WM 2018: Russland vor Stresstest gegen Uruguay

Stresstest gegen Uruguay : Wie stark ist Russland wirklich?

Zwei Startsiege, Achtelfinalticket gebucht - aber wie stark ist das russische Team wirklich? Auf diese Frage dürfte es im letzten Gruppenspiel gegen Uruguay eine Antwort geben.

Die Arme auf dem Rücken verschränkt, der Blick freudlos, um den Hals baumeln Trillerpfeife und Stoppuhr: Stanislaw Tschertschessow mimte bei Russlands Abschlusstraining vor dem Duell gegen Uruguay den strengen Sportlehrer. Von der guten Laune seiner Landsleute lässt sich der stoische Nationaltrainer nicht anstecken, das bekamen auch die Journalisten bei der anschließenden Pressekonferenz zu spüren.

"Ist das eine Frage für das Spiel oder die Philosophie? Ich bin kein Doktor, ich bin Trainer", blaffte der 54-Jährige einen Fragesteller an, der wissen wollte, ob bei russischen Spielern neben den Standardtests zusätzliche Dopingproben entnommen wurden.

Trotz der beiden klaren Siege gegen Saudi-Arabien (5:0) und Ägypten (3:1) sowie dem vorzeitige Achtelfinaleinzug wirkt Tschertschessow angespannt. Der ehemalige Torhüter von Dynamo Dresden weiß: Der erste echte Stresstest für sein Team und die WM-Stimmung im Land kommt am Montag (16.00 Uhr MESZ/ZDF) in Samara. Die Uruguayer mit den Superstürmern Luis Suarez und Edinson Cavani sind ein größeres Kaliber.

"Das wird in Sachen Qualität und Fähigkeiten ein ganz anderes Spiel. Am Montag werden wir sehen, wie gut es geht", sagte Tschertschessow. Viele Änderungen in der Startelf, um Spieler zu schonen, plane er deswegen auch nicht.

Der Nationaltrainer kann noch so sehr warnend den Zeigefinger heben, die Erwartungshaltung ist im Riesenreich drastisch gestiegen. "Unsere Mission ist noch nicht beendet", sagte Vize-Ministerpräsident Witali Mutko bei einem Besuch des Trainingscamps: "Wir würden gerne als Gruppenerster in die K.o.-Runde gehen." Den Vorteil eines vermeintlich leichteren Achtelfinals gäbe es aber wohl nicht: Spanien oder Portugal dürfte der Gegner lauten.

Mutko musste seine Position als WM-OK-Chef wegen der Doping-Affäre in Russland aufgeben, und diesen Schatten wird der Gastgeber auch während der WM nicht los. Die Mail on Sunday erneuerte Vorwürfe, die bereits die ARD vor einer Woche angebracht hatte: Beim kurz vor der WM aussortierten Spieler Ruslan Kambolow soll eine Urin-Probe gegen die eines Modernen Fünfkämpfers ausgetauscht worden sein. Der WM-Kandidat wurde offiziell wegen einer Verletzung nicht nominiert.

Trainer äußert sich nicht zu Dopingvorwürfen

Über Doping sprechen wollte Tschertschessow am sonnigen Sonntag in Samara nicht. "Ich sitze hier, um über das Spiel zu reden, nicht über andere Dinge." Und so erklärte der Trainer, dass die bislang höchst erstaunliche Laufleistung seines Teams mit "ein paar Korrekturen" in der Trainingssteuerung und der großen Motivation seiner Spieler zu erklären sei.

Gegen Saudi-Arabien rannten die Russen 12,61 Kilometer mehr als der Gegner, das entspricht grob gerechnet einem zusätzlichen Feldspieler. Auch gegen Ägypten war der WM-Gastgeber (+5,61) in dieser entscheidenden Statistik klar besser. Doch auch spielerisch überraschte der Weltranglisten-70., der fast ausschließlich mit Spielern aus der russischen Liga bei der WM antritt.

Das Team scheint nach der vernichtenden Kritik im Vorfeld eng zusammengerückt zu sein. "Man hätte meinen können, wir sind die schlimmsten Menschen in diesem Land", sagte Angreifer Fedor Smolow. Jetzt fiebere die ganze Nation mit der Sbornaja, "das macht einen stolz".

Bei einer Niederlage gegen Uruguay könnte die Stimmung aber schon wieder kippen. Es ist Russlands erster echter Stresstest bei dieser WM.

(old/sid)
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