Toni Schumacher "wundert" sich über Äußerungen von Patrick Battiston

Horror-Foul von 1982 : Battiston-Äußerungen verwundern Schumacher

Toni Schumacher hält die "Battiston-Affäre", wie er sie selbst nennt, für erledigt. Dass dies nur bedingt stimmt, führen ihm die Ereignisse vor dem WM-Viertelfinale zwischen Deutschland und Frankreich vor Augen.

Die Schatten der Vergangenheit holen ihn wieder ein. So intensiv, dass selbst der "Schlächter von Sevilla", wie nicht wenige Franzosen Toni Schumacher heute noch nennen, erschrickt. "Ich wundere mich darüber sehr", sagt der Hauptdarsteller des legendären WM-Dramas von 1982 zu den Anfeindungen, die er 32 Jahre später aufs Neue zu hören bekommt. Und das nur, weil am Freitag mal wieder Deutschland gegen Frankreich spielt.

Selbst Schumachers Opfer Patrick Battiston meldete sich nicht gerade versöhnlich zu Wort. "Vor einem Jahr beim Länderspiel in Paris habe ich all diese Spieler und den damaligen Trainer getroffen. Da hat aber niemand etwas in diese Richtung zu diesem Thema gesagt", sagt Schumacher im SID-Interview: "Wir haben zusammen gegessen und Wein getrunken. Da ist überhaupt nichts aufgekommen von 1982."

Doch das WM-Viertelfinale am Freitag in Rio de Janeiro spült alles wieder an die Oberfläche: seinen Rammstoß gegen Battiston, der bewusstlos aus dem Stadion Ramon Sanchez Pizjuan getragen wurde; seinen flapsigen Spruch von den Jacket-Kronen, der ihn 38 Jahre nach dem Ende des 2. Weltkrieges bei vielen Franzosen der nächsten Generation zum Prototypen des "hässlichen Deutschen" machte.

Schumacher will davon nichts mehr wissen. "Für mich gab es in dieser ganzen Battiston-Affäre eine wichtige Szene: Als ich mich entschuldigt habe. Er hat die Entschuldigung angenommen, und damit war die Angelegenheit für ihn und mich erledigt", sagt er. Vor allem die Medien in beiden Ländern seien dafür verantwortlich, dass das Thema immer wieder hochkocht: "Sie wollen die Geschichte ja immer wieder hören. Man sollte nicht immer versuchen, daraus künstlich eine Geschichte zu machen."

"Rächt Sevilla!"

Künstlich? Maxime Bossis, der damals im Elfmeterschießen im entscheidenden Versuch an Schumacher gescheitert war, forderte die aktuelle Equipe Tricolore und Trainer Didier Deschamps auf: "Rächt Sevilla!" Battiston selbst ließ kein gutes Haar an Schumacher. "Wir begegnen uns, wenn es sich nicht vermeiden lässt", sagte der 57-Jährige.

Battiston berichtet von einem Friedenstreffen Wochen nach dem Vorfall und einer Begegnung im Rahmen des Länderspiels zwischen Frankreich und Deutschland in Straßburg zwei Jahre danach. Auch 1993 liefen sie sich über den Weg, als Schumacher Torwarttrainer bei Bayern München war. "Aber Freunde", sagt Battiston, "werden wir nicht mehr". Schumacher, mit dieser Aussage konfrontiert, erwidert nur: "Das muss er wissen."

Battiston erinnert sich noch heute daran, dass vor dem Zusammenprall Schumachers "Körpersprache und sein Verhalten sehr aggressiv waren". Aber ohnehin hätten ihm nicht der angebrochene Halswirbel, die schwere Gehirnerschütterung oder die ausgeschlagenen Zähne die meisten Schmerzen bereitet, sondern "der Spruch mit den Jacket-Kronen. Dass er sie mir bezahlt. Aufzuwachen, und dann solch eine Respektlosigkeit hinnehmen zu müssen - das tut weh."

Noch heute bereiten Battiston die Gedanken an die Nacht von Sevilla und die Folgen Unbehagen. Er habe "keine Lust, im Gestern 'rumzukramen", sagt er. Zumindest darin stimmt er mit seinem damaligen Peiniger überein.

Schumacher glaubt, dass am Freitag im Maracana mit dem Anpfiff die leidige Sache keine Rolle mehr spielen wird. "Die Spieler von heute waren doch damals noch gar nicht geboren. Sie glauben doch nicht, dass sich ein einziger deutscher Spieler dadurch nervös machen lässt", behauptet er.

Doch zumindest ganz weit im Hinterkopf hat selbst Manuel Neuer die Bilder des Horror-Fouls. "Ich hoffe, dass mir das nicht passiert", sagt der aktuelle Nationaltorwart, in Brasilien derzeit selbst gerne außerhalb des Strafraums unterwegs: "Ich versuche es immer so einzuschätzen, dass ich den Ball gewinne. Ich will dem Gegner kein Leid zufügen."

Hier geht es zur Infostrecke: Deutschland - Frankreich: die denkwürdigsten Duelle

(sid)
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