In Brasilien entlädt sich der Frust nach dem Desaster in Gewalt

Brasiliens 1:7 gegen Deutschland : Nach dem Desaster entlädt sich der Frust in Gewalt

Brasiliens Verband hat ein neues schmuckes Trainingszentrum und ein luxuriöses Fußball-Museum, sportlich ist aber der Sprung in das 21. Jahrhundert nicht gelungen. Die historische 1:7-Niederlage im Halbfinale gegen Deutschland hat Brasilien bis ins Mark getroffen. Die Erschütterungen, die diese Schlappe für die Entwicklung des Fußballs im Land des fünfmaligen Weltmeisters auslösen wird, sind überhaupt noch gar nicht abzusehen.

Unmittelbar nach dem Schlusspfiff entlud sich der Frust. Bei mehreren Schlägereien in Belo Horizonte wurden 15 Personen festgenommen. In Sao Paulo gingen drei Busse in Flammen auf. In Curitiba wurden zwölf Busse mit Steinen beworfen, Scheiben gingen zu Bruch. An der Copacabana löste eine Massenschlägerei kurz Panik aus. In Recife musste die berittene Polizei einschreiten.

Sogar politische und wirtschaftliche Auswirkungen werden in Brasilien nicht ausgeschlossen. Im größten Land Lateinamerikas steht am 5. Oktober die Präsidentenwahl an, wo sich Dilma Rousseff von der Arbeiterpartei zur Wiederwahl stellt. Zwar hat sich die Situation der Menschen verbessert, doch gibt es nach wie vor großen Unmut über das schlechte Gesundheits-, Transport- und Bildungswesen. Dieser hatte sich vor einem Jahr beim Confederations Cup entladen und brandete nun neu auf. Zur Halbzeit hatte es lautstarke Unmutsäußerungen gegen ihn gegeben.

Sportlich sind die Probleme vielfältig und nicht mit einem Trainerwechsel zu lösen. "Deutschland hat vor ein paar Jahren die Weichen gestellt, wir haben immer einfach nur weitergemacht", kritisierte am Abend Ex-Bayern-Profi Ze Roberto die Visionslosigkeit des brasilianischen Verbandes. Die Zeiten, in denen Brasilien aus einem Überfluss an Talenten schöpfen konnte, sind vorbei.

Hinter der alles überstrahlenden Figur Neymar hat der Fußball-Gigant aus Südamerika keinen Stürmer von Weltklasseformat. Zudem verlassen mehr als 700 (!) Spieler im Jahr das Land, darin eingerechnet auch Halbprofis, die in der zweiten thailändischen Liga kicken. Eine nachhaltige Nachwuchsförderung gibt es nicht. Für den jeweils aktuellen Nationaltrainer ist es praktisch unmöglich zu beobachten, welchen Weg diese Talente im Ausland nehmen. Viele durchaus hoffnungsvolle Nachwuchskicker versanden auf diese Weise im Nirgendwo. Die mafiösen Strukturen des brasilianischen Spielerberatermarktes verstärken diesen Trend noch.

Ob der Verband CBF, durch zahlreiche Korruptionsfälle in der Vergangenheit erschüttert, überhaupt die Kraft hat, die notwendigen Reformen durchzuführen, ist stark zu bezweifeln. In einer bizarren Wahl, bei der der Kandidat nicht einmal persönlich anwesend war, hat der CBF schon vor der WM still und heimlich den Nachfolger für den greisen Präsidenten Jose Maria Marin bestimmt. Der soll 2015 das Amt an Marco Polo Del Nero abgeben. Geschickt eingefädelt, ob allerdings die Basis die Personalie jetzt noch so einfach akzeptiert, ist zweifelhaft.

Schon lange rumort es in Brasiliens Fußball: Die Spielergewerkschaft Bom Senso kritisiert die katastrophalen Zustände in der Liga. Monatelang werden keine Gehälter gezahlt, es gibt viel zu viele Pflichtspiele, die für einen Raubbau am Körper sorgen: Der nationale Pokal mit Hin- und Rückspiel, die Regionalmeisterschaft und die nationale Meisterschaft mit 20 Klubs.

Brasiliens Fußball liegt am Boden. Die Dimension der Niederlage gegen Deutschland beginnt den Fans langsam klar zu werden. Und das verspricht eine spannende Debatte.

(RP)
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