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WM 2014: Joachim Löw: Mahner vor dem Meisterstück

"Nicht unbesiegbar fühlen" : Joachim Löw: Mahner vor dem Meisterstück

Nach dem historischen 7:1-Sieg im Halbfinale gegen Brasilien hielt Bundestrainer Joachim Löw den Ball bewusst flach. Ein Schritt fehlt noch zu seinem persönlichen Meisterstück. Und einem triftigen Grund für Genugtuung.

Genugtuung ist ein schlechter Berater. Das weiß auch Löw. Eigentlich hätte der Bundestrainer nach dem Ende der Gala gegen Brasilien seinen Emotionen freien Lauf lassen können. Fassungslosigkeit. Freude. Jubel. Erleichterung. Es dürfte von allem etwas dabei gewesen sein. Und eben auch Genugtuung.

Es war weder verwunderlich, noch nur eine simple Geste des Respekts, als ihn sein erster Weg schnurstracks zu seinem Trainerkollegen Felipe Scolari führte. Erst ein sanfter Griff an die Schulter des Brasilianers, dann eine herzliche Umarmung: Der Bundestrainer kennt das Gefühl und kann sich vorstellen, wie tief eine solche Niederlage schmerzt.

Fels in der Brandung

Inmitten des Trubels nach dem ebenso spektakulären wie historischen 7:1-Sieg im WM-Halbfinale gegen Brasilien war Löw der Fels in der diesmal vor Freude überschäumenden Brandung. Das war schon einmal anders. Zwei Jahre ist es her, als ihm nach der bitteren Niederlage im EM-Halbfinale gegen Italien (1:2) ein Sturm der Entrüstung entgegen blies. Löw weiß also, dass es ganz schnell auch in die andere Richtung gehen kann.

Damals hatte ihn ein taktischer Fehler das Finale gekostet. Und alles andere als das Endspiel ist in der Heimat mit über 80 Millionen Bundestrainern nun mal eine Enttäuschung. Erst recht 2014, auf dem Höhepunkt der Schaffenskraft dieser "Goldenen Generation" der Lahms und Schweinsteigers.

Wohl auch deshalb und auch im Wissen, dass sich die deutsche Mannschaft ohne ein gewonnenes Finale von der Gala gegen Brasilien wenig bis gar nichts kaufen kann, bewertete Löw den Erfolg auf seine altbekannte Weise. "Wir können den Sieg richtig einordnen", so Löw. "Man sollte das Ergebnis nicht zu hoch hängen. Wir wissen, dass Brasilien nicht seinen besten Tag hatte. Wir müssen Demut zeigen."

Bereits vor und auch während des Turniers in Brasilien hatte es in der Heimat ein Wechselbad der Gefühle gegeben. Deutschland Weltmeister? Die Skepsis wuchs mit jedem Tag der Vorbereitung. Doch dann: Aufkommende Euphorie nach dem 4:0 gegen Portugal. Leichte Ernüchterung nach dem 2:2 gegen Ghana. Erleichterung nach dem 1:0 gegen die USA. Gefolgt von Empörung nach dem 2:1-Arbeitssieg nach Verlängerung im Achtelfinale gegen Algerien. Es sollte in mehrfacher Hinsicht ein Schlüsselspiel werden.

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Denn im Viertelfinale gegen Frankreich ließ Löw mit einem simplen Handgriff seine immer lauter werdenden Kritiker verstummen. Stur hatte er seine bisherige Taktik mit vier gelernten Innenverteidigern in der Viererkette vehement verteidigt. Doch gegen die Franzosen zog Löw Philipp Lahm auf die rechte Abwehrseite zurück, stabilisierte so die anfällige Defensive und stärkte das Umschaltspiel. Im defensiven Mittelfeld vertraute er erstmals Bastian Schweinsteiger und Sami Khedira gemeinsam, im Angriff bildete Miroslav Klose die einzige Spitze.

Vehement verteidigt

Allesamt Spieler, die Löw trotz deren mangelnder Fitness nach mehr oder weniger schwerwiegenden Verletzungen im Vorfeld der WM nominiert hatte. Und auf die er, vor allem im Fall von Khedira, ebenfalls gegen alle Widerstände bedingungslos setzte. Denn mit schwindender spielerischen Eleganz wuchs auch traditionell die Anzahl derer, die es besser wussten.

Doch die Mannschaft zahlt es ihrem Trainer zurück. Mit Disziplin. Auf und abseits des Platzes. Mit unbändigem Hunger nach dem vierten Titel. Mit einem schier unzerstörbaren Selbstvertrauen in die eigene Stärke. Mit Teamgeist, der längst nicht mehr nur eine Floskel ist rund um das Campo Bahia.

Ein Satz nach dem historischen Erfolg gegen Brasilien spiegelt am besten das Selbstverständnis wider, mit dem die deutsche Nationalmannschaft bei diesem Turnier agiert. "Es war wichtig, dieser Leidenschaft und diesen Emotionen von Brasilien mit Ruhe, mit Abgeklärtheit zu begegnen, natürlich auch mit Mut und mit unserer eigenen Stärke", sagte Löw. Löw lebt genau das vor.

Mit der Mannschaft gereift

Der 54-Jährige ist in den vergangenen acht Jahren mit seiner Mannschaft gereift. Hat dem DFB-Team bei dieser WM in erster Linie einen ergebnisorientierten Fußball verordnet. Weg vom begeisternden Hurrastil der jüngeren Vergangenheit. Bis zu diesem Halbfinale, in dem Deutschland beide Komponenten miteinander verband und auf höchstem Niveau perfektionierte.

Zur Sicherheit mahnte der Bundestrainer dann nochmal deutlich: "Man darf sich nie unbesiegbar fühlen", sagte er, unterstrich aber auch: Ich glaube zu erkennen, dass diese Mannschaft unbedingt bereit ist, den letzten Schritt zu gehen."

Mit Löw. Und für Löw.

Hier geht es zur Infostrecke: Deutschlands 7:1-Kantersieg über Brasilien – Reaktionen

(are)