Wie Deutschland ohne mich 1990 Weltmeister wurde

WM-Finale 1990 : Wie Deutschland ohne mich Weltmeister wurde

Um den letzten deutschen WM-Titel am 8. Juli 1990 bewusst mitzuerleben, war unser Autor zu jung. Nun hat er sich das Finale zum ersten Mal angesehen. Dabei wurde ihm einiges klar.

Knapp 2 Stunden und 23 Minuten dauert die deutsche TV-Übertragung des WM-Finalspiels von 1990 bei YouTube, die meiste Zeit bin ich reizüberflutet von den real existierenden Schrecken der aufeinanderprallenden Achtziger und Neunziger. Vokuhilas und Schnauzer, Goldkettchen und neonbunt gemusterte Ballonseide, Manndecker und sogar Liberos — das alles gab es ja wirklich!

Im Laufe des Spiels weicht meine Überraschung der Erleichterung: Unter den unzähligen Beschichtungen mit Ironie haben all die modischen wie die fußballerischen Klischees ganz offensichtlich einen wahren Kern.

Dass "Bundesrepublik Deutschland" am 8. Juli 1990 noch nicht dasselbe hieß wie heute, war mir durchaus klar, dennoch ist der Blick auf die bunten Länderkarten aus der Steinzeit der Computergrafik vor dem Anpfiff ungewohnt, fast unangenehm: Da fehlt was. Ein großes Stück im Nordosten.

Rummenigge war schon damals ein Unsympath

Fast ebenso skurril ist es, in den deutschen Trikots Menschen zu sehen, die ich als Trainer (Völler, Augenthaler) oder Boulevard-Opfer (Matthäus) kenne. Immerhin "Icke" Häßler und Jürgen Klinsmann sind mir als Spieler noch gut im Gedächtnis. Recken wie Jürgen Kohler, Pierre Littbarski und Andi Brehme kenne ich ausschließlich als Synonyme für die ganz alte, das heißt anachronistische Schule.

Guido Buchwald ist mir nur ein Begriff, weil die Mutter meines besten Freundes in ihn verliebt war, wegen seines Aussehens. Auf mich wirkt er am ehesten wie der Anführer einer Moped-Gang in Ostwestfalen — aber gerade deswegen ist er mir unendlich viel näher als Cristiano Ronaldo oder Mario Götze, die Stars der heutigen Haargel-Sixpack-Social-Media-Werbedeal-Fußballwelt.

Andere Dinge ändern sich aber offensichtlich nie: Schon 1990 war Karl-Heinz Rummenigge ein Unsympath. Er mäkelt, schnöselt, doziert am laufenden Band, siezt dabei pseudo-unterwürfig Gerd Rubenbauer und duzt "den Franz", man hört geradezu heraus, wie er sich im kaiserlichen Glanze sonnt. Wenn er davon für einen Moment absieht, sagt er "als wie" und "einzigstes". Rubenbauer hingegen glänzt mit einer Sprache, die statt affektiert schlicht angemessen wirkt: Häßler nennt er "eminent spielfreudig" und "Augenthalers bajuwarische Urgewalt obsiegt gegen Burruchaga". Maradona kann der Deckung durch Buchwald fast nie nicht "entweichen", einmal aber gelingt ihm ein "Frucht bringendes Zuspiel".

Beängstigend kurze Hosen

Die Trikots sitzen wie Kartoffelsäcke und werden zunehmend sichtbar von Schweiß durchtränkt, die Kürze der Hosen ist halb belustigend und halb beängstigend. Dem Schiedsrichter-Gespann würde zum weißen Kragen ein Monokel gut stehen. Auf den Banden wirbt Coca-Cola in Druckbuchstaben, offenbar aus der Angst, man erkenne das geschnörkelte Logo der Brause nicht in aller Welt. Ach, wenn es doch so wäre, damals oder heute. Nebenan preist JVC Farbfernseher und "Super VHS" an. Daneben Fujifilm. Gute alte Zeit.

