WM 2018: Harry Kane, Romelu Lukaku und Diego Costa retten den Ruf des „echten“ Mittelstürmers

Die WM der Nummer 9 : Kane, Lukaku und Costa retten den Ruf des „echten“ Mittelstürmers

Der klassische Mittelstürmer kommt wieder in Mode. Spieler wie Harry Kane, Diego Costa oder Romelu Lukaku beweisen bei der WM, dass die Spezies der "echten" Nummer 9 längst nicht ausgestorben ist.

Einen wie Rudi Völler gibt es nicht alle Tage. Mit seiner schon zu Spielerzeiten ergrauten Lockenpracht, aus der einst der Speichel von Frank Rijkaard tropfte, avancierte er mit Leichtigkeit zur Stilikone. Aber genauso wie die wenigsten heute noch Minipli tragen, haben es auch Torjäger der Kategorie Völler schwerer als damals. In der Generation der Ronaldos und Messis ist der klassische Neuner eine bedrohte Art - aber auch eine Spezies, die bei der WM in Russland eine Renaissance erlebt.

Rein deutsch sei das Phänomen des um Bedeutung ringenden Goalgetters im Zeitalter des Hochgeschwindigkeitsfußballs aber nicht, sagte Völler jüngst dem Magazin Socrates. In der deutschen Mannschaft weht der Wind im Angriff nach dem Karriereende von Miroslav Klose länger schon eher von links und rechts. "Es wird den einen oder anderen klassischen Stoßstürmer auch in Zukunft geben. Doch der Spielstil hat sich generell verändert", sagte der Weltmeister von 1990.

Nur ein technisch starker Mittelstürmer kann dominieren

Diese Entwicklung ist bereits in Russland zu beobachten. Der Torjäger muss sich anpassen. Getreu dem Motto, dass nur die Besten überleben, dominiert ein Stürmer nur, wenn er auch technisch mithalten kann.

Englands Harry Kane kann das genauso wie der eigentlich stierhafte Romelu Lukaku aus Belgien oder der Spanier Diego Costa. Ganz offensichtlich Probleme haben die spielerisch limitierten Olivier Giroud und Gonzalo Higuain, denen für Frankreich beziehungsweise Argentinien noch keine Kunststücke gelangen.

Besonders die Spanier wissen um den Wert eines spielstarken Stürmers im Zentrum. Die falsche 9, manchmal war es Cesc Fabregas, manchmal sogar Andres Iniesta, ist nicht der Weisheit letzter Schluss. Über seinen Mitspieler Costa sagte Spaniens Sergio Busquets kürzlich: "Das Gute daran, verschiedene Stürmertypen zu haben, ist, dass wir unser System am Gegner ausrichten können. Das macht uns weniger vorhersehbar."

Die Vergangenheit gibt dem Konzept Torjäger recht. Ihren einzigen WM-Titel 2010 feierten die Spanier in Südafrika mit David Villa, Deutschland griff vor vier Jahren, wenn es ernst wurde, auch auf Klose zurück. Kein Wunder also, dass England mit Kane und Belgien mit Lukaku bisher mit den besten Eindruck bei der WM hinterließen. Kein Wunder auch, dass sich Deutschland mit dem Toreschießen bisher so schwergetan hat.

Mario Gomez fehlt es mit fast 33 Jahren an Spritzigkeit und bekanntermaßen an Finesse mit dem Ball, geholfen hätte es aber auch nicht, Sandro Wagner oder Nils Petersen zu nominieren, die ähnliche Probleme haben. "Im modernen Fußball ist die Ball-An- und -mitnahme in höchster Geschwindigkeit das A und O. Darunter leiden so ein wenig Spieler wie Gomez oder Wagner, die noch diese Eigenschaften eines klassischen Stürmers in sich tragen", sagte Völler. Timo Werner ist dagegen eher ein Konterstürmer, der den instinktiven Torriecher eines echten Neuners entbehrt. Ein Hybrid a la Kane fehlt.

(rent/sid)
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