DFB-Historie: Franz Beckenbauer der Architekt des WM-Sieges '74

DFB-Historie : Beckenbauer, Architekt des WM-Sieges '74

Nach der 0:1-Niederlage gegen die DDR im Vorrundenspiel in Hamburg nahm der Kapitän das Zepter in die Hand. In der Sportschule Malente wurde Tacheles geredet. Der "zerstrittene Haufen" gewann das Finale gegen die Niederlande.

Es soll damals sogar einige Unentwegte gegeben haben, die - eine Deutschland-Fahne schwenkend - einen Autokorso initiieren wollten. Aber in Trance verfiel Deutschland am 7. Juli 1974 ganz und gar nicht, als sich im Münchner Olympia-Stadion die deutschen Fußball-Stars durch den 2:1-Erfolg gegen die favorisierte Mannschaft aus den Niederlanden zum zweiten Mal nach 1954 zum Weltmeister kürten.

Während 20 Jahre zuvor Nationalmannschaftskapitän Fritz Walter und seine Kameraden nach der Rückkehr per Zug vom "3:2-Wunder von Bern" gegen die als unschlagbar geltenden Ungarn schon beim Grenzübertritt in Singen am Hohentwiel begeistert empfangen wurden, blieb es in der Bundesrepublik erstaunlich ruhig damals. Mehr als eine Million Menschen hatten 1954 dem Team von "Chef" Sepp Herberger auf der Zugfahrt im Süden der Republik über Konstanz, Lindau und dem Allgäu nach München zugejubelt.

20 Jahre später war alles weniger euphorisch. Der Gastgeber der Weltmeisterschafts-Endrunde um Kapitän und Lichtgestalt Franz Beckenbauer (Bayern München) war seiner Favoritenrolle nachgekommen. Er war zwar in der Vorrunde beim 0:1 in Hamburg im deutsch-deutschen Duell gegen die DDR (0:1/ Torschütze Jürgen Sparwasser) ins Straucheln geraten, konnte sich aber wieder fangen.

Legendär die Krisennacht von Malente, als in der Sportschule in Schleswig-Holstein nach dem DDR-Spiel Tacheles geredet wurde, der "Kaiser" das Zepter in die Hand nahm und wichtige personelle Weichenstellungen für den weiteren Turnierverlauf getroffen wurden. "Wir haben uns schonungslos die Wahrheit gesagt", berichtete der heute 68 Jahre alte Beckenbauer im bayerischen Fernsehen zum 40-Jährigen des Endspiels (Ausstrahlung am 7. Juni ab 20.15 Uhr).

Bundestrainer Helmut Schön wurde später als Weltmeister-Coach gefeiert, doch ohne Beckenbauers Einflussnahme wäre der WM-Sieg 1974 kaum möglich gewesen. Dass allerdings die deutsche Weltmeistermannschaft auch nicht annähernd mit jener von 1954 ("elf Freunde müsst ihr sein!") zu vergleichen war, daraus machte Beckenbauer kein Geheimnis: "Wir gingen auseinander, wie wir begonnen hatten: als zerstrittener Haufen."

Gerd Müller, Wolfgang Overath und Jürgen Grabowski erklärten noch in der Endspielnacht ihren Nationalmannschaftsrücktritt auch aus Verärgerung und Zorn. So wurden die Ehefrauen der Spieler zum Abschlussbankett nicht zugelassen, Beckenbauer intervenierte vergeblich. Grabowski war immer noch verstimmt darüber, dass er zu einem der Schuldigen der Pleite gegen die DDR gemacht worden war und in der zweiten Finalrunde zunächst nicht der Stammmannschaft angehörte.

Diese Ereignisse warfen einen langen Schatten auf das 74er-Team, das nach dem EM-Titel 1972 (im Finale in Brüssel wurde das team der Sowjetunion mit 3:0 besiegt, Tore: Gerd Müller/27., 58, Herbert Wimmer/52. auch Weltmeister wurde. Doch während die EM-Elf nach "Ramba-Zamba" der Achse Beckenbauer-Netzer-Müller in den Himmel gelobt wurde, offenbarte die Weltmeistermannschaft zwei Jahre später bei weitem nicht soviel Glanz und Esprit.

Immerhin behielt "Kaiser Franz" im brisanten Duell gegen "König Johan" Cruyff die Oberhand. Oranje war zuvor wie ein Orkan durch das WM-Turnier im Nachbarland gestürmt. "Voetbal total" dominierte die WM. Und als Cruyff in der ersten Spielminute von Uli Hoeneß im Strafraum gefoult wurde, und Johan Neeskens den fälligen Strafstoß mit Urgewalt und Schuss verwandelte, schienen sich die Befürchtungen zu bewahrheiten. Oranje war drauf und dran, den Titel zu erringen.

Doch Bernd Hölzenbeins Flugeinlage im Strafraum vor dem 1:1-Ausgleich durch Paul Breitners Foulelfmeter (25.) ermöglichte dem Gastgeber den Ausgleich. "Bomber" Gerd Müller (43.) war es schließlich vorbehalten - auf Vorarbeit des Mönchengladbacher Profis Rainer Bonhof (mit 22 Jahren damals der Jüngste im deutschen Team) das 2:1-Siegtor zu erzielen. Es war Müllers 14. und letztes WM-Tor - und das vielleicht wichtigste.

Die zweite Halbzeit wurde zu einem einzigen Sturmlauf von Cruyff und Co. Aber mit Glück und Geschickt sowie einem überragenden Torwart Sepp Maier (Bayern München) verteidigten die Deutschen die knappe Führung. Es war kein Glanzpunkt aus deutscher Sicht, eher ein Pflichterfolg.

Entsprechend zurückhaltend fielen die Reaktionen unter den Fans in Deutschland aus. Rudelgucken und Public Viewing - das war zum damaligen Zeitpunkt noch nicht en vogue.

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(SID)