Anderes lässt den Zuschauer eher schaudern: Der gefühlte Militarismus und die latente Aggression etwa, den nicht nur die mehr als 100-köpfige Militärkapelle vor dem Anpfiff ausstrahlt, sondern auch die deutschen "Schlachtenbummler", die auch die Mindeststandards der Höflichkeit ignorieren und während der argentinischen Hymne ein Pfeifkonzert zum Fremdschämen veranstalten (was Rubenbauer den italienischen Zuschauern in die Schuhe zu schieben versucht). Später werden sie noch mit gereckten Armen "Sieg! Sieg! Sieg!" brüllen, bevor ihnen das, O-Ton Gerd Rubenbauer "verbal zu verfänglich wird". Und auf der Tribüne steht wie ein Mittelgebirge mit Pokerface und Leichen im Keller Helmut Kohl.

Dass jeder Zeitenwandel Gewinner und Verlierer produziert, wird mir klar, als Rubenbauer erklärt, der VfB Stuttgart werde in jedem Fall einen Weltmeister stellen, Buchwald oder den Argentinier Basualdo. Fast ein Vierteljahrhundert her, auch das. 2014 und 2015 hat sich Stuttgart mit Mühe und Not den Klassenerhalt in der Bundesliga erkämpft.

Kein Stillstand, kein Kurzpass-Koma

Ach, und das Spiel? Ist nicht halb so schlecht, wie es gern gemacht wird. Im Gegenteil. Die 90 Minuten von Rom bieten alles, wovon der Fußball lebt: Zweikämpfe und Sprints, Standardsituationen und Improvisationen, gute Grätschen und böse Fouls, Karten en masse. Blut, Schweiß und Tränen, nicht nur metaphorisch. Und jede Menge Torchancen, durch Fernschüsse und Flugkopfbälle.

Auch Schwalben, natürlich. Die Illusion, dass es anders gewesen sein könnte, war mir schon lange genommen. Schließlich spielt ja Klinsmann, und Völler erschummelt sich den Elfer, den Andi Brehme in der 85. humorlos flach neben den Pfosten nagelt. Zum Endstand, zum Weltmeistertitel.

Was schlechter ist als heute? Genau genommen nichts außer den häufigen Rückpässen zu den Tormännern, die den Ball mit der Hand aufnehmen und das Spieltempo auf null abbremsen — verboten wurde das erst 1992. Ansonsten aber: Kein Stillstand, kein Kurzpass-Koma, nirgends. Beinahe erinnert das Spiel der deutschen Elf an das von Borussia Dortmund in seienr Hochzeit. Irgendwie in Zeitlupe selbstredend, aber so war das eben vor fast einem Vierteljahrhundert. Und relativ gesehen, im Vergleich etwa zu den Geschwindigkeitszuwächsen bei Computern, nicht erwähnenswert.

Das wichtigste Bolzplatz-Duell der Welt

Einerseits fehlen einem die Geschwindigkeit und die technische Finesse der Spieler von heute dennoch. Andererseits war der Fußball damals ehrlicher. Näher bei sich. Ungeschickter, ja, aber auch ungestümer. Das WM-Finale und die Geschichten drumherum waren damals unendlich weniger stilisiert und inszeniert. Letztlich war es nur das wichtigste Bolzplatz-Duell der Welt. Also genau das, was es eigentlich sein sollte. Vor der Eventisierung, Kommerzialisierung, Skyisierung.

Alles an diesem 8. Juli 1990 war gut und richtig und verdient. Reporter wie Verantwortliche erkannten den Elfmeter als geschenkt, als Konzessionsentscheidung, und den Ausgang genau so korrekt als dennoch fair. Deutschland hatte ein überragendes Turnier gespielt, die ganze Welt zollte seiner Mannschaft nicht nur Respekt, sondern freute sich, eigentlich undenkbar, von Herzen für sie und mit ihr.

Und dann plötzlich ist alles dahin. Der Finalsieg sei ihm "von Haus aus klar" gewesen, beckenbauerte Beckenbauer ins Mikrofon von Jörg Wontorra: "Mir war das gestern schon klar." In der Pressekonferenz legte er dann bekanntlich nach, voller Euphorie angesichts zumindest der fußballerischen Implikationen der anstehenden Wiedervereinigung und dennoch unerträglich: "Es tut mir leid für den Rest der Welt, aber wir werden für die nächsten Jahre nicht zu besiegen sein."

Ich weiß nicht, was ich getan habe, während damals das Finale lief. Vermutlich war ich fasziniert von einer Kugel Erdbeereis, einem Hund oder einer Wolke. In der Rückschau aber weiß ich eins: Beckenbauers ein Stückweit so typisch deutsche Hybris war mit 24 Jahren ohne WM-Titel noch mild bestraft.

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