Ein Buch erzählt seine Geschichte: Warum der Fußball Deisler krank gemacht hat

Ein Buch erzählt seine Geschichte: Warum der Fußball Deisler krank gemacht hat

Düsseldorf (RP). Sebastian Deisler galt als Jahrhunderttalent des deutschen Fußballs. "Basti-Fantasti" wurde er gerufen. 2007 beendete der 27-Jährige wegen Depressionen seine Karriere. Nun schildert der Journalist Michael Rosentritt, warum das Fußballgeschäft Deisler krank gemacht hat.

In der Zeit danach hat er den Fußball gemieden wie ein ehemals Süchtiger die Drogen. Bloß nichts hören, sehen, lesen. Sebastian Deisler verfolgte nicht, wer sich mit einem Hattrick zum neuen Helden der Bundesliga machte. Auch in die Nähe eines Fußballs wagte er sich nicht. "Ich hatte lange Zeit Angst, dass ich wieder Lust bekomme, Fußball zu spielen. Ich musste dieses Gefühl erst einmal wegdrücken und besiegen."

Nun, zwei Jahre nach dem Ende seiner Karriere, wähnt sich der frühere Star des FC Bayern München und Nationalspieler als Gewinner. Der 29-Jährige, der an Depressionen litt, fühlt sich stark genug, seine Geschichte, seine Sicht der Dinge dem Berliner Journalisten Michael Rosentritt zu erzählen. Dessen Buch "Zurück ins Leben" deckt fragwürdige Mechanismen des Fußballgeschäfts auf und gibt viele Antworten. Einen Schuldigen für Deislers Scheitern nennt er nicht. Weil es nicht den alleinigen Schuldigen gibt.

Das Ende dieser mit Tragik und außergewöhnlichem Talent behafteten Karriere hat viele Anfänge. Einer beginnt in Lörrach, in Deislers Familie. Als Fünfjährigen nimmt Vater Kilian Sebastian zum ersten Mal mit zum Training. In einer D-Jugend-Saison schießt "der Baschdi" 215 Tore. Als Kilian Deisler mit 39 Jahren in Frührente geht, widmet er sich ganz der Karriere seines Sohnes — der ist zu diesem Zeitpunkt neun Jahre alt. Als Sebastian später, längst anerkannter Profi inklusive Millionen-Gehalt, mit einer schweren Knieverletzung im Krankenhaus liegt, fragt er den Vater: "Wer ist denn jetzt unglücklicher — du oder ich?"

Der Erfolg bringt Neider

In Lörrach bekommt die kindliche Unbeschwertheit erste Risse: Freunde distanzieren sich von Sebastian, weil sie ihm seine Erfolge neiden. In der Familie, die einzige Sicherheit in dieser Zeit, kriselt es, die Ehe der Eltern zerbricht. "Die Entwicklung in meinem Elternhaus und das Verhalten meiner Freunde haben mich tief getroffen. Das moderte jahrelang in mir." Der Samen für seine Verletzbarkeit ist gelegt. Nicht selten führe eine solche Akzentuierung zu einer Missdeutung der Umwelt und der Mitmenschen, meinen Experten.

Im Alter von 15 Jahren wagt Sebastian Deisler trotzdem den Sprung: Der Jugendliche zieht in Borussia Mönchengladbachs Fußball-Internat, in den Fohlenstall. Mit sechs anderen Nachwuchsspielern, darunter der Ukrainer Andrej Woronin, lebt er in einem Haus. Deisler leidet an Heimweh und Minderwertigkeitskomplexen. Vater Kilian schenkt ihm einen Spruch von Brecht: "Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren."

Die neue Lichtgestalt

Deisler gelingt die Wende — zum Guten und Schlechten zugleich. Er trainiert wie ein Besessener, schafft sportlich den Anschluss. Andererseits überspielt er seine Ängste und Verletzlichkeit. Fußball nutzt er als Schutz und Waffe im Kampf um Anerkennung. Er will keine Schwäche zeigen.

Das Talent erregt bundesweit Aufsehen, seine Fähigkeiten erinnern an Franz Beckenbauer. Deisler wird zum Hoffnungsträger für Funktionäre und Fans. Nach Borussias Abstieg 1999 wechselt er: Aus 26 Angeboten wählt er Berlin. Bei seinem ersten Spiel für die Hertha ist das Olympiastadion ausverkauft. Der Boulevard kürt ihn zu "Basti Fantasti", zum "Beckham von der Spree".

