Deutschland holt 2014 in Brasilien den Titel: Noch zwei Tage Weltmeister

DFB-Team holt 2014 in Brasilien den Titel: Noch zwei Tage Weltmeister

Auf den Tag genau vor vier Jahren holt Deutschland in Brasilien den Titel. Sonntag steht der Nachfolger fest.

Der Weg zum Titel führt über einen langen, ruhigen Fluss. Eine rostige Fähre schiebt sich rumpelnd und stampfend über den Rio Joao de Tiba. Auf der Fähre steht der Bus, in dem die Spieler der deutschen Nationalmannschaft sitzen. Sie haben das Campo Bahia verlassen. Mancher guckt ein bisschen wehmütig ins braune Wasser. Anders als vor knapp fünf Wochen. Da schaute so mancher irritiert in diese Flut. Längst ist das Camp im Dschungel ein Stück Heimat geworden, mit jedem Sieg bei der WM in Brasilien ein Stückchen mehr. In der Heimat gilt es als kuschelige Wohngemeinschaft und Basis der Erfolge. Das Campo Bahia ist bereits ein Mythos.

Zwei Tage später, es ist Sonntag, der 13. Juli 2014, sitzen die Spieler wieder in diesem Bus. Diesmal fährt er eine lange Straße durch Rio de Janeiro. Auf den Brücken stehen Sicherheitskräfte, in den Seitenstraßen Panzer. Ein bisschen unwirklich ist den Spielern zumute. Dabei haben sie ihre Portion Unwirklichkeit schon unter der Woche abgeholt. Mit 7:1 haben sie ihr Halbfinale gegen den Gastgeber gewonnen. Und weil Brasilien gestern das Spiel um Platz drei mit 0:3 gegen die Holländer verloren hat, liegt nicht unbedingt Frohsinn über der Stadt.

Für die deutschen WM-Touristen soll sich das noch ändern. Und für die Brasilianer, die nur Zuschauer sind in einem Finale, in dem sie als Sieger vorgesehen waren, ändert es sich auch. Denn Deutschland gewinnt das Endspiel gegen Argentinien nach Verlängerung mit 1:0. Argentinier können die Brasilianer fast noch weniger leiden als eigene Niederlagen. Deshalb gibt die Mannschaft von Bundestrainer Joachim Löw dem brasilianischen Wochenende doch noch eine versöhnliche Note.

Das Finale von Rio ist kein Spektakel wie das Halbfinale von Belo Horizonte. Das hat auch niemand erwartet. Deutschland ist der Favorit gegen die argentinische Auswahl, die allerdings anfangs mehr zu bieten hat als Lionel Messi. Die Südamerikaner wirken konzentrierter, und sie verpassen die frühe Führung. Toni Kroos leistet sich seinen einzigen Aussetzer ausgerechnet im Endspiel, als er mit einem Kopfball in die eigene Hälfte den Stürmer Gonzalo Higuain freispielt. Der ist so verdattert, dass er freistehend das Ziel verfehlt.

Deutschlands erste Chance ist ein Kopfball von Benedikt Höwedes, der an den Pfosten fliegt. Daran ist zweierlei bemerkenswert. Erstens die Tatsache, dass Höwedes so weit vorn auftaucht. Zweitens, dass Höwedes zum siebten Mal bei diesem Turnier in der Startelf steht. Wer vier Jahre darauf in Russland den Mangel an Mentalität im deutschen Team beklagt, der findet in Höwedes im Rückblick auf Brasilien ein Stück personalisierte Mentalität. Löws Team hat in Brasilien nicht die besten Einzelspieler, keine Messis und Neymars, aber es hat Typen, mannschaftsdienliche Typen.

Einer dieser Typen ist Bastian Schweinsteiger. Blutend steht er die Abwehrschlacht am Ende durch, es ist ein Bild wie aus einer deutschen Sage. Ein anderer ist Jerome Boateng, der in Rio das Spiel seines Lebens macht. Der Verteidiger wirft seinen Körper in argentinische Schüsse, er scheint in der Abwehr allgegenwärtig. Und die Kollegen ziehen sich an ihm hoch.

Mario Götze gilt an diesem Nachmittag im Juli schon lange nicht mehr als Typ. Er ist nicht mehr der Hoffnungsträger, er kämpft bereits mit dem Abwärtstrend seiner Karriere. Der Mann, den Matthias Sammer als Sportdirektor des DFB noch das größte Talent des deutschen Fußballs nannte, ist nur noch Ergänzungsspieler.

Aber er spielt ebenfalls eine Hauptrolle in Rio. Als Löw ihn aufs Feld schickt, sagt er ihm einen inzwischen legendären Satz ins Ohr. „Zeig der Welt, dass du besser bist als Messi“, heißt dieser Satz. Götze zeigt der Welt, dass er an diesem Tag zumindest treffsicherer ist als Messi. Sein Assistent beim Tor, mit dem er sich einen Platz in den Chroniken des Weltfußballs sichert, ist André Schürrle.

Er ist ebenso wie Götze eingewechselt worden, und man weiß nicht, was Löw ihm gesagt hat. Jedenfalls flankt Schürrle sieben Minuten vor Ende der Verlängerung von der linken Seite. Götze lässt den Ball in einer einzigen fließenden Bewegung zunächst von der Brust auf den linken Fuß fallen und befördert ihn anschließend mit einer Schusstechnik, zu der tatsächlich nur die Hochbegabten in der Lage sind, ins Tor. Götze ist nun einer wie Helmut Rahn, Gerd Müller und Andreas Brehme, die Deutschlands zurückliegende WM-Titel mit ihren Toren ermöglichten.

Heute ist Götze immer noch erst 26 Jahre alt. Aber er arbeitet seit Langem vergeblich daran, seinem frühen Ruf gerecht zu werden. Schürrle geht es ähnlich. Er macht weniger durch fußballerische Leistungen als durch hohe Ablösesummen auf sich aufmerksam. Im WM-Kader für Russland standen beide nicht.

Möglicherweise sind sie darum gar nicht mal so traurig. Denn weil nach dem grandiosen Scheitern des Weltmeisters in der Vorrunde in den kommenden Wochen alles auf den Prüfstand soll, ergeben sich vielleicht neue Chancen für zwei unterdessen gefallene Helden von Rio.

Als es Abend wird nach dem Finale gegen Argentinien denkt im deutschen Team niemand an einen möglichen Niedergang. Löw fühlt sich ebenso am Ziel wie seine Spieler. Schweinsteiger rettet ein Stück von seiner Aura noch bis ins EM-Turnier in Frankreich zwei Jahre darauf. Boateng wird sogar in den Vereinigten Staaten richtig berühmt und bestens vermarktet. Und Philipp Lahm, der Kapitän der Weltmeistermannschaft, macht etwas ganz Kluges. Er beendet seine Laufbahn als Nationalspieler auf dem Höhepunkt der Karriere. Als die Spieler wieder im Bus sitzen, hat sich sogar der Nebel über der Bucht von Rio verzogen. Auf dem Weg ins Hotel könnten sie die Christus-Statue sehen. Aber dafür haben sie natürlich keinen Blick. Und die Miliz auf den Brücken sehen sie auch nicht.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Löw jubelt nach WM-Titel mit Pokal

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