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Erdogan-Affäre: Kommentar zu den Pfiffen gegen Ilkay Gündogan

Kommentar zu den Pfiffen gegen Gündogan : Die Moral steht im Abseits

Die Erdogan-Affäre um Özil und Gündogan hat das Potenzial, sich für das DFB-Team zu einem ernsten Problem auszuweiten. Der DFB hofft auf ein schnelles Ende der Debatte. Doch die geht zunehmend am Kern des Problems vorbei. Ein Kommentar.

Wer Probleme aussitzen will, braucht ein dickes Fell. Der DFB zeigt sich nach den neuerlichen Pfiffen gegen Ilkay Gündogan aber erkennbar dünnhäutig. Joachim Löw wird das Problem mit nach Russland nehmen. Die Affäre hat womöglich sogar das Potenzial, sich auf die Chemie im Mannschaftsgefüge auszuwirken und am Ende sogar den Erfolg bei der WM zu gefährden.

Hinzu kommt seit dem vergangenen Freitagabend in Leverkusen das beklemmende Gefühl, dass der Kern des mit bislang nicht gekanntem Feuereifer vorgetragenen Protests sich bei einigen Zuschauern vor allem aus einem problematischen Weltverständnis speist. In dem haben die Müllers und Neuers allein aufgrund ihrer Nachnamen von je her eher ihr natürliches Reservat in einer deutschen Nationalmannschaft als jene Özils und Gündogans, die dort höchstens geduldet waren und an denen sie sich nun leidenschaftlich abarbeiten.

Dabei gibt es sogar gute Gründe, den beiden auf die Finger zu klopfen. Özil geisterte erneut stumm wie ein Fisch an den Pressemikrofonen vorbei. Gündogan, wort- und weltgewandter Medienliebling, hat in seinen schmalen Statements Antworten gegeben – bloß auf die völlig falschen Fragen. Er bekenne sich zu Deutschland und seinen Werten, heißt es. Auch in einem Twitter-Statement schwenkt er artig schwarz-rot-goldene Emojis. Die AfDisierung der Debatte ist vollkommen. Plötzlich müssen zwei gebürtige Gelsenkirchener, Wahl-Engländer und unumstrittene Stammspieler in der deutschen Nationalmannschaft als Projektionsfläche für eine hysterische Integrations-Debatte herhalten.

Auch das Treffen mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier war schlichtweg irreführend. Was es braucht, ist kein „Ja“ zu Deutschland, mitnichten auch ein „Nein“ zur Türkei. Was bis heute fehlt, ist doch vielmehr auch nur ein einziges kritisches Wort, das eine ideologische Distanz zum türkischen Präsidenten und seinen Machenschaften erkennbar werden lässt. Jenem Erdogan, dem Gündogan mit seiner Signatur auf einem Trikot seine Verehrung ausdrückte – womöglich auch, um eine geplante Millionen-Investition in der Türkei zu begünstigen, die Gündogan zumindest nicht dementiert. Ob wirtschaftliches Kalkül die Nähe zu einem Autokraten zumindest erklärbar oder bloß noch verwerflicher macht, darf jeder selbst bewerten.

Allerdings sollte man beim Verteilen von Führungszeugnissen dann auch gründlich vorgehen. Sarkastischer hätte die Szenerie, vor der Gündogan sich des moralischen Urteils von großen Teilen der Fans stellen musste, schließlich kaum sein können: Ein Länderspiel des DFB-Teams gegen die Nationalmannschaft des Königreichs Saudi-Arabien zur Vorbereitung auf eine Fußball-Weltmeisterschaft in Russland unter der Schirmherrschaft der Fifa. Noch mehr zwielichtige Protagonisten aus Fußball und Politik kann man selbst mit viel Fantasie kaum zusammenbringen. Daher ist der DFB durchaus gut beraten, vor den Putin-Festspielen in Russland moderate Töne anzuschlagen.

Reinhard Grindel, der langmütig darum bittet, dass doch nun auch einmal gut sein müsse, ist als DFB-Präsident schließlich auch moralischer Insolvenzverwalter eines Verbands, der sich passenderweise durch die mindestens fragwürdige Beschaffung einer Fußball-Weltmeisterschaft sorgfältig selbst ramponiert hat. Nun wird Grindel in den kommenden Wochen den Umgang mit Wladimir Putin moderieren müssen, dessen langer Schatten mehr oder weniger sichtbar über dem Turnier schwebt. Von den Verstrickungen eines Fußball-Weltverbands, dessen öffentliche Wertschätzung irgendwo zwischen Cosa Nostra und Enkeltrick-Betrügern einzuordnen ist, und der die ganze Nummer in Russland veranstaltet, gar nicht erst zu reden. In diesem Umfeld lassen sich schwerlich moralische Sonntagsreden formulieren.

So lange muss die Frage unbeantwortet bleiben, wie viele Karmapunkte ein Foto mit Erdogan denn kostet im Vergleich mit einem blumigen Liebesbrief an Putins Russland, wie ihn Julian Draxler im Namen des DFB nach dem Confed Cup im letzten Jahr formulierte. Wer soll schon bewerten, wie schwer eine noch immer nicht befriedigend aufgearbeitete Sommermärchenaffäre im DFB wiegt, verglichen mit den Machenschaften der Fifa. Auf die Makel anderer hinzuweisen, hat zwar noch nie als Freibrief für eigene Fehler funktioniert. Es ist aber schlicht atemberaubend, mit welcher Sorgfalt der Fußball jede moralische Deutungshoheit verzockt hat.

Das freilich entlässt die Fußball-Millionäre Özil und Gündogan nicht aus der Verantwortung. Eine klare, unmissverständliche Kritik an der Politik Erdogans ist höchst wünschenswert, dürfte aber ausbleiben. Somit bleibt ein schaler Nachgeschmack und ein Flurschaden, der auch auf den Deckel der beiden Profis aus dem Ruhrgebiet geht. Wenn der Fußball im Allgemeinen und die deutsche Nationalmannschaft im Besonderen in der jüngeren Geschichte etwas zum gesellschaftlichen Fortschritt beizutragen hatten, dann doch ein gelebtes Beispiel selbstverständlicher Integration. Dass nun genau die Krakeeler in den Stadien und an den Stammtischen mit neuem Selbstbewusstsein die Diskussion an sich gerissen haben, ist besonders unappetitlich.