Analyse zur Erdogan-Äffäre um Mesut Özil und Ilkay Gündogan: Pfeifen erlaubt!

Analyse zur Erdogan-Äffäre um Özil und Gündogan: Pfeifen erlaubt!

Die Erdogan-Äffäre um Mesut Özil und Ilkay Gündogan droht dem Deutschen Fußball-Bund komplett zu entgleiten. Es wird immer mehr auch zu einem Problem für das ganze Team. Die Öffentlichkeit fühlt sich vom Verband bevormundet.

Ein großes Problem deutscher „Diskussionskultur“ ist dieses „irgendwann muss aber auch mal gut sein“. Dieses „sie haben jetzt aber genug gebüßt“. Oder: „Was sollen sie denn sonst noch machen?“ Mit dem abschließenden Basta-Satz: „Über das Thema ist jetzt wirklich genug geredet worden!“ Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) hat lange versucht, das Problem wegzumoderieren. Zwei Spieler mit Migrationshintergrund, die sich mit einem Despoten öffentlich fotografieren lassen. Und dann auch noch aus der Türkei. Politisch hochbrisant. Und so wurden Mesut Özil und Ilkay Gündogan rasch zu den DFB-Oberen zitiert, um sich zu erklären. Der DFB wollte die Deutungshoheit zurückgewinnen. Doch es war nur ein hilfloser Versuch, die Öffentlichkeit zu besänftigen.

War es wirklich ein Ausrutscher? Oder haben sich zwei mündige Menschen (und vor allem deren Berater) nicht vielleicht sogar sehr bewusst überlegt, mit wem sie sich da ablichten lassen? Es ist nie zu einem echten Austausch mit der deutschen Öffentlichkeit gekommen. Eilends wurden Özil und Gündogan zu Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier geschleift. So sollte medial wirksam dokumentiert werden, dass man sehr wohl wisse, wo das „echte“ Staatsoberhaupt seinen Dienstsitz hat. Nämlich in Berlin und nicht in Ankara. Es war ein Bild ohne tiefere Botschaft, weil es nicht authentisch, sondern hektisch inszeniert wirkte. Was bewegt Özil und Gündogan? Was treibt sie um? In welchem Zwiespalt fühlen sie sich als Kinder von aus der Türkei eingewanderten Familien gefangen? Zwei, die in Deutschland geboren und aufgewachsen sind. Würden beide Antworten geben, die weite Teile der Gesellschaft noch mehr verunsichern? Weil es nur positive Beispiele für Integration geben darf?

Bis heute haben sich jedenfalls weder Gündogan noch Özil für das Foto mit Erdogan entschuldigt. Bis heute hat keiner von beiden es als klaren Fehler bezeichnet, sich mit einem Politiker, der die Menschenrechte mit Füßen tritt, im Wahlkampf zu zeigen. Und genau das ist der entscheidende Punkt, weshalb ein Basta einfach keinen Sinn hat: Das Problem ist schlicht noch nicht vom Tisch, niemand weiß, woran er bei beiden ist. Özil ist den Weg des geringsten Widerstands gegangen und hat im letzten Test eine Verletzung für sich sprechen lassen – ansonsten verweigert er beharrlich eine Auseinandersetzung mit dem Thema.

Ilkay Gündogan hat sich immerhin gestellt. Dass bei seiner Einwechslung gegen Saudi-Arabien gepfiffen wurde, war zu erwarten gewesen. Wie sollten Teile des Publikums denn auch sonst ihren Unmut kenntlich machen? Und es ist auch legitim, wenn auch unschön, dass er ausgepfiffen wurde, wenn er am Ball war. Einzig wurde eine Grenze des Zumutbaren deutlich überschritten, als selbst mit Applaus quittiert wurde, wenn Gündogan nach einem Zweikampf von einem Saudi zu Boden gestreckt wurde. Der Rahmen einer Meinungsäußerung ist überschritten, wenn es in Mobbing ausartet.

Was sind das für Leute, die zwei deutsche Nationalspieler auspfeifen? Es gehört zu den erwartbaren Entwicklungen, dass hierzulande irgendeiner zur Erkenntnis gelangt, die Pfiffe seien ein klares Zeichen von Rassismus. Denn, so die Logik, es ginge überhaupt nicht um die Erdogan-Aktion, sondern man habe nur einen Anlass gesucht, um Spieler mit türkischem Hintergrund auszupfeifen. Eine weitere sehr deutsche Methode, um eine Diskussion erst gar nicht aufkommen zu lassen. Denn so muss sich jeder schon mit mindestens einem Arm als Nazi fühlen, der tief in seinem Inneren kein Wohlbefinden verspürt, Özil und Gündogan bei der anstehenden WM im Kreise des Nationalteams zu unterstützen.

Natürlich ist viel Doppelmoral mit im Spiel. Es zeugt indes schon von einer gewissen Dreistigkeit, dass der DFB sich für das letzte Testspiel vor dem Turnier freiwillig für Saudi-Arabien als Gegner entschieden hat – einem Land, das sich nicht gerade dadurch empfohlen hat, besonders demokratische Werte zu vertreten. Und niemand hat auch größere Probleme damit, den Weltmeistertitel ausgerechnet in Russland zu verteidigen. Ein Boykott war zu keinem Zeitpunkt ernsthaft im Gespräch. Wie ernst kann man überhaupt einen Verband nehmen, der es mit der Rechtstreue in der Vergangenheit nicht ganz so genau genommen hat und der es noch immer nicht vermochte, aufzuklären, was mit 6,7 Millionen Euro passiert ist, die rund um die WM 2006 in Deutschland verschwunden sind? Einen Wertekompass kann man nicht nur bei Bedarf an- und ausschalten. Der DFB hat in großen Teilen schlicht seine Rolle als moralische Instanz verwirkt und sollte niemandem irgendeine Nachfrage verbieten. So wie es Teammanager Oliver Bierhoff in der ARD versuchte.

Umso wichtiger wäre es, sich dem Dialog offen und ehrlich zu stellen. Und nicht den Populisten und rechten Rattenfängern das Feld zu überlassen. Es wäre wünschenswert, wenn der Fußball mit dem Missverständnis endgültig aufräumt, nicht politisch zu sein. Es wäre noch wünschenswerter, wenn Spieler klar und deutlich ihre Meinung sagen und sich im Falle von Erdogan klar gegen eine Politik der Unterdrückung stellen. Sportler im Allgemeinen und Fußballer im Speziellen haben nicht die Aufgabe, die Welt im Alleingang zu retten. Sie sind Botschafter eines Landes und können sich damit einer Verantwortung nicht komplett entziehen.

Und genau darüber darf und muss man reden dürfen. Ohne ein „Basta“.

(gic)