Deutsche Nationalmannschaft: Wie das Amt DFB-Präsident Reinhard Grindel überfordert

Analyse zum DFB : Wie das Amt Grindel überfordert

Der Deutsche Fußball-Bund offenbart in der Stunde der Niederlage gravierende Schwächen in der Führung. Der Verband hat sich in den vergangenen Jahren weniger um eine Haltung bemüht als um Gewinnoptimierung. Eine Analyse.

Es ist noch gar nicht so lange her, da hat man sich beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) mal wieder einen Neuanfang verordnet. Die Aufräumarbeiten nach dem völlig aus dem Ruder gelaufenen sogenannten Sommermärchen 2006 haben die Aufstellung beim größten Sportfachverband der Welt mächtig durcheinandergewirbelt. Und sie haben Karrieren ermöglicht, wie die von Reinhard Grindel.

Seine Inthronisierung als DFB-Präsident vor zwei Jahren war in etwa so überraschend, als wenn Jogi Löw einen Eishockey-Spieler aus der Zweiten Liga für sein Team nominieren würde. Grindel hat sich nicht mit einer besonderen Agenda für die Position empfohlen. Er wurde einfach in die Verantwortung gespült, weil alle anderen aufgrund ihrer Vergangenheit im Verband überhaupt nicht vermittelbar waren.

Grindel, 56, hat sich die Führungsrolle schon ziemlich lange zugetraut. Spätestens seit dem Moment, als er erkannte, dass seine Karriere als Politiker im Status eines Hinterbänklers zu versanden drohte. Er erledigte für die CDU-Fraktion die unangenehmen Fälle.

Wer aus der Reihe tanzte, wurde von ihm wieder eingefangen. Und auch politische Gegner machten mitunter die Erfahrung mit einem aufbrausenden Charakter, der nicht davor zurückscheute, die Ellenbogen ohne Rücksicht auf Verluste auszufahren, um seine Ziele zu erreichen. Er beschäftigte sich in Berlin unter anderem intensiv mit dem Thema Integration. Der Politiker Grindel sah Zuwanderung aber vor allem als Bedrohung.

Man muss diese Dinge über Grindel wissen, der sich als Schatzmeister des Verbandes in Stellung gebracht hat, um sich in etwa vorstellen zu können, was man von ihm als DFB-Präsident zu erwarten hat. Es ist eine Politik eng geknüpft an die aktuelle Stimmungslage der Öffentlichkeit. Als bekannt wurde, dass sich die Nationalspieler Ilkay Gündogan und Mesut Özil mit dem türkischen Despoten Recep Tayyip Erdogan posierten, da hatte Grindel ein Problem. Sein Kompass verweigerte die Arbeit, weil er für derartige Ereignisse schlicht keine Funktion hat. Quasi ein gigantisches Magnetfeld.

Der sportliche Erfolg stand beim DFB schon immer über allem. Warum also sollte man vermutlich zwei „systemrelevante“ Spieler opfern, um irgendeine Haltung zu demonstrieren? Grindel hätte sich vieles vorwerfen lassen wollen, aber ganz bestimmt nicht, dass er es möglicherweise war, der „Die Mannschaft“ geschwächt hatte, weil er übertrieben politisch Korrekt ans Werk gegangen war.

Grindel entschied sich für Abwarten statt Haltung. Das Problem war da schon nicht mehr einzufangen, und jegliche Versuche, um Schadensbegrenzung machten es nur noch schlimmer. Weil es dem DFB und Grindel im Speziellen niemand abkaufte, sich wirklich um eine Lösung in der Sache zu bemühen. Deckel drauf, Thema aus. Grindel griff nicht ein, als Teammanager Oliver Bierhoff eine nie wirklich geführte Debatte für beendet erklären wollen. Wäre es für ihn von sportpolitischer Bedeutung gewesen, dass sich zwei Nationalspieler derart präsentieren, hätte Grindel qua seines Amtes ein Machtwort sprechen müssen. Er eierte indes herum.

