5-2-1-2 oder 3-4-1-2: Die Taktiken der WM: Wer spielt wie?

5-2-1-2 oder 3-4-1-2: Die Taktiken der WM: Wer spielt wie?

Die Niederländer haben Spanien mit einer neuen Taktik überrumpelt, und auch Joachim Löw war äußerst kreativ. Was ist angesagt, wohin geht der Trend, wer spielt was?

So hatte die deutsche Mannschaft kaum jemand auf dem Zettel gehabt. Ohne Podolski und Klose, mit Götze und Özil, in der Offensive extrem flexibel, mal 4-1-2-2-1, mal 4-1-4-1 - Bundestrainer Joachim Löw hat bei Deutschlands WM-Start tief in die Trickkiste gegriffen und lag damit voll im Trend: Taktikfüchse haben an der Endrunde in Brasilien ihre helle Freude.

Auch Louis van Gaal gehört dazu. Als antiquiert war die 5-2-1-2-Formation des niederländischen Nationaltrainers vor dem Spiel gegen Weltmeister Spanien gescholten worden. Nach dem 5:1-Triumph von Oranje über die dominierende Nationalmannschaft der letzten sechs Jahre meckerte niemand mehr.

Van Gaal scheint damit ein altes Bonmot von Otto Rehhagel zu bestätigen: "Modern spielt, wer gewinnt." Trendsetter ist der Bondscoach mit seiner Taktik allerdings bislang nicht, denn ganz neu ist seine Fünferabwehrkette, die sich bei eigenem Ballbesitz und dem Aufrücken der Außenverteidiger ins Mittelfeld wieder in eine Dreierkette verwandelt, nicht.

Anno 2014 sind nach wie vor die Grundausrichtungen 4-2-3-1 und 4-1-4-1 vorherrschend. Titelverteidiger Spanien, Gastgeber Brasilien, Deutschland, Italien, Frankreich und über ein Dutzend weiterer Teams setzen auf eine dieser Spielarten. Ihr Vorzug: Auf dem Papier versprechen sie die größtmögliche Kontrolle des Mittelfeldes.

Hierfür sind auf nahezu jeder Position technisch, taktisch und läuferisch starke Spieler gefragt, die ihren Trainern größtmögliche Flexibilität erlauben. Diesem Anforderungsprofil ist auch die Position des Mittelstürmers mehr und mehr unterworfen, weswegen unter anderem Spanien und Deutschland die viel zitierte "falsche Neun" mit einem gelernten Mittelfeldspieler als Angriffsspitze im Repertoire haben.

Der Instinktfußballer Thomas Müller war beim 4:0 gegen Portugal mal wieder von allem etwas - nur nicht ausrechenbar. Der Lohn: drei Tore.

Doch nicht nur in Deutschland drohen die klassischen Angreifer - der einzige im Kader, Miroslav Klose, saß gegen die Portugiesen nur auf der Bank - an Wert zu verlieren. Mit Ausnahme der in der Spitze erstklassig aufgestellten Argentinier um Superstar Lionel Messi, Sergio Agüero und Gonzalo Higuain spielt ein Dreiersturm kaum noch eine Rolle. Eine, maximal zwei Spitzen prägen das Bild. Selbst Argentinien, die einst eigens für Messi auf 4-3-3 umstellten, versuchten es im Spiel gegen Bosnien-Herzegowina (2:1) zunächst mit nur zwei Angreifern, stellten aber in der Halbzeit wieder um, weil es nicht lief.

Fußballtaktik ist ohnehin immer auch eine Frage der Interpretation und der Situation. Defensiv eingestellte Mannschaften interpretieren ein 4-2-3-1-System nicht selten als "Neuner-Riegel" mit einer einsamen Sturmspitze, die von den Kollegen allenfalls sporadisch unterstützt wird.

Ganz anders sieht es bei den spielstarken Teams aus. Die deutsche Nationalelf etwa greift aus einem 4-2-3-1-System heraus nicht selten mit gleich mindestens vier Spielern an. Hierbei mutieren die Außen der offensiven Viererreihe unter Umständen sogar zu Außenstürmern, die Außenverteidiger rücken ins Mittelfeld nach. Bei Ballverlust setzt mit dem Gegenpressing weit in der gegnerischen Hälfte der sofortige Versuch der Ball-Rückeroberung ein.

Entscheidend für die Spielphilosophie einer Mannschaft ist die Besetzung der Mittelfeldzentrale. Die sogenannte "Doppel-Sechs" oder aber die ursprünglich "spanische" Variante mit einem einzelnen Abräumer vor der Abwehr gelten als proaktiv und mutig. Löw ließ am Montag Lahm alleine auf "der Sechs" spielen. Toni Kroos und Sami Khedira unterstützten ihn, kurbelten aber immer wieder mit Mesut Özil (rechts) und Mario Götze (links) die Offensive an.

Maximale Flexibilität, so scheint es, ist bei dieser WM-Endrunde ein wichtiger Schlüssel zum Erfolg.

(sid)
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