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WM 2014: Louis van Gaal macht aus Mittelmaß einen Titelanwärter

Oranje im WM-Halbfinale : Van Gaal macht aus Mittelmaß einen Titelanwärter

Der Mann, der die Niederlande ins Halbfinale gebracht hat, ist ein Provokateur. Beim Elfmeterschießen gegen Costa Rica versuchte es Torhüter Tim Krul mit Psycho-Spielchen am Rande der Legalität.

Mit Erfolg - der Schlussmann von Newcastle United hielt zwei Elfmeter und ebnete seiner Mannschaft den Weg zum Duell gegen Argentinien.

Doch Krul ist nicht der einzige Held dieses Spiels. An der Seitenlinie wurde Louis van Gaal nach der entscheidenden Parade des Keepers von seinem Trainerstab geherzt. Der 62-Jährige hatte Krul erst in der letzten Minute der Verlängerung eingewechselt, van Gaal hielt ihn für den stärkeren Elfmeterkiller als Stammtorhüter Jasper Cillessen. Ein genialer Griff in die Trickkiste.

Das wusste der Trainer nur zu genau, und so saß er nach dem Spiel da und antwortete auf die Frage, ob er den Sieg als persönlichen Triumph empfinde, mit einem lapidaren "Das habe ich nicht nötig". Er meint das auch so, denn der Amsterdamer braucht in seiner eigenen Welt, in der er ohnehin der Beste ist, keine Bestätigung.

Bei dieser WM ist van Gaal allerdings auch das Beste, was seinem Team passieren konnte. Er hat einen Haufen mittelmäßig begabter Fußballer, garniert mit zweieinhalb Weltstars, ins Halbfinale geführt. Van Gaal wusste, dass er mit ihnen kein traditionelles Drei-Stürmer-Spiel aufziehen kann. In seinem extrem kompakten 3-4-3-System, was bei Ballbesitz des Gegners zum Spiel mit fünf Verteidigern wird, ist kaum ein Durchkommen. "Bei Ballbesitz des Gegners sind wir die vielleicht beste Mannschaft der Welt", sagt van Gaal. Natürlich meint er das ernst.

Der Erfolg gibt ihm recht. Spanien wurde von den Kontern der Niederlande überrollt. Gegen Australien und Chile spielte der Trainer seine Stärken in der Echtzeit-Taktik aus, wechselte den Sieg ein. In der Hitzeschlacht gegen Mexiko versuchten sich die Niederländer 75 Minuten erfolglos in ihrem System, lagen zum dritten Mal zurück. Und drehten zum dritten Mal eine Partie. Van Gaal nutzte die Trinkpause und stellte komplett um. Klaas-Jan Huntelaar kam, plötzlich spielten sie mit bis zu fünf Stürmern - und Holland schoss zwei Tore in den Schlussminuten.

Normalerweise wäre der Matchplan des Trainers auch gegen Costa Rica aufgegangen, das er weniger stark eingeschätzt und seine Offensive verstärkt hatte. Chancen generierten die Niederländer zuhauf. Doch in den 120 Minuten scheiterten Wesley Sneijder und Robin van Persie an Pfosten, Latte oder dem überragenden Torhüter Keylor Navas. Van Gaal wurde nicht nervös.

In der Heimat verstummen die Kritiker mit jedem Sieg mehr. Und "Oranje" strotzt vor Selbstbewusstsein. "Wir können Argentinien schlagen", betont van Gaal. Er wird seinen Abwehrriegel vor Lionel Messi aufziehen. Hinzu kommt das Kräftemanagement, das der Trainer schon vor der WM durch Tempoverschleppungen in den Testspielen ausprobierte. In jeder Partie hatten die Niederländer in der Schlussphase noch die meisten Kraftreserven.

Bleibt zu guter Letzt noch der Teamgeist. Van Gaal spricht selbst von der "besten Truppe, mit der ich je zusammengearbeitet habe". Das zeigte sich auch im Viertelfinale. Bei seiner Auswechselung hatte Cillessen, der nichts von dem Taktik-Kniff mit Krul wusste, noch wütend eine Wasserflasche weggetreten. Nach dem entscheidenden Elfmeter war Cillessen der erste, der zum Feiern auf seinen Kollegen zustürmte.

Van Gaal stand da an der Seitenlinie. Und feierte sich selbst.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Niederlande - Costa Rica: Pressestimmen

(RP)