Berti Vogts zu Deutschlands WM-Aus: „Nicht unser deutscher Fußball“

Berti Vogts spricht Klartext : „Das ist nicht unser deutscher Fußball“

Der ehemalige Bundestrainer Berti Vogts erklärt im Gespräch mit unserer Redaktion, warum die deutsche Nationalmannschaft bereits in der WM-Vorrunde ausgeschieden ist und was er dem DFB nun raten würde.

Tag eins nach dem historischen Aus der deutschen Fußball-Nationalmannschaft in der Vorrunde der WM. Berti Vogts, 71, kommt gut gelaunt zum Gespräch in einem Mönchengladbacher Café. Nach wenigen Minuten schiebt er die Gegenstände auf dem Tisch zusammen, um damit die Taktik der DFB-Auswahl nachzustellen.

Herr Vogts, haben Sie das Aus der deutschen Mannschaft schon verdaut?

Berti Vogts: Das war schon bitter. Und das ist auch nicht mal eben so abzuschütteln. Das war nicht nur ein Ausscheiden der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Der gesamte deutsche Fußball hat durch das Ausscheiden verloren.

Den größten Block in der Nationalmannschaft stellt der FC Bayern mit sieben Profis. Aber es sind doch auch in Sami Khedira, Mesut Özil und Toni Kroos Akteure dabei, die in internationalen Top-Ligen engagiert sind.

Vogts: Aber gucken Sie sich doch bitte mal an, welche Rolle die einzelnen Spieler in ihren Klubs haben. Toni Kroos steht sicher über allem, ist eine feste Größe bei Real Madrid und dem Nationalteam. Er hat bei dieser WM auch nicht seine Leistung abrufen können. Bei Mesut Özil überlegt Arsenal London intensiv, ob der Vertrag verlängert werden soll. Er hat zuletzt vor allem gegen untere Mannschaften geglänzt. Nicht gegen Manchester City. Nicht gegen Chelsea. Nicht gegen Tottenham.

Berti Vogts im Gespräch mit den RP-Sportredakteuren Gianni Costa (rechts) und Karsten Kellermann. Foto: Ilgner Detlef (ilg)

Ist es nicht deutlich zu einfach, sich jetzt einen speziellen Spieler rauszupicken?

Vogts: Darum geht es mir überhaupt nicht. Und es geht auch nicht um den einen Spieler. Es geht um die Gesamtkonstellation. Schauen Sie sich doch an, was es an Unruhe vor dem Turnier gegeben hat. Das war in etwa so, wie vor der WM 1978 in Argentinien. Vor der WM in Russland gab es doch auch nur Theater, bevor der erste Ball überhaupt gerollt war. Das geht doch auch nicht spurlos an einer Mannschaft vorbei.

Und dennoch erlauben Sie die Nachfrage: Warum arbeiten sich besonders viele an Özil ab?

Vogts: Es ist einfach eine total aufgeheizte Stimmung. Da war so viel Druck im Kessel. Er brauchte ja nur einen Fehlpass zu spielen, und schon haben sich alle auf ihn gestürzt. Man hätte natürlich im Vorfeld darüber reden können, ob nach der Erdogan-Affäre es nicht vielleicht besser gewesen wäre, auf Özil und Ilkay Gündogan zu verzichten. Aber darüber entscheidet immer noch der Bundestrainer, und Joachim Löw hat ein System, in dem die beiden eine wichtige Rolle gespielt haben. Ich verwehre mich dagegen, dass jetzt so pauschal draufgehauen wird. Özil hat schließlich auch gute Spiele für Deutschland abgeliefert. Es lag aber, wie gesagt, nicht nur an einzelnen Spielern, sondern am ewigen Passgeschiebe von deutschen Mannschaften.

Was meinen Sie damit?

Vogts: Das heißt, dass wir uns einfach schon seit geraumer Zeit etwas vormachen. Da werden Pässe gezählt, die daraus bestehen, dass man sich den Ball hin und herschiebt ohne Ertrag. Ist das wichtig? Oder geht es nicht darum, wer den Abschlusspass spielt, aus dem ein Tor resultieren kann? Wir haben in Russland Fußball ohne Emotionen gespielt. Der Wille war überhaupt nicht da. Das ist nicht unser deutscher Fußball.

Wie beurteilen Sie die Entwicklung im deutschen Fußball?

Vogts: Der deutsche Fußball hat in den vergangenen Jahren in der Ausbildung ganz grundlegende Dinge verpasst. Nehmen wir zum Beispiel die Trainer-Ausbildung: Da ist es doch unabdingbar, dass die jungen Trainer Erfahrungen im Ausland sammeln und dort Praktika machen. Das erweitert immer den Horizont und gibt neue Impulse.

Also werden in den Akademien der Bundesligisten Fehler begangen?

