Ungewöhnliche Leistung gegen Frankreich: DFB-Elf nimmt Kurs auf den WM-Titel

Ungewöhnliche Leistung gegen Frankreich : DFB-Elf nimmt Kurs auf den WM-Titel

Die deutsche Nationalmannschaft wirft für den WM-Titel Ideale über Bord – im Viertelfinale gegen Frankreich ein Erfolgsgeheimnis. Wieder gab es ein Standard-Tor, gekämpft wurde bis zur völligen Verausgabung. Nur so kann es etwas werden mit dem Konfetti-Regen nach dem Finale.

Die deutsche Nationalmannschaft wirft für den WM-Titel Ideale über Bord — im Viertelfinale gegen Frankreich ein Erfolgsgeheimnis. Wieder gab es ein Standard-Tor, gekämpft wurde bis zur völligen Verausgabung. Nur so kann es etwas werden mit dem Konfetti-Regen nach dem Finale.

Es sprudelte nur so heraus aus Wolfgang Niersbach. Der DFB-Präsident konnte sich gar nicht entscheiden, mit welcher Statistik er den Erfolg der Nationalmannschaft zuerst unterstreichen wollte. Da wurde im ARD-Interview deutlich, dass der Präsident gleichzeitig der oberste PR-Berater ist. Aber Niersbach hatte Recht, den Faktencheck bestand jede seiner Aussagen.

Und dann sagte Niersbach noch einen Satz, dessen Richtigkeit nicht so leicht zu überprüfen ist: "Viel wichtiger als die Aufstellung ist doch die Einstellung, das hat die Mannschaft heute gezeigt." Um das zu belegen, führt kein Weg an konkreten Szenen und Zahlen vorbei. Gerade die Statistik gibt der These Nahrung, dass das Team von Bundestrainer Joachim Löw gegen Frankreich kaum wiederzuerkennen war.

Klar, könnte man sagen, schießlich gehorchte Löw scheinbar der "Stimme des Volkes", zog Philipp Lahm nach hinten rechts, brachte Miroslav Klose als echte Neun und stellte auf ein 4-2-3-1 um. Doch keine der Änderungen war spielentscheidend. Die wahre Metamorphose hat sich im Kern der Mannschaft vollzogen, die sich der Schönspielerei endgültig entsagt hat. Beim knappen 1:0-Erfolg zeigte die DFB-Elf etwas, das man einst "deutsche Tugenden" nannte, heutzutage aber um alles in der Welt nicht mehr so nennen will.

"Titelorientiert" — so geht es im Gegensatz zu früheren Turnieren der Löw-Zeit von hinten bis vorne zu. Sieben Kilometer mehr als die Franzosen lief das deutsche Team im heißen Rio de Janeiro, bis zur völligen Verausgabung. Exemplarisch war einmal mehr Thomas Müller, in der 87. Minute noch ein fleischgewordener Hilferuf nach einem Sauerstoffzelt. In der Nachspielzeit wieselte der Angreifer dennoch Frankreichs Keeper Hugo Lloris hinterher, so dass er ihm beinahe den Ball vom Fuß spitzelte.

Allein diese Szene genügt, um DFB-Präsident Niersbach den Satz mit der hervorragenden Einstellung durchgehen zu lassen. Selbst die Sorgenkinder auf der Doppelsechs — Bastian Schweinsteiger und Sami Khedira — riefen von den lediglich 80 Prozent, die ihnen momentan zur Verfügung stehen, jedes einzelne ab.

Statistisch gesehen war es nicht nur ein völlig ausgeglichener, sondern auch ein bemerkenswerter Schlagabtausch im Maracana. Deutschland spielte 517 Pässe, Frankreich 511. Deutschland brachte 73 Prozent davon zum Mann, Frankreich 74 — Negativwerte für beide bei diesem Turnier. Während beim Ballbesitz über die gesamte Spieldauer exakt 50:50 herrschte, kam das deutsche Team in der Schlussviertelstunde auf 58 Prozent. Der einzige Vorwurf: Die Löw-Elf ließ allerbeste Kontermöglichkeiten liegen, so dass Karim Benzema mit der letzten Aktion des Spiel um ein Haar der — auf keinen Fall unverdiente — Ausgleich gelungen wäre.

Neuers Siegquote liegt bei 80 Prozent

Aber dem stand ein Mann im Weg, den Niersbach auch noch mit ein paar Zahlen hätte würdigen können. Manuel Neuer zeigte erneut eine Weltklasse-Leistung, wenn auch eine durchaus konservative. Gegen Frankreich war er zur Abwechslung ein Torwart, der auf der Linie Bälle parierte — und das spektakulärer als es sich liest. Von seinen 50 Länderspielen hat Neuer gerade einmal drei verloren, bei der WM 2010 gegen Serbien und Spanien sowie bei der EM 2012 gegen Italien. Seine Siegquote liegt bei 80 Prozent, dahinter kommt im aktuellen Kader Kapitän Lahm mit 73 Prozent.

Mit dem Schönheitspreis wird das nichts mehr im Jahr 2014. Aber falls es eine Trophäe dafür gäbe, würde die auf keinen Fall im Konfettiregen nach dem WM-Finale überreicht. Um diesem Konfetti-Moment näherzukommen als 2006 und 2010, bricht die Nationalmannschaft sogar mit Idealen der vergangenen Jahre. Gegen Frankreich erzielte sie nach einem Freistoß von Toni Kroos das fünfte Standard-Tor.

Zu erahnen war die Rückbesinnung bereits im November 2013 gegen Italien, als es ebenfalls hieß: Hereingabe Kroos, Kopfball Hummels. Zudem gab es im Viertelfinale 18 Fouls, in den vier Spielen zuvor waren es maximal elf gewesen. Doch die Ruppigkeit ist offenbar wohlüberlegt: Nur ein Foul leistete sich die Löw-Elf im Drittel vor dem eigenen Tor.

"Es ist weiterhin alles möglich", sagte DFB-Chef Niersbach dann noch. Auch die Aussage hält dem Faktencheck stand. Am Dienstag um 22 Uhr geht es im Halbfinale gegen Gastgeber Brasilien.

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