Der DFB ist ein komplexer Verband. Es gibt ganz unterschiedliche Strömungen unter dem Dach der Verbandszentrale an der Otto-Fleck-Schneise in Frankfurt am Main. Ganz vereinfacht gibt es drei große Säulen: Es gibt den Amateurbereich, der ein Großteil der Arbeit ausmacht, aber wenig Geld einbringt. Es gibt die Nationalmannschaft, die das Geld reinbringt, sich aber nicht viel sagen lassen will.

Und es gibt die Schiedsrichter, die eigentlich nur Ärger einbringen. Der Amateurbereich hat bislang immer über die Macht beim DFB entschieden. Doch der Profifußball, organisiert in der DFL, hat schon länger deutlich gemacht, an diesen Kräfteverhältnissen rütteln zu wollen.

Dass die DFL sich am Ende auf Grindel als neuen DFB-Präsidenten geeinigt hat, lag vor allem an den fehlenden Alternativen. Man hätte deutlich lieber einen Kandidaten mit „Stallgeruch“ unterstützt. Niemand wollte. Rainer Koch, der nun als Vizepräsident, jeden Schritt von Grindel genau verfolgt, entschied sich gegen eine Kandidatur, weil er im Kampf um Gelder zu viele Vertreter der „Profis“ gegen sich aufgebracht hatte. Koch ist seit geraumer Zeit deutlich präsidialer unterwegs. Vielleicht wird er schon bald eine zweite Chance bekommen.

Grindel kommt nicht hinterher. Er hat zugelassen. Er hat davon geträumt, beim DFB seine Laufbahn als Staatsmann anzukurbeln. Bislang hat es aber maximal zu einem Staatsmännchen gereicht. Unerfahren auf internationaler Bühne. National vor allem darum bemüht, sich als Reinhard Grindel zu inszenieren. Was der Verband jetzt aber braucht ist einen Analysten, und keinen Präsidenten-Darsteller. Einen, der eine Meinung auch gegen einen Teil der Öffentlichkeit bereit ist auszuhalten. Einen, der Fotos mit Diktatoren verurteilt. Aber umso lauter wird, wenn andere Menschen, insbesondere wenn sie unter seiner Führung stehen, von Rassisten attackiert werden.

Es ist nicht ganz klar aufzu­schlüsseln, ob Grindel einfach nur völlig falsch beraten wird, auf die falschen Berater hört oder einfach nur nicht zuhört, was man ihm zuträgt. Es ist jedenfalls eine gefährliche Mischung, die den DFB mächtig ins Trudeln bringt. „Auf die Idee, dass ein Foto mit Erdogan an der Niederlage gegen den Fußball-Giganten Südkorea schuld sein soll, können auch nur DFB-Funktionäre nach drei Wochen Nachdenken kommen“, ätzte der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) im Kurznachrichtendienst Twitter. Eine deutliche Botschaft an den ehemaligen politischen Weggefährten Grindel.

Der DFB-Präsident hat sich einen Berg an Problemen angehäuft. Wie moderiert er den sportlichen Neuanfang von Joachim Löw? Was passiert mit Bierhoff? Wie soll Neuanfang mit ausschließlich alten Köpfen funktionieren? Verkörpert Generalsekretär Friedrich Curtius, der laut „Spiegel“ einem Freund einem lukrativen Auftrag zugeschanzt haben soll, wirklich den Wechselgedanken oder ist er nur ein weiterer Funktionär, der den DFB mehr als eine Art All-Inclusive-Paket sieht?

Dem Verband täte ein Neuanfang gut. Dazu müssten die Beteiligten verstehen, was sie bislang falsch gemacht haben. Genau an diesem Erkenntnisgewinn muss man indes Zweifel haben. Die Vergangenheit hat das eindrucksvoll bewiesen.