Analyse zum DFB : Wer ist hier der Boss?

Der DFB ringt um einen Neustart. Das Vorhaben gestaltet sich schwierig, weil alle miteinander verbunden sind.

Der Schatzmeister des größten Sportfachverbands der Welt ist eigentlich ein Mann für die zweite Reihe. Aktuell bekleidet das Amt ein gewisser Stephan Osnabrügge, im Hauptberuf Fachanwalt für Arbeitsrecht. Ein Fachmann, der beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) hinter den Kulissen die Finanzen regelt. Er ist damit Nachfolger von Reinhard Grindel, der bis zu seiner Inthronisierung als DFB-Präsident diese Position verantwortete. Grindel allerdings interpretierte seine Rolle ein wenig offensiver. Er kam aus der Tiefe des Raums und riskierte auch schon einmal einen Flügellauf – um auf ein Foto mit Joachim Löw und Oliver Bierhoff zu kommen. Nähe zu den Großen des Fußballs ist für ihn eine Währung, die seine Bedeutung ausdrückt: Seht her, ich spiele bei den Wichtigen mit!

Nähe zu Jogi Löw. Nähe zu Oli Bierhoff. Der Jogi. Der Oli. Innerhalb des DFB beobachtet man seit Monaten, zum Teil belustigt, zum Teil mächtig irritiert, wie sehr der 56-Jährige Grindel die sportliche Leitung der deutschen Nationalmannschaft in Manndeckung genommen hat. Auf Terminen und Fotos, die durchaus auch ohne Grindel ausgekommen wären, demonstriert er mit Vorliebe den Kontakt zu ihnen. Gleichwohl tingelt er auch über die Amateurplätze der Republik, als sei er in einem permanenten Wahlkampfmodus. Zeigen, dass man da ist, zeigen, dass man sich kümmert. Vor allem zeigen.

Das Problem an der überinszenierten Nähe zu Löw und Bierhoff offenbart sich in diesen Tagen nach der großen Enttäuschung bei der Weltmeisterschaft in Russland recht deutlich. Grindel windet sich nach Kräften, mit deutlichen Worten die sportlich Verantwortlichen auch wirklich in die Verantwortung zu nehmen. Er lässt gewähren, wo hinterfragen notwendig wäre. Er verspricht, ohne halten zu können, wenn es darum geht, wirklich substanzielle Analysen der größten Fehler abzuliefern. Statt sich Zeit zu nehmen, muss sofort geliefert werden, weil man ja, so tickt der ehemalige Politiker Grindel, dem Volk zur Beruhigung irgendeine Antwort geben muss.

Da aber Bierhoff sehr sicher auch ein Teil des Problems ist, stellt sich die Frage, wer die Fehleranalyse in seinem Fachbereich macht? Bierhoff selbst? Oder ist das nicht eher Chefsache? Aber wer ist eigentlich der Boss beim DFB? Wer gibt den Ton an? Wirklich Grindel, der als Seiteneinsteiger noch nicht über die nötigen Seilschaften und vor allem den Rückhalt im Lager der 36 Profiteams aus 1. und 2. Liga verfügt? Oder ist es nicht eher Bierhoff, dessen Vertrag im Status eines Direktors beim Verband noch bis 2024 läuft – noch zwei Jahre länger als der von Löw.

Es liegt in der Natur der Sache, dass die Funktionäre hinter Grindel erst einmal demonstrativ schweigen. Die mächtigen Landesverbände, die ansonsten zu diesem und jenem immer mal wieder einen Beitrag loswerden wollen, verharren in ihrer Deckung. Es ist noch nicht der Zeitpunkt gekommen, an dem an eine Revolte zu denken wäre. Oder auch nur die öffentliche Forderung nach einer Kurskorrektur. Derartige Aussagen werden ganz genau registriert und können beim nächsten Bundestag, so nennt sich der Versammlung des DFB, von der Führung abgestraft zu werden.

„Warten wir mal ab, wie sich das alles noch so entwickelt“, heißt es von einem Landesfürsten, ausgesprochen nur unter der Zusicherung, seinen Namen nirgendwo zu lesen. Die Erdogan-Affäre. Die sportliche Talfahrt der Nationalmannschaft. Ein paar Unregelmäßigkeiten innerhalb des DFB. „Der Präsident hat einiges an Arbeit vor sich, aber er wollte es ja so.“