Interview mit Sportrechtler Martin Schimke : „Doping ist ein unglücklicher Begriff“

Der Sportrechtler ist Richter am Internationalen Sportgerichtshof. Er spricht über Staatsdoping und WM-Kontrollen durch die Fifa.

„Russland“ und „Doping“ sind Wörter, denen Martin Schimke in diesen Monaten beruflich häufiger begegnet. Der Düsseldorfer Sportrechtler gehörte bei Olympia in Pyeongchang zur „Ad-hoc-Kommission“ des Internationalen Sportgerichtshofs (Cas), die in Südkorea über Klagen russischer Sportler zu entscheiden hatte, denen das Internationale Olympische Komitee (IOC) die Teilnahme verweigert hatte. Schimke (59) ist seit 1999 Mitglied des Cas.

War die Sportgerichtsbarkeit auf so etwas wie das staatlich organisierte Doping in Russland überhaupt vorbereitet?

Schimke Uneingeschränkt ja. Die Rechtsgrundlagen sind dafür da. Strukturell ist ja auch ein Nationales Olympisches Komitee nichts anderes als ein einzelnes Mitglied innerhalb des internationalen Sportsystems. Und das kann gesperrt werden wie jeder Athlet. Eine solche Sperre erscheint dann zwar als Kollektivstrafe, ist aber aus juristisch-handwerklicher Sicht die Sanktion eines Einzelmitglieds.

Kann der Sport wirklich staatliche Einflussnahme sanktionieren?

Schimke Auch für mich war das selbstverständlich eine völlig neue Dimension, was da laut McLaren-Report in Russland passiert sein soll. Ich dachte, die Zeiten orchestrierten Staatsdopings seien vorbei. Das ist schon eine sehr schwer fassbare Tragweite. Sie haben recht, das IOC kann natürlich nicht Russland als Staat sperren, sondern nur das russische Olympische Komitee. Dessen Rolle innerhalb des Staatsdopings muss der Sport folglich sorgfältig prüfen und bewerten. Für die Sportgerichtsbarkeit geht es immer um die Frage: Welche Verfehlung kann ich wem zuordnen? So hat das IOC ja auch mal Kuwaits NOK ausgeschlossen, weil der Staat zu weit in die Verbandsautonomie eingegriffen hatte.

Der Düsseldorfer Rechtsanwalt Martin Schimke ist seit 1999 Richter am Internationalen Sportgerichtshof CAS. Foto: Martin Schimke/Udo Geisler

So hätte das IOC Russland vor Pyeongchang auch bestrafen können.

Schimke Ja, dann wäre als Folge gar kein russischer Athlet bei Olympia dabeigewesen. Doch man hat die Tür für den Start vermeintlich sauberer Athleten unter neutraler Flagge offen gelassen, weil man eben der Überzeugung war, man könne aus den Erkenntnissen über das systematische Doping in Russland nicht zwangsläufig den Verstoß jedes einzelnen Athleten ableiten. Ein „Ich kann mir nicht vorstellen, dass der nichts damit zu tun hatte“, reicht da eben nicht aus.

Im Sport gibt es immer wieder Stimmen, die fordern, man müsse die Unschuldsvermutung in Sachen Doping in eine Beweislastumkehr des Athleten umwandeln.

Schimke Wir befinden uns mit der Sportgerichtsbarkeit nicht im Strafrecht. Insofern gelten hier solche auch dem Laien vertraute Prinzipien wie „Keine Strafe ohne Verschulden“ oder „Im Zweifel für den Angeklagten“ per se nicht. Wir sind im Zivilrecht. Die Athleten haben sich vertraglich den Regeln der Sportinstitutionen unterworfen. Im Sport gilt dann auch die „Haftung ohne Verschulden“, das heißt, wenn eine A-bzw. B-Probe positiv ist, ist das ein Dopingverstoß, egal, wie er zustandegekommen ist. Die Regelung gilt nach wie vor rückwirkend, so dass ein gedopter Sportler Medaillen zurückgeben muss. Wenn es allerdings um Sperren in die Zukunft, also ein Berufsverbot geht, hat der Sportler inzwischen das Recht, Entschuldigungen anzuführen, wie es zur positiven Probe ohne eigenes Verschulden gekommen sein soll.

