Das dunkle Vermächtnis der WM 2014 in Brasilien

Korruption, Krise und „Weiße Elefanten“: Das dunkle Vermächtnis der WM in Brasilien

Vor vier Jahren wurde die Fußball-WM in Brasilien eröffnet. Doch die Copa ist für viele ein leeres Versprechen geblieben das ganze Land steckt in einer Krise.

Lange bevor es Fan-Fest und Public Viewing gab, war die Rua Alzira Brandao im traditionellen Stadtteil Tijuca von Rio de Janeiro Anlaufstelle der Cariocas bei Fußball-Weltmeisterschaften. Aus dem Straßenfest bei der WM 1978, als sich Nachbarn bei Spielen der Selecao vor einem Fernseher zusammenrotteten, wurde über die Jahre ein Mega-Event.

Doch die Alzirao fällt dieses Jahr aus. Es ist Krise. Nicht nur am Zuckerhut. Im ganzen Land.

Hatte selbst das Rudelgucken bei der WM 2014 vor der eigenen Haustür bis zu 45.000 Feierlustige angelockt, fand sich diesmal kein großer Sponsor. Auch andernorts ist in Brasilien von Vorfreude auf Russland wenig zu sehen. Nur hie und da sind gelb-grüne Wimpel oder bemalte Häuserwände zu sehen. In den Läden warten Tröten und Trikots bislang meist vergeblich auf Käufer.

Nach dem jüngsten Streik der Fernfahrer, die mit der tagelangen Blockade wichtiger Verkehrsadern ganze Städte vom Nachschub mit Benzin, Lebensmitteln und anderen vitalen Gütern abschnitten, ist die Stimmung in Brasilien auf dem Tiefpunkt. Mal wieder. Längst verhallt ist der millionenfache Ruf während des Confed Cups 2013: "o gigante acordou" - der Riese ist erwacht. Der WM 2014 folgten leidvolle Jahre.

Und eine Politikkrise: Gnadenlos bei der Eröffnung der Copa 2014 ausgepfiffen, wurde Staatspräsidentin Dilma Rousseff zwei Jahre später wegen Haushaltstricks ihres Amtes enthoben. Nachfolger Michel Temer bekam den südamerikanischen Giganten auch nicht in den Griff, hat heute mit unter fünf Prozent Zustimmung im Volk die schlechtesten Beliebheitswerte für einen Staatschef seit Ende der Militärdiktatur 1985. Überhaupt: Wer sich vor vier Jahren im Glanz der WM sonnen wollte, steht heute im Schatten.

Ricardo Teixeira, der die WM nach Brasilien geholt hatte, musste seinen Posten als Verbandspräsident schon im März 2012 nach 23 Jahren im Amt abgeben, als sich die Schlinge um seinen Hals immer enger zuzog. Nachfolger Jose Maria Marin sitzt im Zuge des Fifa-Skandals in New York in Haft. Dessen Erbe, Marco Polo Del Nero, der schon 2014 im Hintergrund die Fäden zog, wurde jüngst von der Fifa lebenslang gesperrt.

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Über allen schwebt der begründete Verdacht von persönlicher Bereicherung, Korruption, Bestechung, Geldwäsche. Unlauteres Tun. Es ist ein Spiegelbild Brasiliens: Nicht enden wollende Skandale, in denen gerade die für die WM-Stadien zuständigen Baufirmen involviert sind, die schwerste Wirtschaftskrise der Geschichte, eine katastrophale Sicherheitslage mit Städten, in denen die Zahl der Todesopfer durch Gewalt höher als die Geburtenrate ist.

All dies hat dazu geführt, dass das einst hochgejubelte Land wieder geerdet wurde. Selbst Ex-Präsident Lula Inacio da Silva, der als Hoffnungsträger bei der WM-Vergabe im Oktober 2007 in der ersten Sitzreihe jubelte, hockt heute in einer Gefängniszelle. Auch er soll korrupt sein.

Stadien bleiben leer

Die Zeche zahlen die Untertanen. Für die vielen Weißen Elefanten, die mit Millionen Steuergeldern finanzierten Stadien in Brasilia, Cuiaba, Manaus und Natal, die vor und nach der WM ohne Klubs in den obersten Ligen wie erwartet leer blieben. Oder wie in Recife ohne echten Verkehrsanschluss für die Fans zu weit vom Schuss sind. Denn nicht alle Projekte wurden umgesetzt.

An den zwölf WM-Standorten stockten in elf die Arbeiten für die Verbesserungen in die Infrastruktur. Nur in Rio ist auch dank der Olympischen Spiele alles Versprochene geliefert worden. In Cuiaba liegen dagegen nur sechs der geplanten 22 km Schienen für die neue Stadtbahn. Die 42 angeschafften Wagen rotten in der Garage vor sich hin.

Und so hat sich nur die Selecao in den letzten vier Jahren wieder aufgerappelt, reist einmal mehr als WM-Favorit an. Und mit der Hoffnung, das 1:7-Debakel gegen Deutschland vergessen zu machen. Denn auch das ist ein Vermächtnis der WM 2014.

(SID)