Er verweigerte sich

Verlieren andere Profis angesichts solcher Euphorie die Bodenhaftung, drückt die Begeisterung der Öffentlichkeit Sebastian Deisler nach unten. Journalisten bedrängen ihn. Welches Parfüm er benutze? Jean-Paul Gaultier. Seine Lieblingsjeans? Levi's 501. Fragen, die die Welt bewegen. Hertha-Sponsor Nike plant, ihn zur Werbefigur aufzubauen. Deisler soll weiße Fußballschuhe tragen. Er weigert sich. Eine bestimmte Art von Frauen, Deisler nennt sie "VIP-Raum-Wedel", wirft sich ihm an den Hals. Er weigert sich wieder.

Die Vereinnahmung durch die Öffentlichkeit nimmt zu, er empfindet sie als Bedrohung. Wie eine Glühbirne habe er sich gefühlt. "Ich sollte leuchten, ich sollte strahlen, alle haben sich in meinen Schein gestellt." Die Sicherung brennt durch, Deislers Körper wehrt sich. Muskelfaserriss, Adduktorenzerrung, Innenbanddehnung, Meniskusschaden. 2000 folgt eine Operation beim Kniespezialisten Dr. Richard Steadman in Vail, Colorado. Er wird noch häufiger dorthin fliegen. Es ist immer das rechte Knie.

"Ich war todunglücklich"

Deisler taucht ab. Er bittet Journalisten zum klärenden Gespräch und auf seiner Homepage um Verständnis: "Ich kann es nicht jedem Recht machen. Sonst gehe ich mir selbst verloren." Er versucht zu sein wie seine Mannschaftskollegen. Es hilft nicht. "Ich war ganz oben angekommen, und vor der Tür stand ein Mercedes CLK. Ich war todunglücklich."

Deisler liebäugelt mit einem Wechsel nach München. Im Star-Ensemble der Bayern hofft er, weniger aufzufallen. Im Trainingslager teilt er im Sommer 2001 Hertha-Manager Dieter Hoeneß die Entscheidung mit. Der bittet ihn um Stillschweigen, sechs Monate lang. Deisler gibt sein Wort. Durch eine Indiskretion bei einer Bank wird der Wechsel im Oktober öffentlich, ein Handgeld in Höhe von 20 Millionen steht im Raum. In Berlin schlagen die Wogen der Empörung über dem Profi zusammen. Er erhält Morddrohungen und wird auf der Straße angespuckt. Dieter Hoeneß steht nicht zu seinem Spieler und der eigenen Rolle. "Das ist die größte Enttäuschung meines Lebens", sagt Deisler. Drei Tage später, in einem Spiel gegen den HSV, verletzt er sich schwer: Schon damals habe er ans Aufhören gedacht. "Aber ich hatte weder Kraft noch Mut dazu."

Immer wieder das rechte Knie

Deisler kämpft sich zurück. So wird es ihm immer wieder ergehen: Auf Verletzung folgt Comeback, auf Comeback folgt Verletzung. "Zwischen Resignation und Regeneration", so beschreibt es der Profi. Zwei Monate nachdem er wieder für Hertha auf dem Rasen steht, prallt er in einem Länderspiel gegen Österreich mit einem Gegenspieler zusammen. Es ist das rechte Knie. Es kostet ihn erst die WM 2002, später die WM 2006.

Der 22-Jährige wechselt für 9,2 Millionen Euro und als Schwerverletzter nach München. Er zweifelt an seiner Tauglichkeit, will härter werden und trainiert. "Ich habe Krieg geführt gegen meinen Körper." Die Bayern begrüßen ihn mit dem medialen Holzhammer. Beckenbauer schreibt in einer Zeitung, Deisler sei "eben einer, der sich verkriecht und über seine Wehwehchen beklagt". Der Lörracher startet mit seinem neuen Verein fulminant in die Saison 2003/04 — es ist seine zweite bei den Bayern.