Und die Beweislastumkehr?

Schimke Darüber lässt sich nachdenken. Es ist eine Idee, die dann allerdings in die Regeln implementiert werden müsste. Es müsste also im Sport dafür eine Mehrheit geben, dass der Sportler proaktiv seine Sauberkeit nachweisen muss – Stichwort: Sportliches Führungszeugnis.

Gilt Doping aber nicht in vielen Teilen der Welt immer noch als Schlitzohrigkeit? Als Kavaliersdelikt? Und nicht als unfair?

Schimke Für mich ist der Begriff „Doping“ an sich schon unglücklich. Nach gut 20 Jahren am Cas kann ich sagen: Doping ist nicht gleich Doping. Es geht auch hier von der kleinen Ordnungswidrigkeit bis zum Mord. Es gibt systematisches Blutdoping mit Blutkonserven und Diplomatenpässen, es gibt aber auch kontaminiertes Fleisch, die Manipulation durch einen Konkurrenten oder bestimmte Umwelteinflüsse, die eine positive Probe zum Resultat haben. Wir bräuchten im Prinzip verschiedene Vokabeln für verschiedene Dopingvergehen. Das wird in der öffentlichen Wahrnehmung bisher alles über einen Kamm geschert, und eine reflexartige Vorverurteilung ist dem Anti-Doping-Kampf überhaupt nicht förderlich.

Für mich gehört zum konstruktiven Anti-Doping-Kampf eines Verbandes dreierlei: Präventionsarbeit, Transparenz bei der Durchführung der Kontrollen und Unabhängigkeit bei der Durchführung der Kontrollen. Und jetzt geht die Fifa hin, und kontrolliert die Spieler bei der WM wieder mal selbst.

Schimke Das kann man natürlich kritisieren als eine verbandsinterne Entscheidung, die strategisch unglücklich wirkt und angesichts heutiger Forderungen der Öffentlichkeit an Transparenz nicht mehr zeitgemäß erscheint. Man müsste sich aber auch fairerweise erst einmal angucken, wie die Fifa denn ihre Kontrollen durchführt. Der Vorwurf, der laut wird, ist ja der, die Fifa kontrolliere lasch oder gar nicht und verschleiere im Zweifelsfall positive Proben. Das kann ich überhaupt nicht  beurteilen. Aber allein, dass die Fifa selbst kontrolliert, heißt nicht, dass es schlecht sein muss. Auch andere internationale Verbände führen selbst Tests durch.

Ist die Öffentlichkeit insgesamt zu ungeduldig, was den Anti-Doping-Kampf angeht?

Schimke Vielleicht. Sehen Sie, Prävention ist für mich das Wichtigste. Gerade auch in der Schule. Aber da muss man Geduld und Geld investieren, vielleicht braucht es auch eine neue Generation, um in Sachen Doping eine neue Werteskala zu vermitteln. Diese Sensibilität war ja über Jahrzehnte im Sport gar nicht gegeben. Zumindest kommt die Selbstregulation ja aus dem Sport selbst.

Trotzdem erwecken die Sportorganisationen mit ihren Entscheidungen und ihrer Kommunikation oft genug den Eindruck, als interessiere sie überhaupt nicht, was ihre Fans und Kunden darüber denken, als hielten sie die Menschen für dumm.

Schimke Das ist mir auch eine zu pauschale und undifferenzierte Aussage. Nur ein Aspekt dazu: Wir reden hier oft über teils Jahrhunderte alte, eingefahrene, simple Vereins- und Verbandsstrukturen ohne professionelle Kontrollmechanismen. Vom Tennisverein um die Ecke bis zum internationalen Verband. Der Sport kann über die Verbandsautonomie seine eigenen Regeln setzen. Da hat ganz lange niemand drauf geguckt. Erst jetzt durch die Kommerzialisierung, durch die Transparenzanforderungen der Gesellschaft kommt eine Art Tsunami auf diese alten Strukturen zu. Das braucht natürlich eine Übergangsphase, womöglich Jahrzehnte, um das Selbstverständnis verschiedener Mitglieder der großen Sportfamilie zu reformieren.

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