WM 2018: Brief an einen belgischen Fan nach Halbfinal-Aus

Brief an einen belgischen Fan: Weine nicht!

Belgien hatte große Hoffnungen, aber ist gegen Frankreich ausgeschieden. Viele Fans weinten bitterlich. Dabei gibt es dafür gar keinen Grund. Unser Autor hat einen Brief geschrieben.

Wir kennen uns nicht. Aber ich habe ein Bild von dir gesehen. Du hast nach der Niederlage deiner Mannschaft bittere Tränen geweint. Man musste fast mit weinen, so jämmerlich sah das aus. Inzwischen werden deine Tränen getrocknet sein. Vermutlich gehst du wieder deinem Job nach. Das ist auch gut so, denn im Grunde gibt es keinen Grund, lange traurig zu sein. Vielmehr solltest du dich freuen. Ja, wirklich.

Ihr hattet große Hoffnungen. Viele haben euch Belgiern gute Chancen auf den Weltmeistertitel eingeräumt. Viele hätten es gerne gesehen, wie ein Underdog den Großen zeigt, wie es geht. Nun seid ihr raus. Das tut erst einmal bitter weh. Aber die Zukunft des belgischen Fußballs ist vielversprechend. Ihr seid noch lange nicht am Ende. Fangen wir im Hier und Jetzt an.

Wer im Turnierverlauf den belgischen Spielern zugehört hat, hat nicht nur zurecht selbstbewusste Männer erlebt, sondern auch Spieler mit dem unbedingten Willen, Großes erreichen zu wollen. Im Viertelfinale zum Beispiel setzte euer Trainer Roberto Martínez Führungsspieler Kevin de Bruyne ein Stück nach vorne, also weg von der geliebten Zehnerposition, auf der der Mann von Mancester City die Freiheiten hat, die er braucht. Statt zu nörgeln, schoss der 27-Jährige ein Tor, und ließ die Welt wissen: „Ich mache meinen Job. Ich mache, was man machen muss, um zu gewinnen.“ Das kam nicht rüber wie eine reindiktierte Floskel. So geht Teamplay. So reden Anführer. Oder nicht?

Ein anderer machte noch vor dem Turnier von sich reden. Auf der Plattform „The Players’ Tribune“ sprach Romelu Lukaku über seine Kindheit. Die Geschichte ist eine von Rassismus, Armut und Wut. Ratten liefen durch die Wohnung der Familie. In dieser Zeit reifte in Lukaku, so berichtete er es, der Wunsch, der beste Spieler Belgiens zu werden. „Nicht großartig, der Beste“, sagte Lukaku. „Ich war auf einer Mission.“ Selbst wenn es still ist, ist das Jammern über fehlende Typen im Fußball doch überall zu hören. Lukaku ist so ein Typ. Seine Mission ist noch nicht zu Ende. Die Erfahrungen haben tiefe Wunden beim bulligen Stürmer hinterlassen. Er wird erst ruhen, wenn er gewonnen hat. Seid froh, dass ihr solche Typen habt. Der Hunger ist da.

Es gibt zwölf Spieler auf der Welt, die mehr als 100 Millionen Euro wert sind. Zwei davon sind Belgier. Kevin De Bruyne (160 Millionen) und Eden Hazard (110). Lukaku klopft mit einem Marktwert von 90 Millionen schon leise an die Tür. Alle drei haben noch viele gute Jahre vor sich. Lukaku ist 25, Hazard und De Bruyne 27. Mit Ausnahme der Abwehr sind eure Führungsspieler in den besten Jahren. Tormann Thibaut Courtois ist 26 Jahre alt. Die Achse der Mannschaft, um die Talente integriert werden können, steht mit diesen vier Topleuten.

Und auf den meisten Positionen habt ihr wunderbare Talente in der Hinterhand. Zum Beispiel im zentralen Mittelfeld: Die Karrieren von Leander Dendoncker (23, RSC Anderlecht) und Youri Tielemans (21, AS Monaco) haben gerade erst begonnen.

Sorgen machen, dass euch die Talente ausgehen, müsst ihr euch ohnehin nicht. Im europäischen Vergleich humpelt eure Jupiler League zwar hoffnungslos hinterher, dafür ist sie ein perfektes Planschbecken, in dem sich Talente langsam an das Schwimmerbecken herantasten können. Die Gleichung ist einfach: Die Klubs haben kein Geld, dafür müssen sie auf eigene Talente setzen. Besser kann es doch für die Nationalmannschaft gar nicht sein. Und die internationalen Scouts sind ganz wild auf eure Spieler: Gegen Frankreich standen zehn Spieler in der Startelf, die ihre Geld in der Premier League verdienen. Eure Spieler sind in den besten Ligen der Welt unterwegs: bei Barcelona, in Paris, Tottenham, Chelsea - und wie sie nicht alle heißen. Eure goldene Generation ist keine, die so schnell ausstirbt. Es kommen neue Chancen. Dann werdet ihr da sein.

Vielleicht lächelst du ja nun schon wieder. Ich würde mich freuen. Wir sehen uns bei der EM 2020.

Viele Grüße, dein Sebastian

Hier geht es zur Bilderstrecke: Belgische Fans weinen nach verpasstem Final-Einzug

(sef)