Sieg im WM-Finale: Deutschland ist zurück auf dem Fußball-Gipfel

Analyse zum WM-Titel : Die beste deutsche Mannschaft steht auf dem Gipfel

Die Weltmeistermannschaft von Brasilien vereinigt wie kein deutsches Team vor ihr spielerische Leichtigkeit und gute alte Kampfkraft.

Als der letzte Ball nach vorn geschlagen wird, da ist es Bastian Schweinsteiger, der sich in die Flugbahn wirft. Natürlich ist es Bastian Schweinsteiger. Mit letzter Kraft gewinnt er sein Kopfballduell, er wird gefoult, er bleibt liegen — wie so oft in der letzten halben Stunde des Finales von Rio de Janeiro, in der Verlängerung der Begegnung mit Argentinien. Er hat Krämpfe, unter dem rechten Auge hat er einen Cut wie ein Boxer, aber er gibt nicht auf. Und als auch dieses letzte Kopfballduell gewonnen ist, darf er liegen bleiben. Der Abpfiff erlöst ihn von seinen Qualen. Deutschland ist Weltmeister, zum vierten Mal. Die vielleicht beste Mannschaft der DFB-Geschichte steht auf dem Gipfel. Und Schweinsteiger hat sich in die Geschichtsbücher gekämpft.

Mit ihm vollenden die anderen Helden des Sommermärchens ihre Karriere: Philipp Lahm, der genau wie Schweinsteiger bis zum letzten Körnchen aus seinem Energiespeicher gelaufen ist; Per Mertesacker, der in den letzten Minuten noch eingewechselt wird; und Lukas Podolski, der im Turnier zumindest für beste Laune sorgen durfte und der für einen Teamgeist steht, der zunächst wohl nur bang beschworen wurde, der aber am Ende die ganz große Stärke ist.

Holpriger Start

Das Endspiel wird zu einem Spiegel einer holprigen Vorbereitung. Ins Trainingslager humpeln die Stars Sami Khedira, Bastian Schweinsteiger, Philipp Lahm und Manuel Neuer. Unentbehrliche Größen in Löws Erfolgsrechnung. Es ist so gar nicht sicher, dass alle pünktlich zur wichtigsten Veranstaltung des Jahres fit werden. So richtig fit werden zumindest Schweinsteiger und Khedira zunächst auch nicht. Ilkay Gündogan, ein überragendes Mittelfeldtalent, steckt schon eine ganze Saison zwischen Krankenzimmer und Rehatraining fest. Und dann fällt noch Marco Reus aus, der Offensivspieler mit der besten Form vor Brasilien. Es hat bessere Vorzeichen vor Weltmeisterschaften gegeben.

Es gibt auch bessere Vorzeichen für ein Finale. Beim Warmlaufen spürt Sami Khedira, , dass seine Wadenmuskulatur zumacht, wie die Sportärzte so sagen. Er wird bis kurz vor dem Anpfiff behandelt. Ohne Erfolg. Die DFB-Auswahl muss ohne den Mann antreten, der mit seiner Präsenz und mit seiner Dynamik die berüchtigte argentinische Deckung öffnen soll.

Für ihn schickt Löw den unerfahrenen Christoph Kramer ins Spiel. Er muss ihn schicken, weil die Bank keine andere Möglichkeit für diese Position im Mittelfeld vorsieht. Dann prallt Kramer mit Ezequiel Garay zusammen. Er muss benommen vom Platz geführt werden. Zwischendurch und danach werden sie von argentinischen Kontern geärgert, und sie müssen sich in ihren Rhythmus zurückkämpfen.

Vieles ist harte Arbeit an diesem Abend. Der Zauber des Halbfinales gegen Brasilien ist weit weg. Es geht über den Willen, wie Löw das in allen seinen Vorträgen zur WM betont hat. "Die Mannschaft hat in dieser Beziehung Außerordentliches geleistet, angeführt von einem überragenden Bastian Schweinsteiger und Philipp Lahm", erklärt der Coach. Beiden habe er vorher gesagt: "Ihr müsst so viel geben wie noch nie, dann werdet ihr etwas gewinnen, das ihr noch nie gewonnen habt." Es ist der vierte Stern auf dem Trikot.

Schweinsteiger wird zum Bild dieser Hingabe. Wie er fällt, sich vor Schmerzen windet, sich immer wieder vom Rasen hochstemmt, sich quält, über den Platz ackert und die Krämpfe aus den Beinen zu dehnen versucht, die doch zurück kommen. Schon vor der Verlängerung wirkt er völlig ausgelaugt, aber er will nicht vom Platz. Er will dieses Spiel zu Ende bringen als die Figur, an der sich die anderen aufrichten. Er will diesen Titel. Er will. Er will. Er will.

