WM 2014: Warum Brasilien nicht Weltmeister wird

WM 2014 : Warum Brasilien nicht Weltmeister wird

Die Selecao verkauft sich als der haushohe Favorit bei dieser WM. Überzeugend waren die Auftritte der Südamerikaner wie zuletzt im Achtelfinale gegen Chile nicht. Fünf Gründe, warum der Gastgeber an sich selbst scheitert.

Brasilien zittert sich weiter durch die WM. Die von vielen als haushoher Favorit ausgerufene Selecao strapazierte das Glück bis aufs Äußerste, um sich im Achtelfinale gegen Chile mit 3:2 nach Elfmeterschießen durchzusetzen. Am Freitag (22 Uhr/Live-Ticker) trifft das Team von Trainer Felipe Scolari auf Kolumbien. Ein paar Gründe, warum Brasilien bei der Heim-WM nicht den Titel holen wird.

1. Die Taktik

Edson Arantes do Nascimento, kurz Pele, hält sich während der WM betont zurück mit Kritik an der brasilianischen Nationalmannschaft. Vor dem Turnier war er deutlich mitteilsamer und wetterte gegen Felipe Scolari. Der Trainer würde zu defensiv spielen lassen, es fehle das Spektakel. Nun gewinnt selten die Auswahl mit dem schönsten, sondern in der Regel die mit dem effizientesten Fußball den Titel — aber das will am Zuckerhut niemand hören. Vor zwölf Jahren hatte Scolari bei der WM-Endrunde in Japan und Südkorea durch das 2:0 im Finale gegen Deutschland den Titel geholt. Nun lautet der Vorwurf, er habe zu Gunsten eines kalkulierten Spielstils die Auswahl ihrer natürlichen DNA beraubt - dem Ballzauber.

2. Die Defensive

Es sagt viel über die aktuelle Lage aus, dass bei Brasilien mehr über Defensivkräfte als über die kreative Abteilung gesprochen wird. Dabei lauert in der Abwehr eine der größten Schwachstellen. Dani Alves vom FC Barcelona spielt bislang eine bescheidene Weltmeisterschaft. Der Rechtsverteidiger agiert unbedarft, manchmal naiv im Spielaufbau. Er setzt viel zu wenig Impulse. Neben Alves mangelt es aber auch seinen Arbeitskollegen an der nötigen Aggressivität. Es wird nur ungenügend rausgeschoben, die Zuordnungen sind mitunter nicht auf den ersten Blick erkennbar und das Aufbauspiel ist auch nicht gerade fortschrittlich — viele Bälle werden weit in die Offensive geschlagen. Prinzip Hoffnung.

3. Das Mittelfeld

Alle lieben Luiz Gustavo. Zumindest von seinen Mannschaftskollegen wird der Profi des VfL Wolfsburg geschätzt, weil er wertvolle Dienste für das Kollektiv liefert. Das Publikum kann sich weitaus weniger mit einem Spielertypen anfreunden, der vor allem Löcher stopft und gegnerische Aktionen zerstört. Wer nicht selber glänzen will und bei keinem großen Verein spielt, wird bis auf Weiteres argwöhnisch betrachtet. Im Viertelfinale gegen Kolumbien können sich nun alle ein Bild davon machen, wie es ohne den 26-Jährigen läuft — er ist nach seiner zweiten Gelben Karte gesperrt. Eine erhebliche Schwächung.

4. Neymar

Der 22-Jährige trägt die Last einer ganzen Nation auf seinen Schultern. Bisher hat er sich dafür respektabel geschlagen. Doch ein Neymar wird nicht reichen, um das große Ziel zu erreichen. Der Individualkünstler hat keine Typen um ihn herum, die an seiner Stelle für geniale Momente sorgen könnten. Dementsprechend einfach ist es als Gegner, sich auf Brasilien einzustellen. Fred, Hulk und Oscar — sie alle konnten bislang nicht wirklich überzeugen.

5. Die Stimmung

Das Schlimmste hat die Selecao schon einmal abwenden können. Bloß nicht wie 1950 die hohen Erwartungen nicht erfüllen zu können. Dennoch hat man nicht den Eindruck, die Mannschaft wird auf einer Welle der Begeisterung getragen. Die Stimmung ist verhalten bei Auftritten der Brasilianer. Das liegt auch daran, dass selten die Gastgeber in Überzahl sind. Gegen Kolumbien wird es wohl stimmungstechnisch nicht ein Heimspiel.

6. Alles auf Anfang

Vergessen Sie die Punkte 1 bis 5 — natürlich wird Brasilien Weltmeister. Irgendwie werden sie sich durchmogeln, Neymar die Gesetze der Schwerkraft weiter austesten, die Schiedsrichter ein paar Augen zu drücken. Aber man wird sich ja ein paar Gedanken machen dürfen.

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(RP)
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