WM 2018: Belgien bietet Fußball zum Verlieben

WM-Halbfinalist : Belgien bietet Fußball zum Verlieben

Nach einem großen Spiel gegen Brasilien steht die belgische Elf um Kapitän Eden Hazard im Halbfinale gegen Frankreich. Natürlich darf jetzt auch vom Titel geträumt werden.

Belgien hatte schon Spieler wie Jean-Marie Pfaff, Eric Gerets und Jan Ceulemans. Sie prägten die Nationalmannschaft der 1980er Jahre, und wenn es das Wort von der goldenen Generation schon gegeben hätte, wäre es sicher im Zusammenhang mit diesem Team gebraucht worden. Bei der WM 1986 in Mexiko belegte es nach einer 2:4-Niederlage gegen Frankreich im Spiel um Platz drei den vierten Rang. Das ist bis heute die beste WM-Platzierung einer belgischen Mannschaft.

Zumindest an der Einstellung dieses Rekords kommen die Belgier 2018 nicht mehr vorbei. Sie stehen erneut in einem Halbfinale, und wie vor 32 Jahren im „kleinen Finale“ bekommen sie es in der Vorschlussrunde mit den Franzosen zu tun.

Erschrecken wird sie das nicht. Mittelfeldspieler Kevin De Bruyne stellt zwar pflichtschuldig fest, dass Frankreich über „eine außergewöhnliche Mannschaft“ verfüge. Er sagt aber auch: „Im Halbfinale gibt es keine leichten Gegner.“

Belgien selbst ist schon mal alles andere als ein leichter Gegner. Davon durfte sich Rekordweltmeister Brasilien in einem mitreißenden Viertelfinale überzeugen, das der vermeintliche Außenseiter aus Europa mit 2:1 für sich entschied. Vor allem in der ersten Halbzeit dieser Begegnung in Kasan rissen die Belgier mit ihrem Spiel selbst neutrale Beobachter von den Sitzen. Und das Tor zum 2:0 offenbarte ihre größte Qualität. Nach einem Eckball der Brasilianer konterten die „Roten Teufel“ mit einem Tempo, das an die besten Zeiten von Borussia Dortmund in der Jürgen-Klopp-Ära erinnerte, und einer Präzision, für die sie inzwischen selbst der Maßstab sind. De Bruyne schloss mit einem Spannschuss aus dem Lehrbuch ab.

Überhaupt De Bruyne: Der 25-Jährige mit dem Milchbubigesicht, der immer so aussieht, als sei er gerade beim Bonbon-Stibitzen erwischt worden, prägte das Aufbauspiel mit klaren, wie an der Schnur gezogenen Pässen, mit Rhythmuswechseln und einem unbestechlichen Blick für die freien Räume.

De Bruyne war aber nicht die einzige herausragende Figur im belgischen Spiel. Mittelstürmer Romelu Lukaku, für den das Wort Wucht erfunden worden sein könnte, schuf im Angriff buchstäblich Platz für die Kombinationen der Belgier. Torhüter Thibau Courtois stand den gefährlichen Angriffen der Brasilianer besonders in den Druckphasen der zweiten Halbzeit wirksam im Weg. Und Kapitän Eden Hazard war nicht nur beim Einlaufen der Mannschaft eine echte Führungsfigur. Er riss das Spiel immer wieder dann an sich, wenn Belgien gegen nie nachlassende Brasilianer mal ins Wackeln geriet. Seine mutigen Tempodribblings machten mächtig Eindruck, und sie gaben dem Team Zeit zum Luftholen. Außerdem funktionierte die Zusammenarbeit der Mannschaft hervorragend. In den besten Phasen der Begegnung lief Belgiens Spiel wie eine gut geölte Maschine.

So eine Vorstellung weckt natürlich die Träume vom ganz großen Wurf. „Es ist noch nicht vorbei“, sagt Hazard. „Wir sind noch nicht fertig mit dem, was wir erreichen wollen“, erklärt De Bruyne. Und die Zeitung „L’Echo“ gerät regelrecht ins Schwärmen. Sie schreibt: „Die Mannschaft zeigt der Welt und vielleicht sogar noch mehr ihren Landsleuten, dass der Erfolg etwas Mögliches ist – eine Ambition, die trotz der Größe, trotz der Bescheidenheit oder Demut ein kleines Land haben kann.“

Dass die Mannschaft den Status des „Geheimfavoriten“ hinter sich gelassen hat, ist bei nur noch drei verbliebenen Konkurrenten eine weitere Erkenntnis aus dem Auftritt gegen Brasilien. Belgien gehört endgültig zu den Favoriten auf den Weltmeistertitel, weil es das fußballerisch mit Abstand beste der vier Viertelfinal-Spiele für sich entschied. An Belgiens Fußball ist nichts zufällig. Das Team ist seit gut vier Jahren zusammen, es ist in zwei großen Turnieren erkennbar gewachsen. Und es hat bis jetzt unter allen Mitbewerbern die beste Balance in seinem Spiel. „Das ist eine echte Mannschaft, die etwas erreichen will“, urteilt ihr spanischer Trainer Roberto Martinez. 24 Spiele in Folge blieb Belgien mit Martinez ungeschlagen. Kein Wunder, dass Torwart Courtois feststellt: „Wir haben das Selbstvertrauen, gegen jeden Gegner gewinnen zu können.“ Das Selbstvertrauen und die fußballerischen Fähigkeiten. Da darf jetzt auch Frankreich kommen, das mit seinem Talent bislang ein bisschen sparsamer umgegangen ist.