Mario Götze — das neue Leben als Legende

In einem Atemzug mit Rahn, Müller und Brehme : Götze — das neue Leben als Legende

Ein Torschuss hat dem 22 Jahre alten Fußballprofi des FC Bayern München einen Platz in der Sportgeschichte gesichert. Der Mittelfeldspieler wird nun in einem Atemzug mit Helmut Rahn, Gerd Müller und Andreas Brehme genannt.

Es gibt im Fußballgeschäft viele Hauptdarsteller. Die besonders talentierten Personen kürt die Werbeindustrie zu Helden. Weil sie den Unterschied ausmachen können — und sei es in der Vermarktung der eigenen Person. Mario Götze war schon lange die Rolle eines Auserwählten zugedacht. Der Sportartikelhersteller Nike hat ihn in Kampagnen verkauft, als gebe es wenige größere Spieler um ihn herum. Doch der tatsächliche Wert eines Akteurs wird in den entscheidenden Partien ermittelt. Im Finale von Rio ist aus dem 22-jährigen Mario Götze nach seinem Siegtreffer gegen Argentinien eine Legende geworden. Diesen Status kann man nicht künstlich erschaffen.

Im deutschen Fußball gehört Götze nun zu einem ziemlich elitären Kreis. Es sind große Namen zu großen Ereignissen. Helmut Rahn war 24, als er im WM-Finale von Bern den Siegtreffer zum 3:2 gegen Ungarn erzielte. Gerd Müller, dem Bomber der Nation, glückte mit 28 das entscheidende 2:1 im Endspiel von München 1974 gegen die Niederlande. Und Andreas Brehme, der Linksverteidiger, versenkte fünf Minuten vor dem Ende des Finals von 1990 in Rom einen Elfmeter gegen Argentinien — er war 29 Jahre alt.

Das Leben hatte ganz unterschiedliche Geschichten für die Helden. Diesen einen Moment aber schleppen sie mit sich herum, wie ein Schlagersänger, der einmal einen Hit gelandet hat. Man ist stolz, aber eigentlich will man für viel mehr wahrgenommen werden als diesen einen Schuss, der immer und immer wieder gezeigt wird. Wenn das Scheinwerferlicht irgendwann erlischt, ist der Alltag die härteste Herausforderung. Von einem Helden wie Andreas Brehme wird verlangt, dass er immer lächelt — egal, ob bei der Eröffnung eines Möbelhauses oder eines Autozentrums.

Mario Götze steht da und genießt den Augenblick. Er erzählt vom Gespräch mit Joachim Löw in der Halbzeit der Verlängerung. Der Bundestrainer habe ihm gesagt: "Jetzt zeige der Welt, dass du besser bist als Messi." Und Götze hat die Anweisungen ziemlich präzise erfüllt. Dabei hatte er 88 Minuten auf der Bank geschmort. Die Offensivkraft des FC Bayern München versucht, was schon seine Vorgänger vergeblich versucht haben — zu relativieren, wo keine Relativierungen zugelassen werden. Götze ist für die Nation fortan "WM 2014", wie Rahn ('54), Müller ('74) und Brehme ('90). "Aber es war nur ein Moment, das ist zweitrangig, das sollte man nicht zu hoch hängen", sagt Götze noch tapfer, so als ob es demütige Worte gibt, die ihm die Last abnehmen könnten. "Wir haben bis zum letzten Augenblick gekämpft. Das hat uns den Titel gebracht, und nicht dieser eine Moment."

Doch nach diesem einen Moment erlaubte er ungewohnte Einblicke in sein Seelenleben — bei der Verleihung des WM-Pokals zeigte er das Trikot seines Freundes Marco Reus von Borussia Dortmund, der sich wenige Tage vor WM-Beginn schwer verletzt hatte. "Es ist ein unglaubliches Gefühl, unbeschreiblich. Ich begreife noch gar nicht, was passiert ist", sagt er. "Mit dem ganzen Land zu feiern, ist ein absoluter Traum." Es waren ungewohnte Worte von einem jungen Mann, dem attestiert wurde, "ein furchtbar schnöseliges Auftreten" und eine "Aura von Arroganz und Abweisung" zu pflegen.

Götze konnte aber auch sportlich lange nicht die Erwartungen erfüllen. Nach seiner Gala gegen Brasilien im August 2011 wurde er noch als "Götzinho" gefeiert. Hernach streikte sein Körper immer mal wieder. Der Trubel um seinen 37-Millionen-Wechsel von Dortmund zu den Bayern, der dem Sohn eines Professors für Datentechnik ganz offensichtlich mehr zugesetzt hat, als er zugeben mochte, spielte ebenfalls eine wichtige Rolle. "Ich hatte kein einfaches Turnier, und ich hatte auch kein einfaches Jahr", sagt er. "Dass meine Familie, meine engsten Freunde und mein Berater immer zu mir gehalten haben, hat mich stark gemacht."

Es wird nun ein anderes Leben für ihn werden. Seit dem 13. Juli 2014 ist Mario Götze eine Legende, egal, was er noch erreichen wird.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Mario Götze schießt Deutschland zum WM-Titel

(RP)
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