"Ich bin fertig"

Das Glück darüber währt nur kurz. Deisler zieht sich immer mehr zurück, Misstrauen prägt ihn. Er will sein Millionen-Gehalt durch gute Leistung rechtfertigen und kann es nicht. "In der Bayern-Kabine Mensch zu sein, ist gar nicht so leicht. Du schaffst es nur, wenn du dir sagst, ich bin der Größte." Dabei müsste es eigentlich gut für ihn laufen. Seine Lebensgefährtin Eunice erwartet ein Kind. "Macht ihn das Baby zum Kerl?", fragt die Berliner Boulevardzeitung "B.Z." — das Wort "endlich" passte wohl nicht mehr in die Schlagzeile.

Im Herbst 2003 ruft die Sekretärin von Uli Hoeneß bei Deisler an, um einen PR-Termin abzusprechen. Der Spieler lässt sich durchstellen. "Ich kann nicht mehr. Ich bin fertig. Ich brauche Hilfe."

Ein Stigma

Für zwei Wochen wird er stationär im Max-Planck-Institut für Psychiatrie behandelt. Die Bayern teilen mit, Deisler habe eine Depression. Es ist ein Leiden, an dem jeder zehnte Deutsche einmal in seinem Leben erkrankt und mit dem niemand in Verbindung gebracht werden möchte. Burn-out klingt besser — nach Leistung, Ehrgeiz und Zuviel-des-Guten. Depression steht für Sensibelchen. Deisler beweist Mut. "Für mich als Fußballer war die Erkrankung eine bittere Erkenntnis. Aber für mich als Menschen sah ich eine echte Chance zum Neuanfang."

Anfang 2004 verlässt der Fußballer die Klinik. Sein Mut, seine Krankheit öffentlich zu machen, wird nicht belohnt. Sie klebt wie ein Stigma an ihm. Schafft er es? Jede Auswechslung wird beobachtet. Mit seiner stillen Art ist er beim Rekordmeister eh ein Außenseiter. "Wer ist der Coolste, wer hat die tollste Frau, wer hat das geilste Auto — das waren Dinge, die mich eher abgestoßen haben."

Flucht nach Thailand

Im Januar 2007 geht es nicht mehr. "Ich war leer, ich war müde, ich war nicht mehr da." Deisler tritt mit Hoeneß vor die Presse, winkt ein letztes Mal und verschwindet aus der Öffentlichkeit. Von der Mannschaft, die ihn "die Deislerin" nennt, verabschiedet er sich nicht. Kurz nach dem Rücktritt zerbricht auch die Beziehung zu Eunice; die Schwere seines Gemüts habe die Familie erdrückt, meint er heute.

Er flieht aus München, fährt für Monate nach Thailand. Immer wieder lässt er sich in der Klinik behandeln, versucht, Struktur in sein Leben zu bekommen. Er beschäftigt sich mit dem Buddhismus, reist nach Nepal. Mit einer Erkenntnis im Gepäck kehrt er zurück. "Ich war zu sensibel für das große Fußballgeschäft."

Und heute?

Wie geht es Sebastian Deisler heute? Er hat seine innere Sicherheit gefunden, ist wieder auf die Beine gekommen und nach Lörrach gezogen, in seine Heimat. Dort genießt er den Blick auf den Tüllinger Berg. "Manchmal fehlt mir noch der Mut, nach vorne zu gehen, weiterzugehen." Als schwach empfindet er sich nicht. "Jeder andere wäre auch an den Erwartungen zerbrochen", glaubt der 29-Jährige, der meist in den Tag hinein lebt und nach einer Aufgabe fahndet. Eine schwierige Suche. Er weiß: Nie wieder wird er etwas so gut können wie Fußball.

Deisler hat ihn trotzdem wieder in sein Leben gelassen. Er spielt mit dem Gedanken, eine Fußballschule zu eröffnen — eine, in der es um Spaß geht und nicht um Leistungsdruck. Den Job, Jugendtrainer beim FC Bayern München, den ihm sein ehemaliger Coach Ottmar Hitzfeld nahelegt, wird er wohl nicht annehmen. Deisler will ein "normaler Mensch" und vollständig gesund werden.

Und das ohne Bayern, ohne Öffentlichkeit, ohne Druck.

Hier geht es zur Infostrecke: Das ist Sebastian Deisler

(RP)
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