Diskussionen um Tim Krul: Grob unsportlich oder einfach nur clever?

Niederländischer Elfmeterheld polarisiert: Tim Krul: Grob unsportlich oder einfach nur clever?

Tim Krul tigerte in seinem Strafraum auf und ab. Nutzte fast die ganze Breite, die ihm zur Verfügung stand. Sah immer wieder zu dem sich nähernden Schützen hin. Schließlich ging er auf ihn zu, schlug sich gegen die Brust. Tatschte seinem Gegenüber an die Schulter. Und redete auf ihn ein. Suchte immer wieder den Blickkontakt.

Auf der Linie gingen die Mätzchen weiter. Hampelnd. Mit den Armen kreisend. Auf- und ab hüpfend spielte der niederländische Nationaltorhüter seine ganz eigenen Psychospielchen. Das Resultat ist bekannt.

Costa Ricas Bryan Ruiz und Michael Umana verschossen. Doch ob nun tatsächlich irritiert von Kruls Spielchen, ausgepumpt und unkonzentriert nach 120 kräftezehrenden Minuten oder Beides — an dem neuen Nationalhelden der Niederlande scheiden sich die Geister.

War Krul nun grob unsportlich? Oder einfach nur clever?

"Du versuchst alles, was du kannst, ohne zu aggressiv zu sein. Ich habe versucht in ihre Gedanken zu kommen. Ich habe sie gegen Griechenland gesehen und sie studiert. Und ich sagte den Spielern, dass ich wüsste, wohin sie schießen werden um sie etwas nervös zu machen. Vielleicht hat es geholfen", sagte Krul anschließend.

Fader Beigeschmack

Vielleicht hat es tatsächlich geholfen. Zu einem faden Beigeschmack hat es aber in jedem Fall geführt.

"Das gehört dazu", sagte hingegen der Mainzer Junior Diaz. Und auch der ehemalige Nationaltorhüter Oliver Kahn teilt diese Meinung. "Das gehört zum Profisport halt dazu, dass man mal das ein oder andere kleine Gespräch mit dem Schützen führt und ihm auch schon mal in die Augen schaut. Es wäre nicht so schlimm gewesen, wenn der jetzt Gelb gesehen hätte", befand der ehemalige deutsche Nationaltorhüter im ZDF.

Der moderne #Holländer spuckt VIELLEICHT nicht mehr, er verhält sich jedoch weiterhin so gut er kann unsportlich (#Robben, #Krul) #NEDCRC

Fakt ist, dass der Grat zwischen Cleverness und einer groben Unsportlichkeit ein schmaler ist. Krul überschritt mindestens sowohl bei Ruiz als auch beim dritten Elfmeter von Giancarlo Gonzales die Grenze des guten Geschmacks.

Dass Krul, im Wissen um die große Chance, innerhalb von zehn Minuten der Held einer ganzen Nation werden zu können, dazu vollgepumpt mit Adrenalin, besagte Grenzen auslotete, kann man ihm gar nicht vorwerfen. Dafür ist er Profi. Dafür geht es bei einer WM um zu viel. Und dafür sind Hampeleien auf der Linie inzwischen auch schon zu sehr Usus. Doch die intensiven Zwiegespräche am Elfmeterpunkt waren neu.

Schiedsrichter Irmatov verzichtet auf Gelb

Die Zuschauer in Salvador hatten sich ihr Urteil noch während des Elfmeterschießens gebildet und den Niederländer, den Louis van Gaal erst in den letzten Sekunden der Verlängerung eingewechselt hatte, ausgepfiffen.

Schiedsrichter Rawschan Irmatow aus Usbekistan beließ es bei dem Schauspiel bei einer Ermahnung. Und machte so die Psychospielchen erst möglich. Ihm gebührt dabei sicher der größte Vorwurf. Und führte so ganz nebenbei das von der Fifa unermüdlich propagierte Fair Play ad absurdum. Dem niederländischen Elfmeter-Held droht zumindest eine Untersuchung der Disziplinar-Kommission des Weltverbandes Fifa. Wie Fifa-Sprecherin Delia Fischer am Sonntag erklärte, werde der offizielle Spielbericht abgewartet. Aber Fair Play sei der Fifa sehr wichtig, sagte sie.

Nach der Ermahnung ließ es Krul dann zumindest etwas ruhiger angehen. Tigerte nur noch herum. Und beließ es bei einigen bösen Blicken an der Grenze zum Wahnsinn. Was dann aber auch nicht mehr verhindern konnte, dass er innerhalb von zehn Minuten zum größten Unsympath mutierte. Zumindest außerhalb der Niederlande.

Bereits in der Premier League ausprobiert

Krul erzählte nach seinen Heldentaten dann noch freimütig, dass er diese, nennen wir es Herangehensweise, bereits mehrfach in der Premier League ausprobiert hat. Ein "Opfer" seines Trash Talks wurde ironischwerweise Nationalmannschaftskollege Robin van Persie, der genervt vom Vorgehen Kruls nach der Partie dem Keeper im Spielertunnel an die Gurgel wollte.

Chelseas Frank Lampard entnervte Krul in der Premier League schon einmal vor einem Strafstoß. Auch ihm erzählte Krul, dass er wisse, wohin er schieße. Und Krul hielt. "Ich habe es einfach nochmal probiert. Ich bin so glücklich, dass es funktioniert hat."

Das sollte er auch sein. Denn der Elfmeter von Lampard war einer von ganzen zweien, die er bei insgesamt 20 Strafstößen im Trikot von Newcastle United halten konnte. Für weitere Heldentaten hat er ja jetzt ein probates Mittel.

Hier geht es zur Infostrecke: So wettert das Netz gegen Tim Krul

(are)
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