Serie: WM 2014 Das deutsche Problem liegt auf der Sechs

Düsseldorf · Drei Mittelfeldspieler der deutschen Nationalmannschaft sind angeschlagen. Sami Khedira fällt wohl aus, Hoffnung gibt es bei Bastian Schweinsteiger und Ilkay Gündogan.

Serie: WM 2014: Das deutsche Problem liegt auf der Sechs
Foto: afp

Jüngere Menschen können sich das wahrscheinlich gar nicht vorstellen. Aber es gab tatsächlich mal eine Zeit im Fußball, als niemand über Sechser, Achter und falsche Neuner sprach. Als die meisten fest davon überzeugt waren, dass die abkippende Sechs garantiert etwas mit dem Tiefbau zu tun habe. Und als über "Polyvalenz" allenfalls im Zusammenhang mit Bildungsabschlüssen diskutiert wurde.

War das noch unschuldig. Heute gibt es im Fußball wahrscheinlich keine wichtigere Position als die des Strategen auf der Sechs, der im Laufe des Spieles wegen seiner Vielseitigkeit (Polyvalenz) auch die offensivere Position Acht ausfüllen kann und muss. Der moderne Sechser ist Herz, Kraftzentrum und Rhythmusgeber einer Mannschaft. Er entwickelt das Spiel, bremst den Gegner und ist die Figur, an der sich die Kollegen in schwierigen Situationen orientieren. Fest steht: Wer im Sommer in Brasilien Weltmeister werden will, der braucht überragende Spieler auf dieser Position.

Bundestrainer Joachim Löw hätte gleich drei, um die ihn die Welt beneiden könnte. Bastian Schweinsteiger (Bayern München), Ilkay Gündogan (Borussia Dortmund) und Sami Khedira (Real Madrid) — an guten Tagen sind das Weltklassespieler. Der kleine Haken: So richtig fit ist keiner der Herren. Gündogan hat seit einem Kurzeinsatz im Länderspiel gegen Paraguay Mitte August 2013 wegen eines sogenannten Gleitwirbels überhaupt nicht mehr gespielt. Bastian Schweinsteiger wurde im zweiten Halbjahr 2013 gleich zweimal am Knöchel operiert. Zurzeit zwickt ihn das Knie, weil er wieder ins Mannschaftstraining eingestiegen ist und den Knöchel unbewusst schont.

Khedira-Schock gegen Italien

Aber am ärgsten hat es Khedira erwischt. Er erlitt beim Testländerspiel in Italien im vergangenen Herbst (1:1) einen Kreuzbandriss. Und er wird nur im günstigsten Fall noch vor der WM wieder fit. "Wir waren alle richtig niedergeschlagen", sagte Löw nach der Diagnose, "er ist auf und neben dem Platz eine ganz große Kämpfernatur und Persönlichkeit." Lediglich ein "Fünkchen Hoffnung" auf einen Einsatz in Brasilien gestattete sich der Bundestrainer. Für Khedira geht er sogar von einem seiner ehernen Grundsätze ab. "Der Januar ist für mich die Grenze: Wenn ein Spieler normal in die Vorbereitung in der Winterpause startet und ein halbes Jahr alle Spiele macht, dann kann ich davon ausgehen, dass er in guter Form zu uns kommt", erklärte Löw. Bestform ist Voraussetzung für eine Nominierung. Während Schweinsteiger und Gündogan zumindest hoffen dürfen, den Vorgaben ihres Meisters entsprechen zu können, ist die Vorstellung, Khedira könne fit werden, "schon auch" sehr verwegen.

Den Fehler, auf einen nicht im Höhepunkt seiner Schaffenskraft stehenden Athleten zu setzen, wird Löw sicher nicht noch einmal machen. Bei der Europameisterschaft 2012 in Polen und der Ukraine vertraute der Coach auf die Vorbildfunktion von Schweinsteiger. Der war allerdings mit zahlreichen Blessuren bis ins im Elfmeterschießen verlorene Champions-League-Finale gegen Chelsea gehumpelt. Und er stellte sich nur widerwillig in den Dienst der vermeintlich guten Sache. Der Versuch ging schief, Schweinsteiger war nur ein Schatten seiner selbst und Löw um die Erfahrung reicher, dass derartige Experimente — großer Name hin, großer Name her — selten gelingen. Ein Blick in die Geschichtsbücher belegt das. Auch Karl-Heinz Rummenigge war 1986 bei der WM in Mexiko keine große Hilfe, weil er angeschlagen ins Turnier kam.

Deshalb wird Löw beim Bundesliga-Auftakt bang nach München und Dortmund schauen. Auf die Karte Khedira kann er nicht ernsthaft setzen. Und ohne überragenden Sechser muss er in Brasilien ganz kleine Brötchen backen.

(RP)
Meistgelesen
Neueste Artikel
Zum Thema
Aus dem Ressort