Louis Van Gaal glaubt an sein System - und an sich

Niederlande feiert Viertelfinal-Einzug : Van Gaal glaubt an sein System — und an sich

Auf die Idee, in der 76. Minute des WM-Achtelfinals gegen Mexiko beim Stande von 0:1 Star-Stürmer Robin van Persie auszuwechseln, kommt bestimmt nicht jeder Trainer. Aber Louis van Gaal ist ja auch nicht irgendein Trainer. Er ist schließlich Louis van Gaal. Und der hat (fast) immer recht.

Natürlich hatte der Trainer den entscheidenden Anteil am 2:1-Sieg der Niederländer. Er hatte kurz zuvor, eine Viertelstunde vor Schluss, mit dem Rücken zur Wand seinen besten Angreifer gegen den Schalker Klaas-Jan Huntelaar ausgewechselt. Huntelaar hatte zu diesem Zeitpunkt noch keine Sekunde bei der WM in Brasilien gespielt. Nach dem Spiel war der Mittelstürmer der Matchwinner, der ein Tor vorbereitet und den Elfmeter zum 2:1 verwandelt hatte.

Der frühere Bayern-Trainer, von Natur aus mit einer gehörigen Portion Selbstbewusstsein ausgestattet, konnte der Versuchung nicht widerstehen. Auf seinen Anteil am Sieg angesprochen verwies van Gaal auf seine "goldene Einwechslung" und auf seine Taktik-Umstellung in der Trinkpause: "Ich habe meine Taktik während der Trinkpause verändert. Ja, es war ein Vorteil. Wir hatten etwas Glück mit der Trinkpause, denn dadurch konnte ich den Plan B einführen. Das hat uns gerettet."

Van Gaals Meisterstück

Van Gaals Taktik war in der Tat ein Meisterstück. Er beorderte den eingewechselten Huntelaar und Dirk Kuyt, der auf der linken Mittelfeldseite begonnen hatte, für den wirkungslosen van Persie in die Spitze. Wesley Sneijder sollte im Hintergrund auf Bälle lauern. Der Spielmacher war es auch, der in der 88. Minute die Führung durch Giovani Dos Santos (48.) mit einem fulminanten Schuss ausglich. Huntelaar machte mit einem verwandelten Elfmeter in der Nachspielzeit nach einem Foul an Arjen Robben den Einzug ins Viertelfinale perfekt.

Natürlich braucht ein Trainer in solchen Situationen auch Glück. Doch im vierten Spiel des Turniers erzielte die Niederlande jetzt schon ihr viertes Joker-Tor dieser WM, eines mehr als die Belgier, die bislang dreimal nach Treffern von Einwechselspielern jubeln durften. Die Situation vor dem Ausgleich hatte "Oranje" zuvor im Training einstudiert, wusste van Gaal mit vor Stolz geschwellter Brust zu berichten. Van Gaal erzwingt das Glück und die Spieler glauben ihm.

"Er ist vielleicht der beste Taktiker der Welt. Es spielt keine Rolle, welches System wir spielen. Wir wissen genau, was zu tun ist. Er hat uns schon vor dem Spiel gesagt, dass wir das System wechseln können, wenn wir 0:1 hinten liegen", sagte Kuyt nach dem Spiel. Das sieht auch die heimische Presse so: "Louis Genigaal" schrieb "De Telegraaf".

Van Gaal glaubt an sein System. Mehr als an einzelne Spieler wie in diesem Fall van Persie. Und vor allem glaubt van Gaal eben an van Gaal. Seine erste Regel im Fußball lautet: "Ich habe immer recht" — er glaubt daran. Van Gaal vollzog den Wechsel auch, weil ihn wohl kaum ein anderer Trainer der Welt vorgenommen hätte. Der frühere englische Nationalspieler und heutige Fußball-Experte und Dauer-Twitterer Gary Lineker nannte ihn "ein Genie" und fragte: "Wer sonst auf der Welt hätte van Persie ausgewechselt?" Damit traf Lineker den Nerv. In den sozialen Netzwerken wurde van Gaal umgehend für den Wechsel kritisiert. Die freundlicheren Kommentare lauteten noch "Unsinn" oder "Was macht er denn jetzt?", die Mehrzahl der User war sich einig: "Er kann doch nicht van Persie rausnehmen." Die Schlussphase zeigte jedoch: Van Gaal weiß, was er tut.

Van Gaal is a genius. Who else on earth would have taken Van Persie off?

Zahlreiche Kritiker van Gaals, allen voran die niederländische Fußball-Legende Johan Cruyff dürften sich in der Schlussphase darin bestätigt sehen, dass es für die Niederlande nur ein Spielsystem gibt, nämlich das offensive 4-3-3. Van Gaal wurde für seine defensive Taktik in der Gruppenphase noch hart kritisiert. Doch van Gaal, der eigentlich das Offensivspektakel liebt, weil er sagt, dass es anspruchsvoller sei, ein Spiel durch Offensive und Ballbesitz zu gewinnen als durch Konterfußball, ist bei dieser WM zum Pragmatiker mutiert.

Er will gewinnen und stellt die Schönheit des Spiels hinten an. Ähnlich wie schon sein Vorgänger Bert van Marwijk vor vier Jahren in Südafrika. Van Gaal setzt zwangsläufig auf eine verstärkte Defensive, da sich einzig Robben bei den Niederländern beständig in Weltklasse-Form zeigt. Und eben der Trainer. Deshalb ist "Oranje" in Brasilien auch alles zuzutrauen. Sogar der erste WM-Titel.

(can)
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