VfB Stuttgart und die Fans: Umarmung statt Anfeindungen

Stuttgart in der Krise : VfB-Fans: Umarmung statt Anfeindungen

Der schwer angeschlagene Tabellenletzte VfB Stuttgart beschwört nach der Niederlage im Abstiegsduell gegen eine aufstrebende Borussia aus Dortmund den Zusammenhalt.

Nach einer weiteren deprimierenden Vorstellung im Abstiegskampf gegen eine wiedererstarkte Dortmunder Borussia schlichen die Profis des VfB Stuttgart mit hängenden Köpfen in die Cannstatter Kurve zu ihren Fans. Einige der ernüchterten Anhänger des Tabellenletzten kletterten über die Absperrung, die Situation hatte etwas Bedrohliches, doch dann kam es zum unerwarteten Schulterschluss. Umarmungen statt Anfeindungen, aufmunternder Applaus statt Pfiffe: "Das war außergewöhnlich. Wenn du so zusammenhältst, hast du eine Chance, die Liga zu halten", sagte Sportvorstand Robin Dutt.

Das Spiel jedoch machte weniger Mut. "Ich bin jetzt nicht ratlos", versicherte Huub Stevens nach dem noch schmeichelhaften 2:3 (1:2), "aber ich bin auch kein Messias - oder habe ich etwa Sandalen an?" Sprach's, und strebte in seinen Sportschuhen dem Ausgang entgegen. "Einen schönen Abend", wünschte ihm jemand noch. Stevens' winkte ab: "Das wird sicher kein schöner Abend mehr..." Zu groß sind die Probleme.

Während der BVB nach dem dritten Sieg hintereinander trotz einiger Nachlässigkeiten gestärkt in das Achtelfinal-Hinspiel der Champions League am Dienstag bei Juventus Turin geht, sieht es in Stuttgart düster aus. Allzu harmlos, mutlos, ja trostlos war der Auftritt im sechsten sieglosen Spiel in Serie. Stevens' Mängelliste: Das Aufbauspiel habe "nicht wie gewünscht" funktioniert, spielerisch habe seine Mannschaft "nicht das gebracht", was er erhofft hatte. Zudem hätten sich seine Spieler "nicht immer" gegenseitig geholfen, und die offensiven Wechsel "nichts gebracht" - eine Ohrfeige für Vedad Ibisevic und Filip Kostic.

Auch deshalb gab es nach dem Spiel "Aufwachen!"-Rufe von Teilen des Publikums in der mit 60.000 Zuschauern ausverkauften Mercedes-Benz Arena. "Aktionismus", betonte Dutt jedoch, "bringt jetzt nichts." Stevens darf sich demnach bis auf Weiteres sicher fühlen. Vereinzelte Lichtblicke konnte er ja verzeichnen. Florian Klein gelang beim 1:1 (32., Foulelfmeter) der erste Heimtreffer seit 125 Tagen mit 585 Minuten ohne Tor. Pech für Stuttgart, dass Nuri Sahin, der den Strafstoß verursacht hatte, "zur Überraschung aller" (Dutt) weitermachen durfte.

Mit Sahin kam die Borussia, die durch Pierre-Emerick Aubameyang (25.) in Führung gegangen war, zu weiteren Treffern durch Ilkay Gündogan (39.) und Marco Reus (89.). Weil Georg Niedermeier (90.+1) noch einmal verkürzte, sprach Stevens davon, seine Mannschaft habe sich "nicht aufgegeben". Echten Glauben an die Wende im Spiel oder gar in der Liga war jedoch nicht zu spüren, wenngleich Winter-Zugang Geoffroy Serey Die bei seinem Startelf-Debüt "absolute Führungsspielerqualitäten" (Dutt) zeigte.

Und so war es wohl allein Jürgen Klopps alter Verbundenheit zu seiner Geburtsstadt geschuldet, dass der BVB-Coach meinte, er freue sich "auf ein Wiedersehen im nächsten Jahr". Vor drei Wochen noch sei Dortmund Letzter gewesen, "es geht ganz schnell". Tatsächlich hat sich die Borussia mit ihrer Mini-Serie um sieben Punkte vom taumelnden VfB abgesetzt. Dennoch werde es noch "eine ganze Weile dauern", bis sich Dortmund wirklich aus dem Abstiegskampf verabschieden kann, betonte Klopp.

Am Dienstag ist es in der Königsklasse zumindest vorübergehend soweit. Vor dem Auftritt in Turin gegen Italiens Rekordmeister Juventus, der laut Klopp eine "richtig abgezockte Mannschaft" hat, mahnte er zum "Weitermachen". Das hatte mit den "unnötigen Gegentoren" ebenso zu tun wie mit den zahlreichen "dappig" verspielten Konterchancen, wie Klopp in einem Anflug an seinen Heimatdialekt monierte. Dennoch gab es auch für seine Spieler Beifall - verdientermaßen.

(sid)