Deutschlands Gegner Australien: "Tiny Tim" Cahill ganz groß

Deutschlands Gegner Australien : "Tiny Tim" Cahill ganz groß

Johannesburg (RPO). Die Zeiten von Stollenabdrücken auf dem Hinterteil sind längst Vergangenheit. Wenn Tim Cahill heutzutage einmal eines seiner wenigen schwachen Spiele abliefert, hat er den entscheidenden Vorteil, dass seine samoanische Mutter Sisifo 17.000 Kilometer entfernt ist.

In einem schmuddeligen Viertel von Sydney hat Mama Cahill früher "häufig den Fußball-Schuh benutzt, wenn ich nicht gut war", berichtet ihr Sohn und lächelt. Die schmerzhafte Methode hat ihre Wirkung nicht verfehlt - denn 20 Jahre später ist "Tiny Tim" (der "winzige Tim") der Hoffnungsträger des ersten deutschen WM-Gegners Australien. Und niemals würde er ein böses Wort über seine Familie verlieren.

Der kampfstarke und torgefährliche Offensivspieler des FC Everton hat mit seinen 30 Jahren schon ein bewegtes Leben hinter sich. Die Geschichte erzählt ein 70 Zentimeter langes Tattoo auf seinem linken Arm. "Es verarbeitet den Tod meiner Großmutter, die Geschichte meiner Eltern, meine Reise nach England, es zeigt meine Kinder, meine Geschwister, einfach alles", sagt Cahill.

"Ich bin ein Siegertyp"

Auch dem FC Everton und seinem früheren Klub FC Millwall sind einige Quadratzentimeter gewidmet. Für die WM ist noch ein Plätzchen auf dem Unterarm frei: "Meine Geschichte ist noch nicht beendet. Ich will noch viele Titel holen. Ich bin ein Siegertyp."

Begonnen hat die Erfolgsstory des Tim Cahill mit einem Probetraining in England, für das die Eltern sich Geld bei den Nachbarn leihen mussten. Cahill verließ das warme Nest und begab sich mit 17 Jahren in den Süden von London, um sich bei Millwall vorzustellen. Als er dort einen Profivertrag unterschrieb, ging er nicht in den Pub, sondern rief auf der Stelle seine Mutter an: "Ich habe ihr mitgeteilt, dass sie nie wieder arbeiten muss". Dann kaufte er der Familie ein Haus.

Nur mit der Nationalmannschaftskarriere hätte es um ein Haar nicht geklappt. Cahill hatte Spiele für die U20 Samoas absolviert und musste erhebliche Überzeugungsarbeit leisten, um letztlich das Trikot der Socceroos tragen zu dürfen. Für den Verband war es eine goldrichtige Entscheidung: Cahill erzielte Australiens erste WM-Tore (beim 3:1 gegen Japan in Kaiserslautern) und auch den ersten Treffer im Asien-Pokal.

Im richtigen Moment am richtigen Ort

"Timmy hat das Gefühl dafür, immer im richtigen Moment am richtigen Ort zu sein", sagt Nationaltrainer Pim Verbeek. 2009 wäre dies wohl das ehemalige Heimatdorf seiner Familie auf Samoa gewesen, ein Tsunami traf den Inselstaat. "Die Katastrophe hat mich sehr hart getroffen. Die Menschen mussten dort Massenbegräbnisse für die Opfer organisieren. Ich wollte das Training verlassen, um zu helfen, aber es ging nicht."

Die Sorgen vor dem WM-Auftaktspiel gegen Deutschland am 13. Juni in Durban sind dagegen geradezu lächerlich. Tim Cahill muss die Lücken in der deutschen Abwehr aufspüren, das Team führen, am besten eine gute Leistung zeigen. Denn Mutter Sisifo Cahill sitzt in Sydney mit strengem Auge vor dem Fernseher. Aber ganz egal, wie es ausgeht, Tim Cahill sagt: "Mit Fußballschuhen wirft niemand mehr nach mir."

(SID/seeg)