Berti Vogts fordert Schlussstrich unter Erdogan-Affäre

Talkrunde mit früheren Meistern: Vogts fordert Schlussstrich unter Erdogan-Affäre

Bei den „Tonbacher Gesprächen“ trafen sich frühere Welt- und Europameister, um über die anstehende WM zu sprechen. Natürlich war auch hier die „Erdogan-Affäre“ ein großes Thema.

Es war viel Fachkompetenz, die sich da versammelt hatte auf dem Podium im Hotel Traube Tonbach in Baiersbronn. Berti Vogts, 1972 Europameister und 1974 Weltmeister sowie als Trainer 1996 Europameister, Jürgen Kohler, 1990 Welt- und 1996 Europameister, zudem Thomas Helmer und Stefan Kuntz, beide ebenfalls 1996 Europameister. Letzterer ist jetzt U21-Trainer des DFB. Das Thema des Tages war klar definiert: Wenige Tage vor dem Start der Weltmeisterschaft sprachen die Herren, unterstützt von ZDF-Reporter Bela Réthy und Moderatoren-Legende Dieter Kürten und Moderator Marcel Reif, über das Turnier in Russland.

„Tonbacher Gespräche“ nennt sich die Reihe, deren 18. Auflage das Treffen war. Gleich neben dem Podium im „Traube Court“ gab es, passend zum Anlass, einen hoteleigenen Fußball-„Käfig“. Was es bei der WM an neuen Trends geben wird, das wird Kuntz mit den anderen U-Trainern des Deutschen Fußball-Bundes auskundschaften. Er erwartet, dass die Topteams vor allem darauf aus sein werden, bei ihren Gegner Unruhe zu stiften. „Dazu wird die eine oder andere Position komplett verlassen werden im Spiel, um zu sehen, wie der Gegner darauf reagiert. Das soll Räume öffnen oder neue schaffen. Je höher die individuelle Qualität eines Teams ist, umso besser wird das gelingen“, vermutete Kuntz.

Bei der Debatte im Tonbachtal wurde deutlich, dass es nicht nur um Fußball geht, wenn über Fußball gesprochen wird. Ein ausführliches Thema war die Foto-Affäre der Nationalspieler Ilkay Gündogan und Mesut Özil, deren Fotos mit dem türkischen Präsidenten Recep Erdogan für Unruhe sorgen. „Das Thema lockt womöglich die falschen Leute hervor und beeinträchtigt den Sport, das haben wir beim Spiel in Leverkusen gesehen“, sagte Reif. Beim Testspiel der Nationalelf gegen Saudi-Arabien wurde Gündogan ausgepfiffen. „Die beiden sind Teil eines Kaders, der sich jetzt um sportliche Dinge kümmern müsste“, sagte Reif. „Natürlich diskutiert die Mannschaft über solche Themen“, weiß Vogts.

Vogts plädierte daher dafür, „die Sache endlich abzuschließen“, damit sich das Team auf das Wesentliche konzentrieren kann. Kuntz, der Gündogan noch aus Bochum kennt, wo Kuntz von 2006 bis 2008 Manager war, sieht es ebenso. Er warb umVerständnis für die beiden Spieler. „Die Jungs wussten nicht, dass das Bild von der anderen Seite nicht abgesprochen so benutzt wird. Ja, sie haben einen Fehler gemacht – aber jeder macht Fehler. Dass die Diskussion nicht aufhört, passt in die generelle Stimmung im deutschen Fußball, die sehr schlecht ist“, sagte Kuntz.

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Reif und Kohler hätten sich derweil eine klare Entschuldigung von Gündogan und Özil gewünscht. „Wenn sie gesagt hätten, ich habe einen Fehler gemacht, wäre es okay gewesen und keiner würde noch darüber reden“, sagte der frühere Weltklasse-Verteidiger Kohler, der festgestellt hat, dass „die Leute der Nationalmannschaft in den letzten beiden Jahren kritischer gegenüberstehen“.

Als später die Zuhörer der Talkrunde ihr persönliches WM-Team wählten, fehlten sowohl Gündogan als auch Özil unter den ersten Elf. Anstelle Özils bekam Julian Draxler im Voting einen Platz im Team. Auch Marco Reus, der WM-Neuling, war dabei. „Für ihn ist es das erste große Turnier, er wird sehr hungrig sein, ich freue mich auf ihn“, sagte Kuntz. Er traut dem Dortmunder sogar zu, ein Star der WM zu werden. „Er ist zweimal knapp gescheitert, da kann es schon sein, dass er eine tolle WM spielt“, sagte Kuntz.

Reus ist einer der Neuen, doch sind auch acht Spieler dabei, die 2014 in Brasilien Weltmeister geworden sind. Schmälert das im entscheidenden Moment möglicherweise den Titelhunger? Den Titel trauten die Experten Löws Ensemble jedenfall zu. „Es braucht natürlich das Momentum, den Teamgeist und zum Schluss auch das Glück, um wieder Weltmeister zu werden“, sagte Kuntz, der die deutsche U21 2017 zur Europameisterschaft führte.

(kk)