Und als er den Titel hat, da bricht er in Tränen aus, zunächst ist es mehr Erlösung als Triumph, der ganze Kerl ist erschüttert, seinen Emotionen ausgeliefert. Er fällt den Kollegen in die Arme, es scheint, als müssten sie ihn trösten, ihm noch mal erklären, was gerade geschieht. Sie alle nennen es "ein unglaubliches Gefühl".

Vom Tiefpunkt in den Fußball-Himmel

Allein Löw schaut seltsam distanziert schon über den Augenblick hinaus. Er sieht den Titel als Ergebnis eines "Projekts, das wir vor zehn Jahren begonnen haben". Es setzt an einem Tiefpunkt der Nationalmannschaft an, dem zweiten Ausscheiden einer DFB-Auswahl nach der Vorrunde einer Europameisterschaft in Folge. In diesem tiefen Tal übernimmt Jürgen Klinsmann mit seinem Assistenten Löw das Team. Gemeinsam renovieren sie den Verband, bringen frischen Wind in den Fußball und denken daran, dass sie junge Leute auf die Anforderungen des großen Sports vorbereiten müssen, die irgendwann in ganz naher Zukunft in der Lage sein sollen, die natürlichen Ansprüche des deutschen Publikums zu befriedigen.

Klinsmann und Löw erkennen, dass germanische Kraftmeierei nicht mehr reicht. Die Gegner lassen sich davon nicht mehr beeindrucken. "Wir wussten, dass wir technisch ausgebildete Spieler brauchen würden, und wir haben viele, viele Jahre an unserem eigenen Stil gearbeitet", sagt Löw in der Stunde seines größten Triumphs als Trainer, in der er auch jene widerlegt, die ihm immer vorgehalten haben, er könne "keine Titel".

Schon die erste Ernte ist beachtlich, das Sommermärchen 2006 mit Platz drei im eigenen Land lässt ein ganzes Volk zu bekennenden Fußballfans werden. Niemand muss sich länger für errumpelte Siege schämen. Löw ist der Architekt einer neuen Spielweise, und er führt das Projekt beharrlich weiter, als der Öffentlichkeitsarbeiter Klinsmann mental aufgebraucht zurückgetreten ist. Auf dem Höhepunkt seiner Karriere hat Löw gelernt, Weisheiten auf den Prüfstand zu stellen. Im Turnier von Brasilien hat er Aufstellung und System zweimal verändert, er hat Ergebnisfußball vor reine Schönheit gestellt, und er wird im Halbfinale mit einem fast perfekten Spiel gegen Brasilien belohnt.

Das Finale ist alles andere als perfekt. Aber es hat den Sieger, der es verdient hat, Sieger zu sein. Die DFB-Auswahl stemmt sich allem Unbill entgegen, sie jammert nicht, sie leidet, aber sie lässt sich nicht unterkriegen. Sie zwingt sich immer wieder zum Angriff, sie steht auf wie Schweinsteiger.

Und sie hat diesen einen glücklichen Moment kurz vor dem Ende der Verlängerung. Große Spiele, so sagt man, werden von den großen Spielern entschieden. Schweinsteiger ist sicher ein Großer, Lahm auch. Mario Götze kann immer noch einer werden, obwohl dieses Turnier auch andere Schlüsse zulässt. Aber als er dann doch auf den Platz kommt im Endspiel, ist er der Mann, der seinem Team die Tür zum Titel öffnet. Mit einer fußballerischen Eleganz, zu der nur die Hochbegabungen fähig sind, bringt er den Ball in einer einzigen fließenden Bewegung von der Brust auf seinen linken Fuß und von dort ins Tor. "Das ist ein Wunderkind", sagt Löw, "ich wusste, er kann ein Spiel entscheiden. Ich habe ihm gesagt: Jetzt zeige der ganzen Welt, dass du besser bist als Messi." Götze ist zumindest wirkungsvoller als der argentinische Superstar, der eine gute und eine halbe Chance liegen lässt. Götze nimmt die Auszeichnung zum Mann des Spiels entgegen. Er dankt seiner "Familie und allen, die zu mir gehalten haben". Na ja.

Der große Mann des Spiels hat sich ein paar Minuten vorher zur Siegerehrung auf die Ehrentribüne geschleppt. Aber Schweinsteiger schleppt sich vor den Kollegen hinauf. Der Erste will er doch sein. Auf diesen Augenblick, in dem die sportliche Unsterblichkeit besiegelt wird, will er nicht warten. "Spielerisch haben wir in den vergangenen zehn Jahren die eine oder andere Schippe draufgelegt", erklärt er in der Pressekonferenz vor dem Finale, "aber wir haben auch noch die eine oder andere teutonische Tugend."

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(RP)
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