Vogts: Das habe ich immer wieder gesagt. Und diese Fehler werden nicht erst seit ein paar Wochen begangen, sondern bereits vor 2014. Wenn man in Deutschland etwas Kritisches sagt, bekommt man direkt böse Blicke. Dann heißt es schnell, der will sich nur wichtig tun. Auf der anderen Seite stehen große TV-Sender, die für die Übertragungsrechte sehr viel Geld bezahlt haben und die dann aus der Bundesliga die stärkste Liga der Welt machen. Na ja. Die Spiele sprechen ja für sich. Wissen Sie was?

Erzählen Sie es uns.

Vogts: Wir haben nicht nur eine herbe Niederlage bei der WM kassiert. Nochmal: Das ist ein Tiefschlag für den gesamten deutschen Fußball. Wir müssen dringend alles auf den Prüfstand stellen, sonst wird der Abstand zur internationalen Spitze immer größer.

Trauen Sie Löw den Neuanfang zu?

Vogts: Ich glaube nach wie vor, dass Joachim der Richtige für den Job ist.

Die Spieler haben zum Teil vernichtend über das eigene Auftreten geurteilt.

Vogts: Ich glaube, dass man sich beim DFB schon intensive Gedanken über die Zukunft macht. Ich glaube auch, dass der Joachim so sehr den Fußball liebt, dass er dieses Gespräch mit dem Verband fordert.

Sie waren 1994 Bundestrainer, als Deutschland in den USA als Titelträger bereits im Viertelfinale ausgeschieden war.

Vogts: Sehen Sie, das Problem ist doch nicht neu. Ich hatte in meinem Team damals drei Gruppen: Die Weltmeister von 1990, von denen einige einfach schon satt waren, ein paar junge Spieler, die sich in der Bundesliga hervorgetan haben und die Jungs, die aus der ehemaligen DDR dazugekommen waren. Das waren drei verschiedene Gruppen. Der Kader, den ich zur Verfügung hatte, war auf den einzelnen Positionen qualitativ besser besetzt als vier Jahre zuvor. Aber wir hatten keine Mannschaft.

Gilt diese Einschätzung auch für das Team 2018?

Vogts: Ja, da stimmte es vorne und hinten nicht. Das ist ja mehr als offensichtlich.

Sind Sie eigentlich im Vorfeld der WM vom DFB mal um Rat gefragt worden?

Vogts: Nein. Gestern habe ich mit Jürgen Klinsmann telefoniert. Der war total verwundert, dass sich auch bei ihm niemand vom DFB gemeldet hatte. Jürgen hat die Mexikaner mindestens 20 Mal beobachtet, ich habe sie auch zehn Mal gesehen. Warum ruft man nicht den Uli Stielike an, der in Südkorea war? Da wird dann ein Scout rübergeschickt, der sieht sich ein, zwei Spiele an, und dann ist gut.

Stefan Kuntz, der Trainer der U21-Nationalmannschaft, hat unlängst beklagt, dass da eine Spieler­generation heranwachse, denen alles abgenommen würde und die deshalb auch auf dem Platz zu unselbstständig sei. Berechtigt?

Vogts: Dann soll er als Jugendtrainer diese Missstände einfach abstellen. Die Spieler haben überhaupt keine Eigenverantwortung mehr. Da gibt es Berater und unzählige Mitarbeiter, die einem alles abnehmen. Auf dem Platz wird dann der Ball hin und hergeschoben: Bloß keinen Fehler machen!

Ist es auch eine Generationenfrage?

Vogts: Das ist doch aber alles unsere Erziehung. Wir bilden in den Akademien keine mündigen Typen aus. Da geht es vor allem darum, auf Sicherheit zu gehen. So kommt am Ende maximal Durchschnitt heraus. Wer Herausragendes entwickeln möchte, der muss auch aushalten, dass Fehler passieren. Das Wichtigste ist aber, immer die Stärken der Spieler zu fördern und herauszuarbeiten. Das macht die Spieler zu etwas Besonderem.

Die deutsche Nationalmannschaft verfügt im Sturm nur über überschaubare Möglichkeiten.

Vogts: Es fehlt der Keilspieler. Der vorne drin steht und den Abschluss sucht. Stimmt, da haben wir große Probleme. Du brauchst manchmal auch einen Brocken, der vorne drinsteht.

Was würden Sie dem DFB in der Aufbereitung der Ereignisse raten?

Vogts: Es macht keinen Sinn, jetzt irgendwelche Schnellschüsse zu machen. Es wäre sinnvoll, sich das Wissen von Experten zu eigen zu machen. Warum lädt man nicht Jürgen Klopp, David Wagner, Gernot Rohr und andere einfach mal zu einem Austausch in die Verbandszentrale ein und hört sich ihre Meinung an? Man darf sich nicht immer nur in seiner Komfortzone bewegen, sondern muss sich immer wieder neu justieren, wenn man oben mitspielen will.

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