Nationalstürmer im Formcheck: Der Fall Kuranyi: Druck auf Löw wächst

Nationalstürmer im Formcheck: Der Fall Kuranyi: Druck auf Löw wächst

Düsseldorf (RPO). Mit seinen Saisontoren 16 und 17 hat sich Kevin Kuranyi an die Spitze der Bundesliga-Torschützenliste und seinen Arbeitgeber Schalke 04 im Alleingang an die Tabellenspitze geballert. Vom Querulanten und Buhmann zum nationalen Hoffnungsträger: Durch den Erfolgslauf des in der Nationalmannschaft aufs Abstellgleis degradierten Angreifers steigt der Druck auf Bundestrainer Joachim Löw.

"Jogi, mach die Augen auf!" schallte es am Samstagabend in der zweiten Halbzeit durch die Leverkusener BayArena. Mit seinen beiden Treffern schloss Kuranyi nicht nur in der ewigen Bundesliga-Torjägerliste auf Jürgen Klinsmann und Andreas Möller (beide 110 Tore) auf, sondern hängte in Bayer Leverkusen auch einen direkten Konkurrenten um die Meisterschaft vorerst ab.

Zwei Ziele vor Augen: Schale und Südafrika

Durch die Heimpleite von Bayern München (1:2 gegen den VfB Stuttgart) rückt die Schale sechs Spiele vor Saisonende immer mehr in Reichweite und auch der längst ausgeträumte WM-Traum gewinnt wieder an Wahrscheinlichkeit. Während nämlich Kuranyis Sturmkonkurrenz verletzt ausfällt (Kießling, Gomez) oder von einem Formtief ins nächste rutscht (Klose, Podolski), gelingt Kuranyi fast alles.

Selbst Bälle, die ihm über den Kopf rutschen, nehmen eine perfekte Flugkurve und landen im Netz. "Beim zweiten Tor habe ich den Ball eigentlich gar nicht richtig erwischt", berichtete Kuranyi – für alle sah es aus wie ein perfekter Kopfball.

Beckenbauer appelliert an Löw

Das bleibt in der Bundesliga nicht unbemerkt, immer mehr Experten schlagen sich auf die Seite des 28-Jährigen. "Muss der aktuell beste Torjäger der Bundesliga mit zur WM? Meiner Meinung nach Ja!", schrieb der Franz Beckenbauer in seiner Kolumne in der "Bild". "Wenn Jogi Löw über seinen Schatten springt, verdient er vollsten Respekt und keine Kritik. Das wäre kein Umfallen, sondern eine weise Entscheidung."

"Löw hätte sich nicht so früh festlegen sollen, Kuranyi für alle Zeiten für die Nationalelf zu sperren", schrieb Deutschlands Fußball-Kaiser weiter. "Lebenslänglich für einen Fußballer? Diese Strafe erschien mir immer schon für überzogen. Doch jetzt wird sie zu einem Problem für die Nationalelf".

Zuvor hatte bereits Schalke-Trainer Felix Magath dem Bundestrainer am Sonntagmorgen im DSF-Doppelpass einen unmissverständlichen Rat gegeben. "Als Trainer muss man ab und zu Entscheidungen wieder zurücknehmen und verändern. Es geht dann immer darum, wie die Mannschaft am besten spielen kann. Dem hat sich der Trainer unterzuordnen", sagte der Coach und Manager der Königsblauen. "In diese Situation hat Löw sich selbst gebracht. Jetzt ist Kevin der beste deutsche Stürmer", fügte er im Radio-Interview mit WDR 2 hinzu.

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Umfragewerte steigen

Selbst Leverkusens Trainer legte ein gutes Wort ein. Jupp Heynckes bat den Bundestrainer, die Verbannung Kuranyis nach dessen Stadionflucht im Oktober 2008 beim WM-Qualifikationsspiel gegen Russland (2:1) zu revidieren. "Er ist ein sehr guter Spieler, normalerweise ein Nationalspieler", sagte Heynckes. "Ich denke, dass es Jogi Löw vielleicht nochmal überdenkt, denn so reichlich bestückt sind wir vorne auch nicht, wenn man sieht, wie andere Nationalspieler momentan spielen." Erstaunlich Worte eines Mannes, der selbst zwei Stümerkandidaten für die WM (Kießling, Helmes) betreut.

Auch das deutsche Volk schlägt sich mehr und mehr auf die Seite Kuranyis. In einer "kicker"-Umfrage sprachen sich knapp 78 Prozent für eine neue Chance des Schalkers im Nationaldress aus. Bei der WM-Kaderwahl von Rexona, in der die User aufgerufen werden, ihr WM-Aufgebot zu bestimmen, hat Kuranyi mit 70 Prozent erstmals den Sprung unter die besten fünf Stürmer geschafft.

Lob und Zuspruch von allen Seiten. Doch was sagen die Protagonisten dazu? Kevin Kuranyi wird nicht müde, seine Ambitionen auf Südafrika zu betonen. "Ich habe noch Hoffnung. Ich bin in der besten Form meiner Karriere, aber ich kann nicht entscheiden", sagte Kuranyi, der in den vergangenen vier Ligaspielen häufiger traf (fünfmal) als die Sturmkonkurrenten Miroslav Klose und Lukas Podolski in der kompletten Saison zusammen (viermal). "Es kann nur ein Mensch ändern - und ich werde so lange kämpfen, bis der es auch tut."

Magath: "Zufälliges Treffen"

Sein erstes persönliches Ziel hat der gebürtige Brasilianer bereits erreicht. "Ich wollte unbedingt zum ersten Mal mehr als 15 Tore schießen, um zu zeigen, dass ich mich weiterentwickelt habe", sagte Kuranyi, dem plötzlich Dinge gelingen, die man vor gar nicht allzu langer Zeit noch für unmöglich gehalten hatte. Kuranyi war in den vergangenen sieben Spielzeiten für Stuttgart und Schalke jeweils immer auf zehn bis 15 Treffer gekommen.

Bundestrainer Löw, der Kuranyis Gala in Leverkusen von der VIP-Tribüne aus verfolgte, schweigt. Noch. Denn laut Schalke-Trainer Magath soll bereits Bewegung in die verfahrene Geschichte gekommen sein. "Letzte Woche haben sich Kevin und der Bundestrainer bei einem – glaube ich – zufälligen Treffen ein bisschen ausgetauscht. Vielleicht sollte man sich nochmal über den Weg laufen", sagte Magath. Für die Vollendung eines neuerlichen Sommermärchens in Südafrika sicherlich nicht die schlechteste Idee...

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(nach SID-Informationen)
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