Deutschland hat mit dem Halbfinale das WM-Klassenziel erreicht

Halbfinale gegen Brasilien : Deutschland hat das Klassenziel erreicht

Joachim Löw ist ganz ruhig. Die Augen eilen nicht umher, die Stimme klingt ein bisschen heruntergedimmt, sie geht auch bei seinem Lieblingswort "wahnsinnig" nicht auffallend nach oben. Der Mann ist gelassen. Er weiß, dass ihm jetzt nicht mehr viel passieren kann. Seine Mannschaft hat durch einen 1:0-Erfolg über Frankreich ihr Klassenziel bei dieser WM erreicht, sie steht im Halbfinale.

Und die Versetzung in die nächsthöhere Klasse, ins Finale von Maracana, ist möglich, wenn das Team erneut so konzentriert, so abwehrstark auftritt wie gegen Frankreich im Viertelfinale — ebenfalls im Maracana-Stadion. "Wir können zufrieden sein mit dem, was wir abgeliefert haben", sagte Verteidiger Mats Hummels, der das Tor des Tages mit dem Kopf nach einer Freistoßflanke von Toni Kroos erzielt hatte.

Löw hatte Taktik und Spielsystem im Vergleich zum eher rumpeligen Achtelfinale gegen Algerien umgestellt. Philipp Lahm rückte erwartungsgemäß auf die Position des rechten Verteidigers zurück. Und er übernahm damit eine Schlüsselrolle, worauf Löw in einer vergleichsweise eigentümlichen Formulierung hinwies. "Wir wussten, dass die Franzosen in der Mitte unheimlich dicht sind", sagte er, "deshalb mussten wir mehr über die Außen kommen."

Khedira und Schweinsteiger kommen an ihre Grenzen

Mit der sehr dichten Mitte durften sich Sami Khedira und Bastian Schweinsteiger abmühen. Das gelang ihnen mit zunehmender Spielzeit immer besser, obwohl sie dabei erkennbar an ihre körperlichen Grenzen gehen mussten. "Man muss in den nächsten Tagen mal sehen, wie sie das verkraftet haben", erklärte der Bundestrainer.

Der Sieg wird ihnen helfen, über die gröbsten Folgen der Strapazen in der Mittagshitze von Rio de Janeiro hinwegzukommen. Die beiden auf die sogenannte Doppelsechs zu stellen, war nach Lahms Rückversetzung die zweite taktische Antwort auf die Vorstellung gegen Algerien und die Aussichten auf ein Spiel gegen die gut organisierten Franzosen.

Die dritte war eine Komplettumstellung des Systems auf das in jüngerer Vergangenheit so erfolgreiche 4-2-3-1. Miroslav Klose gab den Aktionen der Deutschen in der Spitze mehr Tiefe, das Dreiermittelfeld dahinter sorgte für einen ordentlichen Aufbau und in den besten deutschen Momenten für Spielkontrolle.

Vor beiden Toren brannte allerdings nicht viel an. "Beide Mannschaften waren in der Defensive schon auch sehr stark", stellte Löw zu Recht fest. Und als Frankreich in der Schlussphase alles nach vorn warf, bewies das deutsche Team mannschaftlichen Zusammenhalt in der Verteidigungsarbeit, der auf dem Weg zu großen Zielen stilbildend sein kann. "Das war harte Arbeit", erklärte Hummels, "und alle haben mitgemacht. Das war kein perfektes Spiel, aber bestimmt ein sehr gutes."

André Schürrle hätte es zu einem perfekten machen können. Er scheiterte im Abschluss nach zwei Konterangriffen in der Schlussphase. Da hätte er bereits alle Zweifel am Einzug ins Halbfinale zerstreuen können.

Er traf weder mit List noch mit Gewalt, und deshalb mussten Hummels und seine Kollegen bis zum Ende zittern, als Karim Benzema die letzte Chance der Franzosen vergeben hatte. Unter dem Strich stand, was jedem Abwehrspieler auf dem Planeten besonders gut gefällt: ein Erfolg ohne Gegentor. Hier liegt auch der Schlüssel für das nächste Spiel oder das ganz große danach. "Man kann nicht Weltmeister werden, wenn man im Schnitt zwei Gegentore bekommt", sagte Hummels. Ohne Gegentor kann man es sicher werden.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Frankreich - Deutschland: Einzelkritik

Mehr von RP ONLINE