Ex-Schiedsrichter Urs Meier und der Kick für ein besseres Leben

Ex-Schiedsrichter unterstützt Kindernothilfe : Urs Meier und der Kick für ein besseres Leben

Der ehemalige WM-Schiedsrichter Urs Meier unterstützt ein Projekt der Duisburger Kindernothilfe. Die Organisation versucht, den Jugendlichen beim Ausstieg aus der Gewaltspirale in den brasilianischen Favelas zu helfen.

Die spitzen Steine ragen aus dem Sand, vor allem bei Regen ist das Kicken auf dem Bolzplatz in der Favela Guararapes jedes Mal ein gefährlicher Drahtseilakt. Am Rande dieses Käfigs steht Urs Meier. Der Schweizer ZDF-Experte und ehemalige WM-Schiedsrichter schaut sich das Spiel der Jungs aus der Favela zunächst aus der Distanz an. Trotz des Besuches aus Europa geht es hart zur Sache, auch als Meier selbst zur Pfeife greift. "Es ist erstaunlich mit welcher Aggressivität die Jungs hier spielen. Das habe ich so noch nicht oft erlebt."

Und es ist der Schlüssel zu einem Projekt der Kindernothilfe, das Meier aktiv vor Ort unterstützt. Die deutsche Organisation, die nicht selbst vor Ort tätig ist, sondern die Projektausführung brasilianischen Spezialisten überlässt, will gemeinsam mit dem "Instituto Promundo" helfen, dass die Jungs aus diesem Viertel den Ausstieg aus der Gewaltspirale schaffen, ein neues, besseres Leben anstreben. Meier ist schockiert und fasziniert zugleich. "Hier in Rio de Janeiro sind die Grenzen zwischen Arm und Reich wirklich abrupt. Oft trennt die Favela gerade einmal eine Straßenseite von einem wohlhabenden Viertel. Ich tue mich schwer zu begreifen, warum es nicht gelingt, diese tiefen Gräben zuzuschütten."

Er will nun mithelfen, das zu ändern. Der Ansatz ist spannend, denn es geht darum, den "Machismo" in der brasilianischen Gesellschaft zu bekämpfen. Schon früh werden Jungs auf ihre Rolle festgelegt. Und die ist in den Favelas oft durch die Ausübung von Gewalt zur Durchsetzung von eigenen Interessen geprägt. Es ist das Recht des Stärkeren, das keine Rücksicht kennt und den in der Favela-Hierarchie ganz nach oben spült, der besonders skrupellos seine Interessen durchsetzt. Schwächen werden nicht geduldet.

"Das siehst du daran, wie sie Fußball spielen. Es fällt ihnen schwer, einen Pfiff, eine vermeintliche Ungerechtigkeit oder eine Niederlage einfach zu akzeptieren. Das ist in diesem Umfeld nicht vorgesehen", sagt Meier nach dem Kick. Und noch weniger akzeptieren die Jungs die Rolle der Mädchen. Genau diese Rechte will Meier in der deutsch-brasilianischen Kooperation im Rahmen einer Projektarbeit stärken.

Die direkte Zielgruppe von Kindernothilfe und Promundo, die Meier als eine Art Pate unterstützt, sind 260 Mädchen und Jungen aus der Favela Guararapes. "Diese Jungen und Mädchen haben Schwierigkeiten in der Schule, sind häuslicher Gewalt oder Gewalt in der Community ausgesetzt", erklärt Jürgen Schübelin von der Kindernothilfe aus Duisburg. "Wir versuchen über den Sport an die Kinder heranzukommen und gewinnen sie auf diese Weise für die umfassende Projektarbeit."

Konkret heißt das: In Präventionsworkshops werden die Kids und Teenager auf alltägliche Probleme wie Drogenmissbrauch oder Gewalt im familiären Umwelt vorbereitet. Oft sind Mädchen und Frauen die ersten Opfer in dieser Gewaltspirale. "Wenn es uns gelingt, diese festgelegten Rollen des vermeintlich starken Jungen, der sich immer durchsetzen muss, aufzubrechen, dann sind wir auf dem richtigen Weg", sagt Meier. Bestimmt kein leichter Weg.

Es ist nicht das erste Projekt, das Meier begleitet. Schon bei der Weltmeisterschaft in Südafrika hat er sich gemeinsam mit der deutschen Organisation engagiert und den Kontakt gehalten. "Es ist mir wichtig, nicht einfach nur mein Gesicht zu zeigen, sondern auch mal vor Ort nachzuschauen, was daraus geworden ist. Ich werde auch nach der WM wieder vorbeischauen, wenn sich das mediale Interesse gelegt hat."

Dass es in Brasilien während des Turniers zu keinen massiven Protesten gekommen ist, wundert den Schweizer nicht: "Ich bin da ganz pragmatisch. Es ist oft so, dass es im Vorfeld von großen Events große Probleme gibt, wenn aber dann die Veranstaltungen laufen, ist das Interesse der Medien, aber auch der Menschen vor Ort erst einmal ganz auf die Spiele gerichtet." Einen Nachmittag hat er abgezweigt von seinem dichtgefüllten Terminplan, die Bilder nagen an ihm. Davon zeugen die Falten in der Stirn, denn der ansonsten so gut gelaunte TV-Experte geht mit ernsten Eindrücken wieder nach Hause.

Nicht ohne zu versprechen: "Ich werde wiederkommen. Ganz bestimmt sogar."

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(RP)
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