abzuwarten, ob diese Worte dann auch das erhoffte Echo haben und keinen Riss ins Mannschaftsgefüge bringen. Es braucht nun jedenfalls auf und neben dem Platz Spieler, die das Kommando übernehmen. Und es braucht einen Trainer, der in diesen entscheidenden Tagen den richtigen Zugang zu seinen Spielern findet, um ein erneutes strukturloses Auftreten zu verhindern.

Ruhe Bei aller Entrüstung über den leblosen Auftritt am Sonntag darf der DFB-Tross keine Panik aufkommen lassen. Für Untergangsstimmung ist es freilich zu früh. Es sind noch sechs Punkte zu vergeben. Und die dürften dann aller Voraussicht nach auch für das Weiterkommen reichen.

Vertrauen Mit negativer Grundstimmung lassen sich im Fußball schwerlich Spiele gewinnen. Mehr Respekt für die Gegner aus Schweden und Südkorea ist sicher hilfreich. Es gilt aber auch, sich an die eigenen Stärken zu erinnern. Das deutsche Team hat in den vergangenen Jahren mit teils wunderschöner Spielanlage viel erreicht, hat mit großen Teilen dieser Mannschaft in der WM-Qualifikation zehn Siege in zehn Spielen eingefahren. Mehr noch: Sie war bis zum 0:1 gegen Brasilien im März dieses Jahres 22 Spiele ungeschlagen. Es ist schwer vorstellbar, dass dieses Team nun innerhalb von wenigen Monaten das erfolgreiche Fußballspielen verlernt hat.

Zusammenhalt Joshua Kimmich sagte nach dem 0:1: „Gegen Schweden muss jeder für den anderen da sein.“ Absolut richtig. Und in diese Forderung darf er sich selbst gerne mit einschließen. Denn die Hummels’sche Schelte richtete sich in erster Linie auch an Kimmich, der seine rechte Seite den Mexikanern zur Spielwiese freigab. Die 2014 vielbeschworene Gemeinschaft, in der einer den Fehler des anderen ausbügelt, war nicht mal in Ansätzen zu erahnen.

Unterstützung Das Luzhniki-Stadion in Moskau war am Sonntag für einen Tag das Aztekenstadion von Mexico City. So dominant waren die Fans der El Tri. Auch die schwedischen Fans sind zahlreich in Russland vertreten. Bleibt zu hoffen, dass es die deutschen Anhänger am Samstag in Sotschi der Mannschaft gleichtun und sich ebenfalls steigern.

Defensive Stabilität Das Verpassen des Endspiels bei der Europameisterschaft 2016 in Frankreich wurde hauptsächlich der fehlende Chancenerarbeitung und -verwertung zugeschrieben. Fortan feilte Löw an der Offensive. Sein Team sollte weniger ausrechenbar und durchschlagskräftiger werden. Gegen Mexiko sah es so aus, als wollte die DFB-Elf dann auch gleich den Gegner überrennen. Es fehlte jegliche defensive Stabilität. Ballverluste bedeuteten direkt gefährliche Kontergelegenheiten für Mexiko. Die Abstände zwischen Mittelfeld und Innenverteidigung waren viel zu groß. Mexiko hatte leichtes Spiel nach Ballgewinn. Ein System mit strikterer Absicherung sollte Abhilfe schaffen.

Marco Reus Der Dortmunder Flügelstürmer brachte frischen Wind. Kein Wunder. Die vergangenen beiden großen Turniere hatte der 29-Jährige verletzt verpasst. Wenn also einer im deutschen Kader auch ohne persönliche Ansprache motiviert ist, dann Marco Reus. Er könnte den – wie so häufig – elegant, aber wenig effektiv auftretenden Julian Draxler in der Startelf ersetzen. Auch Linksverteidiger Jonas Hector dürfte nach der bis Samstag wohl ausgestandenen Grippe ins erste Glied rücken. Spannend wird es im zentralen Mittelfeld: Eigentlich hatte Löw seinen Stuttgarter Spezi Sami Khedira als Führungsspieler auserkoren. Der war aber völlig von der Rolle. Somit spricht vieles für einen Einsatz von Ilkay Gündogan.

Mehr von RP ONLINE