WM-Torjäger James Rodriguez ist der stille Anführer Kolumbiens

Führender der WM-Torjägerliste : James Rodriguez — der stille Anführer

Der 22 Jahre alte Kolumbianer lässt den verletzten Superstar Radamel Falcao vergessen. James Rodriguez ist jetzt schon einer der Superstars dieser WM

Als der AS Monaco am 22. Januar zum Pokalspiel beim Viertligisten Monts d'Or Azergues antritt, ahnt niemand, dass dies der Tag ist, an dem einer der nächsten Stars der Fußballszene "geboren" wird. Radamel Falcao, Kolumbiens populärer Angreifer, erleidet einen Kreuzbandriss. Das WM-Aus. Ein Schock für die Menschen in dem Land, das sich nach Jahrzehnten Bürgerkrieg mit einer Spirale der Gewalt, von Morden und Drogenkriminalität auf dem Weg zur Normalität befindet. Der Traum von einer erfolgreichen WM scheint geplatzt.

Fünf Monate später haben die "Cafeteros", die Kaffepflücker, wie das Team aus dem Land des weltberühmten Café de Colombia genannt wird, in ihrer Heimat eine große Euphorie ausgelöst. Erstmals steht Kolumbien im Viertelfinale einer WM — und ein Spieler beherrscht die Schlagzeilen: James Rodriguez. In jedem der vier WM-Spiele war der 22-Jährige erfolgreich. An sieben der elf Treffer seiner Mannschaft war er beteiligt, fünfmal traf er selbst. So auch beim 2:0 im Achtelfinale gegen Uruguay.

"Mit Abstand das beste Tor der WM", twitterte Falcao nach dem 1:0. Rodriguez hatte den Ball mit der Brust gestoppt und sofort mit dem linken Fuß unter die Latte des Tores befördert. Eine Aktion zum Genießen. Wenig später traf Rodriguez auch zum 2:0, als er einen sehenswerten Angriff mit dem rechten Fuß veredelte.

Geht es nach James (gesprochen: Chames) Rodriguez, dann ist die Reise der Mannschaft des argentinischen Trainers José Pekerman noch nicht zu Ende. "Sie spielen gut, aber das müssen sie auch, weil wir gefährlich sein können", sagte der Torjäger mit Blick auf den Gegner im Viertelfinale. Am Freitag kommt es in In Fortaleza zum Duell mit Gastgeber Brasilien.

"Der Fußball", sagt Nationaltrainer Pekerman, "braucht Spieler mit diesen Qualitäten." Wer weiß, ob der Stern des 22-Jährigen so aufgegangen wäre, wenn es nicht dieses Foul am 22. Januar gegeben hätte. Als Augenzeuge erlebte Kolumbiens Rekordnationalspieler Carlos Valderrama, dessen Trikot ebenfalls die Nummer 10 zierte, den erneuten Gala-Auftritt mit. "Schon als Junge habe ich Carlos verehrt und wollte immer so sein wie er", sagte Rodriguez. "El Pibe" (der Junge) lautet Valderramas Spitzname. Der Mann, dem viele zutrauen, noch erfolgreicher zu werden, rufen sie in seiner Heimat "El Pibe Nueva" (der neue Junge).

Rodriguez wurde in Cúcuta, im Norden an der Grenze zu Venezuela, geboren. Er profitierte davon, dass in den 90er Jahren die Nachwuchsarbeit forciert wurde. Mit 15 Jahren war Rodriguez in der ersten Liga aktiv. und mit 17 der jüngste ausländische Spieler in der höchsten argentinischen Liga. Nach drei Jahren beim FC Porto wechselte er im Sommer 2013 für 45 Millionen Euro zum AS Monaco, wo auch Falcao spielt. Dort wurde er zum Star mit dem Milchgesicht.

Abseits des Spielfeldes steht Rodriguez nicht im Zentrum. Bei der WM zeigt er sich als der stille Anführer, der seine Teamkollegen mitreißt und sich auch nicht für die Abwehrarbeit zu schade ist. "James ist der Spieler, der Kolumbien viele Jahre gefehlt hat. Er ist talentiert, er spielt konstant, und er bringt große Leidenschaft mit", lobte Valderrama. Rodriguez hat seinen Weg gemacht. Der Vater hatte die Familie früh verlassen, der Stiefvater finanzierte ihm das Fußball-Internat.

Nach der WM dürfte der Rummel um ihn zunehmen. Rodriguez hat perfekte Eigenwerbung betrieben. Er ist auf dem Weg zum Weltstar - und hat sich stets in den Dienst der Mannschaft gestellt. "Wir sind auf dem richtigen Weg und glauben, dass wir weit kommen können. Aber wir brauchen Demut und Siegeslust", betonte der Spielgestalter.

Rodriguez ist mit Daniela, der Schwester des Nationaltorhüters David Ospina, verheiratet. Tochter Salome ist ein Jahr alt. Am 12. Juli wird er 23. Das WM-Finale findet einen Tag später statt. Dann dabei zu sein, dafür würde er gerne aufs Feiern verzichten.

Hier geht es zur Infostrecke: Kolumbien - Uruguay: die Fakten

(RP)
Mehr von RP ONLINE