Die deutsche Nationalmannschaft als Flucht aus dem Alltag

Psychologie des Fan-Seins : Die Nationalmannschaft als Flucht aus dem Alltag

Viele Fans fürchten das Ausscheiden der deutschen Elf, weil sie sich zum Team zählen und ihr persönliches Glück davon abhängig ist.

Seit knapp drei Wochen schwimmt Deutschland auf einer Euphoriewelle. Die Nationalmannschaft ist mit ihrem bisherigen Abschneiden fleißiger Endorphinelieferant. Doch der knappe Sieg gegen Algerien hat gezeigt, wie schnell die Glücksgefühle der Angst um das Ausscheiden aus dem Turnier Platz machen können. In den weiteren K.o.-Spielen werden Millionen Fans mitzittern, weil es nicht nur um den Turniersieg geht, sondern vor allem um das eigene Seelenheil.

Denn für viele ist die Nationalmannschaft nicht nur eine Auswahl der besten deutschen Fußballer, viele Fans identifizieren sich mit den Müllers, Schweinsteigers und Özils. Sie machen ihr persönliches Glück vom Abschneiden der Nationalelf abhängig. "Einige Fans suchen mit der Nationalmannschaft eine gewisse Flucht aus dem Alltag. Wenn sie ein Spiel schauen, können sie die Kinder, die Frau und die Arbeit vergessen", sagt der Düsseldorfer Sportpsychologe Jürgen Walter.

Auch die Erfolge der Vorbilder, die in Brasilien um den Titel kämpfen, würden einige auf sich projizieren und damit auch einen Wunsch befriedigen, selbst auf dem Platz zu stehen und das eigene Selbstvertrauen aufzuwerten. "Man hört oft ,wir können Weltmeister werden'. Die Fans sehen sich als Teil der Mannschaft. Nach einer Umfrage könnten sich 85 Prozent der Männer vorstellen, im nächsten Leben Fußballprofi zu werden", erklärt Walter.

Der Sportpsychologe empfiehlt eine differenziertere Betrachtung der Geschehnisse in Brasilien. Angst vor dem Ausscheiden der deutschen Elf sollten die Fans zuhause jedenfalls nicht haben. "Was für eine Angst? Es ist ja nichts Lebensbedrohliches. Man kann sich höchstens Sorgen machen, aber Angst ist hier Fehl am Platz." Vielmehr sei es angebracht, bei einem möglichen Ausscheiden der deutschen Elf nüchtern die Gründe zu analysieren. "Ich kann Dinge besser abhaken, wenn ich akzeptiere, dass der Gegner besser war." Dann bestehe auch nicht die Gefahr, dass für die Fans bei einem Ausscheiden eine Welt zusammenbricht.

Das befürchteten offenbar auch einige leidenschaftliche Anhänger der brasilianischen Elf. Nach dem spannenden Elfmeterschießen gegen Chile, das Brasilien am Ende für sich entscheiden konnte, erlitten vier Fans einen Herzinfarkt. "Die Fans investieren so viel an Leidenschaft und Liebe für die Mannschaft, dass sie es als persönliche Kränkung empfinden, wenn das Team ausscheidet", sagt Walter. Das Verhalten sei auch keiner bestimmten sozialen Schicht zuzuordnen, erklärt der Sportpsychologe.

Dass auch ein vorzeitiges Aus der Nationalelf durchaus positive Folgen haben kann, zeigt das Beispiel 2006. Die Geburtenkurse in den WM-Städten waren neun Monate später voll wie selten zuvor.

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(RP)
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